Al-Qaidas schlimmster Albtraum

In den drei von der Partiya Yekitîya Demokrat (PYD) verwalteten kurdischen Bezirken Cezire, Afrin und Kobani kämpfen Frauen um ihre Rechte und ihre Freiheit – auch bewaffnet.

Widerstand gegen al-Qaida. Kurdische Kämpferinnen in Syrien.
Widerstand gegen al-Qaida. Kurdische Kämpferinnen in Syrien.
Widerstand gegen al-Qaida. Kurdische Kämpferinnen in Syrien. – Mary Kreutzer

Cezire. Verbot von Polygamie und Brautgeld, von Kinderehen und Zwangsheirat, Reform des Erbschaftsrechts: Im kurdischen Bezirk Cezire im Norden Syriens liefen die Vorbereitungen für den Weltfrauentag auf Hochtouren. Die regierende PYD (Partiya Yekitîa Demokrat) arbeitet an einem Paket von Gesetzesänderungen. „Wir haben lange den Kampf gegen das Regime geführt. Jetzt ist die Zeit des Übergangs gekommen. Die Revolution in Rojava ist eine Frauenrevolution“, so PYD-Chefin Asya Abdullah.

Frauen sind in Rojava mittlerweile auf allen Ebenen der Politik, Verwaltung und der Sicherheitsorgane vertreten. Während dieser Umbruch auf politischer Ebene relativ reibungslos vor sich ging, wird es allerdings noch dauern, bis diese Veränderungen auch in der Gesellschaft angekommen sind. In den Familien herrschen oft zutiefst patriarchale Geschlechterverhältnisse.

Männer, die bei kurdischen Familien in Syrien zu Besuch sind, bekommen Frauen oft nur zu Gesicht, wenn sie mit gebeugtem Rücken Tee auf einem Tablett in das Gästezimmer tragen und den Gästen kredenzen. Die Öffentlichkeit ist nach wie vor die Sphäre des Mannes, das Haus die Sphäre der Frau.

„Frauen in Syrien sollen nur schön sein. Dann sollen sie noch den Mund halten und sich vorrangig in Küche und Schlafzimmer aufhalten. Unsere wichtigste Aufgabe besteht darin, damit Schluss zu machen.“ Lorin Ibrahim ist jung, eloquent und selbstsicher. Sie ist eine der Leiterinnen der Mesopotamischen Akademie im nordsyrischen Qamisli, einer Kaderschmiede der PKK-Schwesterpartei PYD.

 

Feminismus à la Öcalan

Wie die Mutterpartei legt die PYD größten Wert auf die Veränderung der traditionellen Geschlechterverhältnisse. Kurse in Geschichte oder Wissenschaft sollen den Nachwuchs in die Theorien des allgegenwärtigen Abdullah Öcalan einführen und sattelfest machen. Auch feministische Theorie wird hier ausschließlich anhand der Lehren des großen Führers diskutiert.

Frauenrechte sind dennoch mehr ist als bloße Rhetorik. „Wer mehr als eine Frau heiratet, fliegt aus der Partei. Wir wollen die Gesellschaft verändern, also müssen sich auch die Männer in der Partei ändern.“ Nojeen Youssef hat eine führende Position in der YJA Star, der PYD-nahen Frauenunion. „Wir akzeptieren keine Ehe unter 18 Jahren. Wenn Frauen sich scheiden lassen wollen, unterstützen wir sie durch unseren Gerichtshof. Gewalt gegen Frauen tolerieren wir nicht.“

Doch nicht nur in der Politik sind Frauen präsent. Auch die Waffen haben kurdische Frauen fest im Griff. Die Fraueneinheit Daria ist im Süden der größten kurdischen Stadt Qamishli stationiert. Mit geschulterten Kalaschnikows und kräftigem Händedruck begrüßen sie Besucher. Morgen stehen sie wieder im Gefecht, werfen Granaten, ballern sich den Weg mit Duschka-Maschinengewehren frei, wälzen sich an der Front.

Ihre Feinde sind die jihadistischen al-Nusra-Milizen. Als vor einem Jahr die Fraueneinheiten gegründet wurden, nahmen ihre Gegner sie nicht ernst. „Doch die Terroristen stellten bald fest, dass wir noch härter kämpfen als Männer, und so lernten sie, uns zu fürchten“, sagt Shahide Adalat, so der Nom de Guerre der Kommandantin. „Die Banden von Daash dachten zu Beginn, dass die Männer, die durch unsere Kugeln starben, nicht ins Paradies kämen, so sehr verachteten sie uns. Doch jetzt versuchen sie sogar, uns zu imitieren.“

 

Flucht vor Zwangsheirat

Zur Kritik der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch an den teilweise minderjährigen Kämpferinnen der YGJ meint Adalat: „Manchmal flüchten Mädchen aus ihren Familien zu uns, weil sie zwangsverheiratet werden sollen. Wir schicken sie nicht zurück und beschützen sie, aber sie dürfen nicht an die Front.“

In der Einheit kämpfen arabische, christliche und kurdische Frauen zusammen. Die angeblich 19-jährige Shilan, die aussieht wie 15, ist Araberin. In der Einheit kämpft auch eine junge Christin, die ein großes silbernes Kreuz umgehängt hat.

Ob sie sich davor fürchten, eines Tages wieder hinter Herd und Ofen zu verschwinden? „Unser Bewusstsein hat sich so stark verändert“, meint Adalat. „Uns kann auch in Friedenszeiten niemand mehr unterdrücken.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.03.2014)

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