Schienenverkehr ist Feinstaub-Mühle

Laut Studie der TU Wien verursachen vermeintlich „saubere“ Schienenfahrzeuge genauso viel Feinstaub wie der Straßenverkehr. Grund sei der Einsatz von Bremssand.

(c) Die Presse (ens Fabry)

Wien. „Ein Mal die Woche Öffis fahren, 63 Tonnen weniger Feinstaub jährlich“, brüllt seit Monaten eine Informationskampagne des Umwelt-Ressorts des Wiener Rathauses durch sämtliche Medien-Kanäle. Nach neuesten, wissenschaftlichen Erkenntnissen könnten diese Informationen jedoch schlichtweg falsch sein. Eine der „Presse“ vorliegende Forschungsarbeit der Technischen Universität Wien räumt nämlich mit der als gesichert geltenden Meinung auf, dass das Benutzen von Schienenfahrzeugen wie Eisenbahn, U-Bahn und Straßenbahn die Emission von Feinstaub verringert. Im Gegenteil. Glaubt man den Ergebnissen der noch unveröffentlichten Arbeit, produzieren allein die Schienenfahrzeuge der Wiener Linien fast genauso viele PM10-Staubpartikel (PM10 steht für eine Korngröße von 10 Mikrometer) wie der Straßenverkehr.

Was auf den ersten Blick fast absurd erscheint, wird auf den zweiten durchaus plausibel. Als Hauptursache für die hohe Feinstaub-Emission macht die Studie mit dem Titel „Feinstaub PM10 aus dem Schienenverkehr“ die gewaltige Menge an Bremssand aus, die beim Anfahren und Bremsen von den Schienenfahrzeugen selbst auf die Geleise gestreut und anschließend zu Staub zermahlen wird. Mit dieser Vorgehensweise wird die Reibung zwischen Rädern und Schienen erhöht.

Hinzu kommen in verhältnismäßig geringem Ausmaß Emissionen, die durch den Verschleiß von Rädern, Bremsen und des Fahrdrahtes (Oberleitung) stammen.

Alles in allem ergibt sich demnach allein für die Bundeshauptstadt Wien eine jährliche PM10-Emission von 482 Tonnen, davon 417 Tonnen aus zermahlenem Bremssand und 65 Tonnen aus anderem Abrieb. Zum Vergleich: Der Autoverkehr bringt es auch „nur“ auf 535 Tonnen.

Giftiger Quarzsand

Einziger Schönheitsfehler der Studie: Sie wurde ausgerechnet am Institut für Verbrennungskraftmaschinen und Kraftfahrzeugbau erstellt. Dazu Studien-Leiter Hans Peter Lenz: „Es ist nicht unsere Absicht, nun die Schienenfahrzeuge schlecht zu reden. Vielmehr ging es uns darum, ein wenig Licht in ein bis dato weitgehend unerforschtes Themengebiet zu bringen.“

Tatsächlich ist die Feinstaub-Emission von Schienenfahrzeugen weitgehend unerforscht. Bisher existiert lediglich in der Schweiz eine vergleichbare Untersuchung, die die Schweizerischen Bundesbahnen betrifft. Diese Untersuchung ist es auch, mit deren Hilfe die Wissenschaftler einen Emissionswert für die ÖBB errechneten. Diese machten gegenüber den Autoren nämlich ein großes Geheimnis aus der jährlich aufgebrachten Bremssand-Menge. Ergebnis: Laut Hochrechnung emittieren die ÖBB jährlich 4817 Tonnen Feinstaub – das sind mehr als zehn Prozent aller österreichischen Feinstaub-Emissionen (47.000 Tonnen).

Feinstaub-Experte Hans Puxbaum vom Institut für Chemische Technologien und Analytik hält die Ergebnisse der Studie „durchaus für schlüssig“. Besonders alarmierend ist seiner Meinung nach die Tatsache, dass als Bremssand hochgiftiger Quarz zum Einsatz kommt. „Hier besteht absoluter Handlungsbedarf.“

Zu Feinstaub zermahlener Quarzsand gilt als hochgradig krebserregend. Auf Österreichs Straßen ist seine Verwendung als Streugut für den Winterdienst längst verboten. Puxbaum: „Betreiber von Schienennetzen müssten sich ernsthaft überlegen, anstatt Quarz andere Sand-Typen zu verwenden.“

IN ZAHLEN

Laut Studie emittieren die Schienenfahrzeuge der Wiener Linien jährlich 482 Tonnen Feinstaub. Der Straßenverkehr 535 Tonnen. Gemäß Hochrechnung verursachen die ÖBB 4817 Tonnen PM10. Das sind mehr als zehn Prozent der österreichischen Gesamt-Emissionen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.07.2007)

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