Eisschmelze: Bald können Schiffe durch die Nordwestpassage

Die dramatische Erwärmung gibt den Wasserweg vom Atlantik zum Pazifik durch die Arktis frei.

(c) AP (Paul Nicklen)

Ottawa. Die Eisfläche in der Arktisregion ist in diesem Jahr dramatisch gesunken und hat frühere Prognosen von Wissenschaftlern über das Abschmelzen des Nordpolareises deutlich übertroffen. Damit ist erstmals der Schifffahrtsweg durch Kanadas arktische Inselwelt, der kanadische Teil der Nordwestpassage vom Atlantik zum Pazifik, eisfrei und befahrbar. Schiffe könnten dadurch bis zu 8000 km an Fahrstrecke sparen.

Wie der dänische Wissenschaftler Leif Toudal Pedersen anhand von Satellitenaufnahmen der europäischen Raumfahrtagentur ESA belegte, ist die Eisfläche in diesem Jahr eine Million Quadratkilometer kleiner als in den beiden vergangenen Jahren. Sie umfasst jetzt nur noch rund drei Millionen Quadratkilometer.

Pedersen nannte den Rückgang der Eisfläche „extrem“. Es ist der stärkste Schwund seit Beginn der Satellitenaufnahmen vor 30 Jahren. Bisher waren Wissenschaftler davon ausgegangen, dass die Arktis etwa um 2040 im Sommer weitgehend eisfrei sein könnte. Nun kommt dies vermutlich deutlich früher, falls nicht einige extreme Winter und kurze Sommer in den nächsten Jahren den Trend stoppen. Der Verlust von einer Million Quadratkilometer in diesem Jahr ist erschreckend: Wissenschaftlicher waren von einem durchschnittlichen Verlust von nur 100.000 Quadratkilometer pro Jahr ausgegangen.


Auswirkungen auf Weltklima

Klimawandel und die globale Erderwärmung werden als Ursache für den Rückgang des Arktiseises gesehen. Die Veränderungen haben beträchtliche Auswirkungen auf das Weltklima, weil die Arktis dieses beeinflusst. Wirtschaftlich ist der Verlust der Eisfläche bedeutend, weil damit die Förderung von Bodenschätzen auf dem arktischen Festland, den Inseln oder – im Falle von Erdöl und Erdgas – im arktischen Ozean erleichtert wird.

Unmittelbare Folgen hat die Eisschmelze für die Schifffahrt. Jahrhundertelang lockte die legendäre Nordwestpassage, der Wasserweg durch die Inselwelt im Norden Kanadas, Forscher an. Sie suchten den Weg durch die arktische Inselwelt als Alternative zur Seeroute um Südamerika herum. Die Nordwestpassage wäre der kürzeste Seeweg zwischen Atlantik und Pazifik. Schiffe gingen im Eis verloren, Menschen kamen ums Leben. Zwar hatten Inuit und Indianervölker des Nordens die Passage schon vor Jahrhunderten befahren, aber sie war nicht dokumentiert. 1570 stieß der Brite Martin Frobisher in den Norden Kanadas vor, kam aber nur in die Bucht der Baffin-Insel, die heute seinen Namen trägt. Weitere britische Kapitäne folgten. Die tragischste Expedition ist die des Briten John Franklin, der 1845 mit zwei Schiffen in den Norden vordrang, vom Eis eingesperrt wurde und mit 128 Besatzungsmitgliedern umkam.

Zwischen 1903 und 1906 gelang Roald Amundsen die erste Durchfahrt der Nordwestpassage über eine Südroute durch die heutige Victoria-Straße. Er musste zweimal überwintern und verbrachte mehrere Monate bei den Inuit im heutigen Gjoa Haven – benannt nach Amundsens Schiff Gjoa.


8000 km Ersparnis

Die zweite Passage folgte 40 Jahre später, als ein Schiff der kanadischen Polizei RCMP, die St. Roch, die Inselwelt passierte. Auch dieses Schiff brauchte zwei Jahre. Im Jahr 2000 fuhr wieder ein RCMP-Schiff durch die Passage. Es brauchte nur wenige Wochen. Über weite Strecken habe man kein Eis gesehen, berichtete der Kapitän.

Der Seeweg von Europa nach Asien durch den Panamakanal ist 23.000 Kilometer lang, die Nordwestpassage in Nord-Kanada würde ihn auf 15.000 Kilometer verkürzen. Bisher blockierte dickes Eis den Weg, nur im zweimonatigen Sommer war der mühevolle Weg durch Eismassen möglich. Solange das Wasser zwischen den Inseln fast ganzjährig von Eis bedeckt war, konnte Kanada das Eis quasi als Brücke zwischen den Inseln und Teil seines „Landes“ deklarieren.

Dies hat sich geändert. Durch den Schwund des Eises wird die Nordwestpassage zu einem Wasserweg, der mehrere Monate befahren werden kann. Er kann zu einer internationalen Schifffahrtsstraße werden. Kanada erhebt Hoheitsansprüche auch auf die Gewässer zwischen den Inseln; die USA und die EU bestreiten diese.

LEXIKON

Wissenschaftler gingen bisher davon aus, dass der Nordpol bis 2040 eisfrei sein könnte. Vermutlich wird dies aber schon früher der Fall sein. Die Eisfläche im Nordpolargebiet ist im letzten Jahr um eine Million Quadratkilometer geschrumpft.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.09.2007)

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