USA: Aufregend, abstoßend, faszinierend

Als ich vor mehr als 30 Jahren in den USA studierte, war das ein weltoffenes und großartiges Land. Die Universitäten sind immer noch die besten der Welt. Doch vieles verstört heute – unter anderem die überbordende Bürokratie.

USA STATUE OF LIBERTY CROWN
USA STATUE OF LIBERTY CROWN
(c) EPA

Amerika Anfang der 1980er-Jahre: Das war ein unglaubliches Gefühl der Freiheit, der Weite – keine Berge, die den Blick auf die Welt verstellen, um Thomas Bernhard frei zu zitieren. Ein Gefühl des Ich-bin-hier-willkommen-Seins. Studenten aus dem Ausland werden mit offenen Armen aufgenommen. Die USA wollen zeigen, was für ein weltoffenes und großartiges Land sie sind.

Die Welt in den 1980er-Jahren ist klar eingeteilt in Einflusssphären: in die der USA und die der Sowjetunion. Es herrscht Kalter Krieg, der Staatsfeind Nummer eins heißt Sowjetunion – und nicht internationaler Terrorismus.

Amerika 30 Jahre später: Ich komme in ein Land zurück, das Angst hat. Ganz besonders vor Ausländern. Alles ist anders seit dem 11. September 2001. Schuhe ausziehen bei der Sicherheitskontrolle auf dem Flughafen sowieso. Ausweiskontrollen in so gut wie allen Bürogebäuden in New York oder Washington. Wie weit die Abhörwut der NSA geht, weiß inzwischen die ganze Welt. Eine überbordende Bürokratie: EU-Führerschein auf einen US-amerikanischen umschreiben? Geht nicht. Der Führerschein muss neu gemacht werden. Dreimal spreche ich beim DMV vor, dem Department of Motor Vehicles, mit seinen berüchtigten Wartezeiten, bis ich endlich alle Papiere habe und zur Führerscheinprüfung überhaupt antreten darf. Meinen EU-Führerschein will man mir wegnehmen, ich muss um ihn kämpfen.

Handyvertrag? Geht nicht. Ich habe keine „credit history“! Wer in diesem Land noch nie einen Kredit hatte, dem traut man nicht. Je mehr Kredite man hat, desto mehr Kredite gibt es. Jetzt verstehe ich die Subprime-Krise wirklich. Um meine „credit history“ aufzubauen, finanziere ich das Auto auf Kredit – der Durchschnittsamerikaner zahlt weniger als ein Prozent Zinsen, Ich zahle 9,25 Prozent. In der „Washington Post“ erscheint zur selben Zeit der Artikel eines französischen Diplomaten, der die Absicht hatte, ein Haus zu kaufen, und inzwischen aufgegeben hat. Ein Diplomat ist offenbar genauso suspekt wie eine Fernsehjournalistin.

Die USA heute sind ein Land, das das Interesse am Rest der Welt verloren hat. Die Hauptnachrichten: Local News. Wenn überhaupt. Eine Quote wie die „Zeit im Bild“, eine Million Zuseher in einem Land von knapp neun Millionen – davon können die großen TV-Sender hier nur träumen. Der Krimi um das abgestürzte malaysische Flugzeug ist spannend. Die Krim-Krise ist es nicht.


Präsident in der Zwickmühle.
Mehr als zehn Jahre Krieg mit fast 7000 gefallenen Amerikanern haben das Land geprägt. Die USA haben kein Interesse mehr, die Welt zu verändern. „Boots on the ground“, Bodentruppen in Kriegsgebieten, ist 2014 ein absolutes Tabu – für Demokraten wie Republikaner. Der Präsident ist in der Zwickmühle. Zu Beginn seiner Amtszeit in Europa als Messias bejubelt, hat Obama keine Chance, der Erwartungshaltung gerecht zu werden. Ein Intellektueller als Präsident kommt nicht wirklich gut. Will er in Syrien nicht ohne Rückhalt des Kongresses agieren, heißt es, er zaudert und zögert. Schlägt er zu, heißt es, die USA spielen sich als Weltpolizist auf.

