Argentinien: Besitzt Vatikan Hinweise zu geraubten Kindern?

Eine Gründerin der Menschenrechtsorganisation „Großmütter der Plaza de Mayo“ wirft der katholischen Kirche Mitwisserschaft bei Untaten des früheren Militärregimes vor. Papst Franziskus wurde um Hilfe gebeten.

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(c) EPA (Maurizio Brambatti)

Buenos Aires/Vatikan. Eine der Gründerinnen der argentinischen Menschenrechtsorganisation „Großmütter der Plaza de Mayo“ hat dem Vatikan vorgeworfen, Unterlagen über Babys zurückzuhalten, die während der argentinischen Militärdiktatur (1976 bis 1983) Eltern, die damals Aktivisten der Demokratiebewegung waren, geraubt worden seien – das sagte Maria Isabel Chorobik de Mariani in einem Radiointerview, wie das Nachrichtenportal amerika21.de am Wochenende berichtete.

Mariani sucht seit 1976 nach ihrer Enkelin Clara Anahi, die drei Monate alt war, als sie in La Plata von Einsatzkräften der Militärjunta entführt wurde. Gemeinsam mit anderen Frauen der Großmütter der Plaza de Mayo wandte sich Mariani zuerst an die Kirche und an die örtliche Polizei. Jedoch seien ernsthafte Nachforschungen sehr schnell von einem bei der argentinischen Marine tätigen Geistlichen in Buenos Aires namens Emilio Teodoro Graselli blockiert worden. Er soll gesagt haben, dass sich die Enkelin Marianis in den Händen einer „hochrangigen Familie“ befinde, die anzutasten ein Ding der Unmöglichkeit sei.

Danach sei es Mariani nicht mehr gelungen, weitere Informationen über den Verbleib Claras zu bekommen. Im April 2013 forderten die Großmütter der Plaza de Mayo (diese Plaza ist der zentrale Platz von Buenos Aires direkt vor dem Präsidentenpalast Casa Rosada) schließlich Papst Franziskus dazu auf, die Archive des Vatikans und der argentinischen Kirche zu den Jahren der Militärherrschaft zu öffnen. Der Papst, selbst ein Argentinier, habe dabei seine Unterstützung zugesichert.

Gerüchte von links geschürt

In dem Zusammenhang gab Mariani jüngst gegenüber Radio FM La Plata an, sich nicht mehr „von Worten und Gesten täuschen lassen“ zu wollen: „Ich möchte Wahrheiten und ich möchte meine Enkelin finden, bevor ich sterbe. Von Informationen über damals verschwundene Erwachsene weiß ich nichts, jedoch bin ich sicher, dass es von den entführten Kindern Unterlagen im Vatikan gibt.“

Kritische Stimmen merken dazu freilich an, dass es solche Gerüchte über vatikanische Verstrickungen in die argentinische Junta-Ära schon länger gebe, bisher aber nie etwas Handfestes und Vorwerfbares zutage gefördert hätten. Zudem würden solche Gerüchte gern von linksextremen, kirchenkritischen Aktivisten geschürt.

Während der Militärdiktatur in Argentinien wurden mehr als 500 Kinder durch Behörden und Sicherheitskräfte ihren leiblichen Eltern weggenommen, bevor man Letztere als Regimegegner ermordete. Später gab man die Kinder zur Adoption an Militärangehörige weiter. Dass die Junta in Buenos Aires am Ende stürzte, war vor allem der Niederlage Argentiniens im Krieg mit Großbritannien um die Falklandinseln (Islas Malvinas) im Frühjahr und Frühsommer 1982 zuzuschreiben. (ag./red.)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.05.2014)

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