Nildamm verschärft Wasserproblem

Ein neues gigantisches Kraftwerk lässt die Situation zwischen Äthiopien und Ägypten eskalieren: Nach vier Anläufen sind die technischen Gespräche abgebrochen worden.

(c) REUTERS (TIKSA NEGERI)

Kairo. Die Töne werden immer schriller, in Kairo liegen die Nerven blank. Ägypten habe das Recht, seine nationale Sicherheit zu verteidigen, deklamierte Außenminister Nabil Fahmy und kündigte den Machthabern in Addis Abeba eine „entschiedene Antwort“ an, falls die kommenden Verhandlungen keine Garantien für Ägyptens Wasserversorgung bringen sollten.

Doch danach sieht es nicht aus. Die technischen Gespräche zwischen Äthiopien, Sudan und Ägypten über den neuen Großen Äthiopischen Renaissance-Damm (Gerd) am Oberlauf des Blauen Nils sind nach vier Anläufen endgültig abgebrochen worden. „Alles nur Zeitverschwendung“, tobte Kairos Wasserminister, Muhammad Abdul Muttalib. Selbst seine Forderung, Einblick in die Konstruktionspläne zu bekommen, wird von äthiopischer Seite beharrlich ignoriert.

Denn Addis Abeba hat kein Interesse, sein ehrgeiziges Prestigeprojekt zu reduzieren oder sich gar einen Baustopp für die 4,8 Milliarden-Dollar-Investition aufzwingen zu lassen. Ein Drittel der gigantischen Konstruktion steht bereits, im Herbst 2017 soll der Damm eingeweiht werden. 75 Milliarden Kubikmeter wird der neue künstliche Hauptsee einmal fassen, die vier geplanten Nebentalsperren mindestens noch einmal das gleiche Volumen – das entspricht fast der dreifachen jährlichen Wassermenge des Nils für Ägypten. Am Ende soll die 145 Meter hohen Nilbarriere gut 6000 Megawatt Strom produzieren. Um das gigantische Becken zu füllen, muss Äthiopien den Blauen Nil für fünf Jahre erheblich drosseln. Schätzungen zufolge werden jährlich 15 bis 20 Milliarden Kubikmeter Wasser in diesem Zeitraum fehlen, das ist mehr als ein Drittel des üblichen Volumens.

 

Trinkwasser für das Kabinett

Schon jetzt leidet Ägypten unter einer immer brisanteren Trinkwasserkrise, auch weil der Nil wegen seiner zu niedrigen Wasserstände zunehmend verschmutzt. Immer wieder kommt es zu Massenerkrankungen durch Abwässer und Industriegifte, die ungeklärt in den Strom fließen. Man könne nicht mehr Volumen aus dem eigenen Assuan-Staubecken ablassen, um die Schadstoffe stärker zu verdünnen und ins Mittelmeer auszuspülen, erklärte der Wasserminister, der weiß, dass sein Land wegen der wachsenden Bevölkerung jeden Liter braucht. Rund 95 Prozent der 85Millionen Ägypter drängeln sich im Niltal, das lediglich fünf Prozent der Staatsfläche ausmacht.

Und so ordnete der neue Ministerpräsident, Ibrahim Mahlab, kürzlich in einer hilflosen wie symbolischen Aktion an, bei Kabinettssitzungen solle künftig nur noch Leitungswasser serviert werden. Auf diese Weise wolle die Regierung „ihren Lebensstil mit den normalen Leuten teilen“.

Der Blaue Nil steuert 80 bis 90Prozent zum gesamten Fluss bei, der Rest stammt aus dem Weißen Nil. Und so ist die Wasserkrise vor allem ein Konflikt zwischen Äthiopien und Ägypten. Denn ausgerechnet während der Revolution am Nil, als Kairo politisch total gelähmt war, schuf Addis Abeba einseitig Fakten. Im März 2011, sechs Wochen nach dem Sturz von Hosni Mubarak, wurde der Grundstein für den neuen Superdamm nahe der sudanesischen Grenze gelegt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.03.2014)

Kommentar zu Artikel:

Nildamm verschärft Wasserproblem

Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.

Meistgelesen