Keines seiner Vorhaben der zweiten Amtszeit hat Obama bisher durchsetzen können. Es gibt kein strenges Waffengesetz, es gibt noch immer keine Einwanderungsreform – aber elf Millionen illegal hier lebende und zum Teil hier aufgewachsene Menschen, die das Land als Arbeitskräfte dringend braucht. Die Einkommensschere geht immer weiter auf. Inzwischen verdient ein Prozent der Amerikaner ein Viertel des Gesamteinkommens der USA. Mit Obama haben die USA zwar den ersten schwarzen Präsidenten, aber von Rassengleichheit keine Spur. Ein Lokalaugenschein in Birmingham, Alabama, letzten Sommer lässt eine Reportage viel negativer ausfallen, als ich sie ursprünglich konzipiert habe.

Das Land ist gespalten, der Kongress das beste Symbol dafür. „Die Politik ist heute Amerikas Achillessehne“, schreibt „New York Times“-Kolumnist Thomas Friedman. Der kleine rechte Rand der Republikaner, die Tea Party, treibt den Rest der Partei vor sich her. Republikaner und Demokraten können längst nicht mehr miteinander. Um Machtspiele geht es im Kapitol – um nichts sonst. So ist auch der fulminante Erfolg der Serie „House of Cards“ zu verstehen. Obama selbst ist ein Fan.

Genug. Das soll kein Amerika-Bashing werden. Wenn der Anfangsschock überwunden ist, blitzt hier und da viel Positives auf. Das soziale Gewissen ist erwacht. Obama hat es geschafft, erstmals in der US-Geschichte eine Krankenversicherung für alle durchzusetzen. Bei der Einführung hapert es noch. Klimaschutz ist kein Schimpfwort mehr. Das Umdenken hat begonnen.


Trendsetter.
Die USA geben heute noch gesellschaftliche Trends vor – die Anerkennung der gleichgeschlechtlichen Ehe geht mit nahezu rasantem Tempo voran. Sogar Marihuana ist auf dem Weg der Liberalisierung. Die globale Jugendkultur ist geprägt von amerikanischen Einflüssen. Fragen Sie Teenager in Ihrer Umgebung, welche Musik sie hören, welche Serien sie sehen.

Amerika ist immer noch das Land, in dem Leistung zählt. „Protestant work ethic“ nannte man das in meiner Studienzeit. So protestantisch ist es heute nicht mehr, aber die „work ethic“ gibt es noch. „One day I will be rich“, sagt Fernando, Immigrant aus El Salvador, der Reparaturen aller Art durchführt und bereits selbst Subunternehmer anstellt. Ich habe keinen Zweifel daran, dass Fernando einmal reich sein wird. Wer viel arbeitet und gut verdient, der wird hier bewundert, nicht beneidet.

Und bei allen Vorbehalten gegenüber den Behörden: Kein Cop darf mich hier in Washington ohne Grund zur Ausweiskontrolle anhalten. In Österreich schon. Die Universitäten sind die besten der Welt. Wer es sich leisten kann, will hier studieren – Kinder kommunistischer Machthaber eingeschlossen: Die Tochter des chinesischen Präsidenten Xi Jinping studiert in Harvard.

Die USA heute sind anders, kein Zweifel, aber immer noch gilt: Bei jedem globalen Ereignis blickt die Welt aufs Weiße Haus. Hier Korrespondentin zu sein, das ist der spannendste Job, den ich mir vorstellen kann.

Zur Person

Hannelore Veit
Seit Jänner 2013 Bürochefin der ORF-Außenstelle in Washington. Veit studierte Dolmetsch in Wien (Englisch, Spanisch) sowie Amerikanistik in den USA. In Tokio arbeitete sie als Korrespondentin – auch für den ORF. Ab 1993 war Veit (mit Unterbrechung) bis Ende 2012 Moderatorin der „Zeit im Bild“.
ORF

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.03.2014)

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