Wie ein Komiker Island veränderte

Aus Wut kandidierte der isländische Komiker Jón Gnarr vor dreieinhalb Jahren für das Bürgermeisteramt in Reykjavík. Er wurde gewählt und hat die Sanierung der verschuldeten Hauptstadt vorangetrieben. Eine Erfolgsgeschichte.

ICELAND PARTIES JON GNARR
ICELAND PARTIES JON GNARR
ICELAND PARTIES JON GNARR – (c) EPA (S.OLAFS)

Reykjavík/Berlin. Als er noch hauptberuflich Komiker war, verabredete Jón Gnarr sich in Reykjavík gern in der Zentrale der Kaupthing-Bank. „Ist das nicht ein lustiger und absurder Ort?“, fragte er damals, im Herbst 2009, beim ersten Treffen, als er es sich mit Lederjacke, Jeans und schweren Stiefeln inmitten chic gekleideter Menschen auf schwarzen Ledersofas bequem machte. Jón Gnarr hatte Zeit.

Schon von Weitem sieht man in der isländischen Hauptstadt die glänzende moderne Fassade der Bankzentrale. Drinnen fließt ein gut zehn Meter hoher Wasserfall zwischen zwei Glasscheiben nach unten, an den Wänden hängen Arbeiten des weltbekannten Künstlers Ólafur Eliasson. 2009 stand Island wirtschaftlich am Abgrund. Und Kaupthing war eine von jenen drei großen Banken, die im Jahr zuvor nach Spekulationen pleitegegangen waren.

Jón Gnarr, Vater von fünf Kindern, in zweiter Ehe verheiratet, hatte wie die meisten Isländer mehrere Jobs. In der erfolgreichen TV-Serie „Fangavaktin“ spielt er den herrischen Kommunisten Georg, der dauernd über die Gesellschaft wettert. Gnarr hatte eine Radioshow und arbeitete bei einer Werbeagentur. Bis die Krise kam – sie machte ausgerechnet ihn zum Bürgermeister Reykjavíks. Seit dreieinhalb Jahren ist er somit für ein Drittel der 320.000 Isländer verantwortlich. Im Winter 2009 kommt Gnarr – ehemaliger Punker, Taxifahrer und Pfleger in einer Psychiatrie – nämlich eine Idee: Er gründet die Spaßpartei Besti flokkurinn (Die beste Partei). Seit der damalige Premierminister Geir Haarde am 6. Oktober 2008 den drohenden Staatsbankrott verkündet und seine Rede mit einem ratlosen „Gott segne Island“ beendet hatte, steckte das sonst so optimistische Volk plötzlich in einer Finanz- und Identitätskrise.

„Vor der Krise habe ich mich nie für Politik interessiert“, erzählt Jón Gnarr heute im kargen Besprechungszimmer eines Berliner Hotels. Gerade ist sein Buch „Hören Sie gut zu und wiederholen Sie!!!“ (Klett Cotta) erschienen. Untertitel: „Wie ich einmal Bürgermeister wurde und die Welt veränderte“. Gnarr, mittlerweile 47, ist auf Lesereise. Auch nach mehreren Jahren im Amt hat er seinen legeren Kleidungsstil beibehalten.

 

Ein Eisbär für den Zoo

Im Rückblick erinnert er sich an die Anfänge: „Die Wirtschaftsbosse und Politiker haben mich die ganze Zeit gestört, jetzt ist es mal an der Zeit, dass ich ihr Leben störe“, dachte er damals. Also tat sich Jón Gnarr mit anderen Künstlern zusammen, darunter Einar Örn Benediktsson, früher Sänger der Sugarcubes, mit denen Björk einst ihre Weltkarriere startete. „Es sind alles intelligente und sensible Menschen, die sonst nie in die Politik gegangen wären“, sagt Gnarr heute.

Wie die meisten Komiker ist er im wahren Leben nicht aufgedreht, sondern eher ruhig und zurückhaltend. Er ringt stets nach den treffendsten Worten, zwischendurch spielt er gedankenverloren mit seinem Totenkopfring.

Wer im Frühjahr 2010 in Reykjavík den Wahlkampf von Besti flokkurinn verfolgte, war sich nie ganz sicher, ob die „anarcho-surrealistische Partei“ das wirklich durchziehen würde. Gnarr versprach offen, korrupt zu sein, einen Eisbären für den Zoo, kostenlose Handtücher fürs Freibad, ein drogenfreies Parlament bis 2020, mehr Spaß und, ach ja, sie wollten mal eben die Stadt entschulden und garantierten Wohlstand für alle.

