Sekten-Drama: Die Kinder der Polygamie-Ranch

Eine Sekte zwang Kinder zu Heirat und Sex. Der Gründer der auf Polygamie setzenden Gemeinschaft ist Warren Jeffs.

(c) AP (Brian Connelly)

Houston (DPA, Reuters).Die Mädchen haben ein Alter von sechs Monaten bis 17 Jahren. Viele von ihnen sollen missbraucht worden sein. Nach der Erstürmung einer Sekten-Ranch in Texas werden nun langsam erste Details des Lebens hinter dem Stacheldrahtzaun bekannt. Am Freitagabend hatte die Polizei das Gelände in der Nähe von Eldorado gestürmt. 137 Kinder und 46 Frauen wurden in Sicherheit gebracht.

Auf der Ranch soll es nach Aussage der Ermittler zu regelmäßigen Misshandlungen der jungen Mitbewohner und von Frauen gekommen sein. Die genauen Umstände des Lebens in der Sekte waren zunächst nicht bekannt. Man müsse jetzt die Kinder einzeln befragen um herauszufinden, wer von ihnen missbraucht worden sei, sagte eine Sprecherin des Jugendamtes. „Wir haben es mit Kindern zu tun, die an den Kontakt mit der Außenwelt nicht gewohnt sind. Daher müssen wir sehr vorsichtig vorgehen.“ Die Polizei sei eingeschritten, nachdem sie glaubwürdige Berichte erhalten habe, dass ein 50-jähriger Mann ein Verhältnis mit einer 16-jährigen hatte und die Jugendliche geschwängert haben soll.


Bis zu drei Ehefrauen erlaubt

Der Einzelfall dürfte auf dem Gebiet der Sekte System gehabt haben. Abtrünnige Mitglieder berichten von erzwungenen Ehen mit Minderjährigen, Kindesmissbrauch, Erpressung und Nötigung. Der Gründer der auf Polygamie setzenden Gemeinschaft ist Warren Jeffs. Er hat die abtrünnige fundamentalistischen Mormonen-Sekte mit dem Namen „Fundamentalist Church of Christ of Latter Day Saints“ ins Leben gerufen und zahlreiche Anhänger angeworben. Die insgesamt rund 10.000 Mitglieder der Sekte leben zumeist an der Grenze zwischen den Staaten Utah und Arizona in polygamen Haushalten. Jeffs erlaubte seinen männlichen Anhängern bis zu drei Ehefrauen.

Bei seiner Festnahme stand Jeffs auf der Liste der meistgesuchten Verbrecher der amerikanischen Bundespolizei. Bereits im vergangenen Jahr war er in Utah zu einer zehnjährigen Haft verurteilt worden, weil er ein 14-jähriges Mädchen zur Heirat und zum Vollzug der Ehe mit ihrem 19-jährigen Cousin gezwungen hatte.

Wie lokale Medien berichten, gab es vor der Erstürmung durch die Polizei bereits mehrere Versuche der Behörden, auf das Gebiet der Sekte zu gelangen und die Umstände zu untersuchen. Das riesige Gelände der Ranch war von einem bewaffneten privaten Schutzdienst streng bewacht worden. Insgesamt hatten 400 Personen auf dem Gebiet gelebt.


Viele junge Mädchen schwanger

Die Behörden ließen zunächst offen, was nun mit den Kindern und Frauen geschehen werde, die von der Polizei in Gewahrsam genommen wurden. Voraussichtlich werden sie vorübergehend in privaten und staatlichen Wohlfahrtseinrichtungen untergebracht. Viele der jungen Mädchen, so hieß es, seien schwanger. Besonderes Engagement für die jungen Insassen der Ranch zeigte die Baptisten-Kirche, die alle geretteten Personen auch mit ihren Bussen abgeholt hatte.

AUF EINEN BLICK

Der Gründer der Sekte, Warren Jeffs, hat seine „Fundamentalist Church of Christ of Latter Day Saints“ von den Mormonen abgespalten. Er hat rund 10.000 Anhänger. Den männlichen Mitgliedern wird die Ehe mit bis zu drei Frauen erlaubt. Um dies zu ermöglichen, wurden auch Mädchen zur Heirat gezwungen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.04.2008)

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