Tilidin: Die Droge, die aggressiv macht

In Deutschland häufen sich Gewaltdelikte unter Einfluss der Substanz „Tilidin“. Das Problem ist, dass die Täter selbst keine Schmerzen spüren.

Die Presse (Clemens Fabry)

BERLIN/WIEN. Eigentlich klingt die Sache recht nett: "Nach 15 bis 20 Minuten hat sich bei mir ein breites Grinsen bemerkbar gemacht und auch sonst ein euphorisches Feeling", schreibt ein Drogenkonsument, der sich "Victim of Reality" nennt, auf der Homepage der "psychedelischen Community" www.land-der-traeume.de. Er hatte zuvor eine Substanz namens "Tilidin" genommen. "Das hat sich noch gesteigert", setzt er fort, "und ich war überrascht, wie krass eine einzige Tablette ballern kann."

Weniger nett klingen aktuelle deutsche Polizeiberichte: Da ist von durch Tilidin aufgepeitschten Jugendlichen die Rede, die Passanten oder Rivalen verprügeln, Tankstellen ausrauben, der Polizei wüste Verfolgungsjagden liefern – und dann kaum zu überwältigen sind, da sie nicht nur völlig gaga, sondern auch weitgehend schmerzfrei sind: Tilidin ist nämlich in erster Linie ein starkes Schmerzmittel.

"Müssen den Arm brechen"

"Wer eine hohe Dosis davon genommen hat, wehrt sich bei der Festnahme wie ein Berserker", sagt Hauptkommissar Andreas Wolter von der Berliner Polizei. "Er tritt, beißt, spuckt und reagiert nicht mal auf Pfefferspray." Und: Die Beamten stellten fest, dass die gewöhnlichen schmerzhaften Griffe, mit denen sie Delinquenten zur Räson bringen, nicht wirken. Sie müssten extrem zupacken und den Tätern nötigenfalls den Arm auskugeln – oder brechen. "Die Konsumenten entwickeln Größenwahn, fühlen sich vollkommen überlegen", berichtet ein ehemaliger Mitarbeiter des Berliner Drogenkommissariates im deutschen Magazin "Der Spiegel".

Der in den 70er-Jahren entwickelte Wirkstoff Tilidin, ein Opioid, ist etwa in Schmerztabletten bzw. -Tropfen der Marke "Valoron® N" enthalten. Sie werden nach Operationen, für Rheuma- oder Krebspatienten verschrieben. Sie wurden rasch von der Drogenszene entdeckt, da sie Entzugserscheinungen von Heroin linderten bzw. ähnliche Wirkungen erzeugten; daher werden sie seit 1978 mit der Substanz Naloxon versetzt, die jene Wirkungen unterdrückt.

Nur: In den vergangenen Jahren wurden Tilidin-Präparate offenbar als Angstlöser und "Coolmacher" wiederentdeckt – und haben, wie Erfahrungen der Polizei in mehreren deutschen Bundesländern zeigen, mitunter fatale Folgen: So hatte Mike P., jener 16-Jährige, der im Mai 2007 bei der Eröffnung des neuen Berliner Hauptbahnhofs Dutzende Menschen mit einem Messer teils schwer verletzte, zuvor kräftig Tilidin eingeworfen.

Tilidin-Präparate sind nur verschreibungspflichtig und unterliegen sonst keinen besonderen Erschwernissen beim Erwerb. Deutsche Apotheker berichten seit geraumer Zeit, dass bei Einbrüchen immer häufiger Tilidin-haltige Medikamente mitgenommen würden. Viele Ärzte verschreiben laut "Spiegel" Jugendlichen keine Tilidin-Präparate mehr, der Apothekerverband von Baden-Württemberg warnte jüngst vor gefälschten Tilidin-Rezepten – die übrigens größtenteils von Personen "arabischer Herkunft" eingelöst würden.

Beliebt bei jungen Muslimen?

Auch die Polizei will diese Beobachtung gemacht haben: Tilidin-Rabauken seien meist Jugendliche muslimischer Zugehörigkeit, vor allem in Berliner Problem-Stadtteilen wie Neukölln und Wedding. Theorie der Polizei: Anders als Stoffe wie Alkohol, Kokain, Heroin und (grundsätzlich zumindest) Haschisch, die für Muslime tabu sind, besteht kein religiöses Verbot gegenüber Medikamenten.

In Österreich hat man mit Tilidin-Missbrauch bisher offenbar keine Erfahrung: Mehrere von der "Presse" befragte Drogenberatungsstellen und Ärzte wollen keine einschlägigen Beobachtungen in der Szene gemacht haben.

HINTERGRUND

Tilidin ist ein Analgetikum aus der Gruppe der Opioide, das bei starken Schmerzen, etwa nach Operationen, verabreicht wird. Es ist verschreibungspflichtig. In kleinen Mengen entspannend und euphorisierend, kann es in großen Mengen, zumal in Kombination mit anderen Substanzen, aggressionssteigernd wirken. Das ist mittlerweile in vielen deutschen Polizeiberichten dokumentiert.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.01.2008)

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