Die Isländer, durch die Krise im Glauben an die etablierten Parteien erschüttert, gaben der Künstlertruppe eine Chance. Am Wahlabend erhielt Besti flokkurinn 34,7 Prozent der Stimmen. „Ich war ein bisschen enttäuscht, dass wir nicht die absolute Mehrheit bekommen haben“, scherzte Gnarr kurz darauf. Wie so oft steckt in seinen Antworten viel Ironie, aber auch ein Stück Wahrheit: Denn tatsächlich wäre ein Neuanfang ohne Koalitionspartner einfacher gewesen, andererseits sind er und seine Parteimitglieder Politiknovizen.

Die Koalition ist bis heute stabil. Die Sozialdemokraten bringen die Erfahrung mit, die Künstler den frischen Blick und den Humor. So ließen sie zeitweise Smileys auf Ampeln kleben und führten den „Guten Tag“-Tag für ein freundlicheres Reykjavík ein. Zur „Gay Pride Parade“ erscheint der Bürgermeister stets als Drag Queen, bei der letzten Parlamentswahl trat er in einem Star Wars-Outfit an die Wahlurne.

 

Keine Zuschüsse für Schulen

So lustig das alles klingen mag, an den Rand seiner Kräfte bringt ihn das Amt gelegentlich schon. Der ehemalige Freelancer, der immer viel Zeit hatte, ist nun für 8000 Mitarbeiter zuständig und muss die verschuldete Hauptstadt sanieren. Der Anarchist gibt offen zu, wenn er etwas nicht versteht. Die Neulinge von Besti flokkurinn holen sich Berater von der Uni an ihre Seite und lesen sich durch Aktenberge. Sie müssen Zuschüsse für Musikschulen streichen, Schulen zusammenlegen, beim angeschlagenen städtischen Energiekonzern werden durch eine Umstrukturierung 60 Mitarbeiter entlassen. Einer der Betroffenen ist der Vater von Parteikollegin Heiđa Kristín Helgadóttir.

„Die Wut und Sorge über die Krise darf dich nicht beherrschen“, betont Gnarr bei jedem Treffen – dieses Mal in Reykjavík. Sein Büro im Rathaus ist immer erstaunlich aufgeräumt. An den Wänden hängen Arbeiten von befreundeten Künstlern, die ihn motivieren sollen – etwa ein Bild von Banksy. Vor seinem Schreibtisch steht ein Rudergerät. In den Pausen gehen die Parteimitglieder auch eine Weile zum Karate. Ohne seine Freunde, sagt er, hätte er diesen Job nie angenommen und durchgezogen.

 

Gemobbt im Politzirkus

Was waren seine größten Leistungen als Bürgermeister? „Die Rettung des Energiekonzerns, dass es Besti flokkurinn überhaupt noch gibt und alle dabei geblieben sind.“ Bis heute wird er von vielen Politikern aus der Opposition angegriffen. „Sie nennen mich dumm, naiv und einen Clown“, erzählt er, „doch das bin ich alles nicht.“ In der Schule und in anderen Berufen wäre so ein Mobbing verboten, im Politzirkus gehört es zum Alltag.

Seiner Popularität tut dies keinen Abbruch. Die einstige Spaßpartei, die 2010 übrigens auch versprach, alle Wahlversprechen zu brechen, würde laut aktuellen Umfragen 37 Prozent bekommen. Doch Gnarr wird bei der Wahl im Frühjahr nicht mehr antreten: „Ich kann nicht weitermachen. Ich bin kein Politiker, sondern ein Künstler.“

Vielleicht seien ihm die harten Entscheidungen auch deshalb leichter gefallen, weil er nie wiedergewählt werden wollte. „Im Prinzip ist Besti flokkurinn eine Illusion, es gibt sie gar nicht“, sagt er. Und doch hat die Gruppe eine neue politische Kultur geschaffen. Viele Freunde bleiben 2014 dabei. Die Schwesterpartei „Björt framtíđ“ („Die leuchtende Zukunft“) gewann vor einem Jahr bereits einige Sitze im Parlament. Wie es nach dem Ende seiner Amtszeit weitergeht, das will Jón Gnarr noch nicht verraten.

Und an welchem absurden Ort würde er sich heute verabreden? Die Antwort kommt schnell: „Im isländischen Parlament.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.02.2014)

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