Norwegen im Beerdigungsfieber

Die ungewöhnliche Show „Kisten“ („Der Sarg“), in der Prominente ihre eigene Beerdigung planen, ist der neue Renner im Königreich. Der Tod wird unterhaltend, doch ernsthaft thematisiert.

Tony Benn Funeral at St Margaret s Church Tony Benn s coffin is carried into St Margaret s Church
Tony Benn Funeral at St Margaret s Church Tony Benn s coffin is carried into St Margaret s Church
(c) imago/i Images

In der Kultur des dunklen und kalten Norwegens hat das Düster-Melancholische seit jeher einen besonderen Platz im Herzen der Menschen. Da ist es kein Wunder, dass eine neue, wirklich morbide Fernsehshow die Norweger in Massen vor die Mattscheibe lockt. Es geht um die Sendung „Kisten“ („Der Sarg“). Darin konzipieren prominente Norweger ihre eigene Beerdigung bis ins Detail.

Bei der Premiere der Sendung im öffentlich-rechtlichen Sender NRK im April schauten gleich 27 Prozent aller Norweger zu. Inzwischen ist schon der dritte Teil ausgestrahlt worden und hat das sonst so gern ausgeklammerte Thema Tod auf lockere Weise zum Pausengespräch Nummer eins am Arbeitsplatz avancieren lassen.

In einem klapprigen, orange-gelben Fiat 500, auf dessen Dach ein einfacher Holzsarg befestigt ist, macht sich Moderatorin Namra Saleem auf den Weg zu ihren sterblichen Gästen überall in Norwegen. Diese sollen dann so kreativ wie möglich ihre künftige Beerdigung gestalten.

Zum Auftakt der Sendereihe erzählte der norwegische Rockstar Bjarne Brøndbo, wie er sich den eigenen Abschied einmal so vorstellt. Seinen Sarg verzierte er kunstvoll und fügte sogar ein Selbstporträt hinzu. „Meine Frau meint, dass ich eigentlich unsterblich sei“, sagte der 49-Jährige.

 

„Hölle? Kann mir passieren!“

Aber trotz dieser entgegenkommenden Annahme, so gibt er zu, habe er eigentlich wirklich Angst vor dem Sterben. Er sei schließlich nicht immer ein netter Mensch gewesen. „Falls es Himmel und Hölle gibt, kann es passieren, dass ich in die Hölle komme. Ich habe so viele dumme Entscheidungen getroffen“, sagt er.

Brøndbo erzählt, dass er selbst schon bei vielen Beerdigungen gesungen habe. Da könne er sich die eigene auch schon gut vorstellen. Für seinen Tod wünsche er sich jedenfalls eine ganz traditionelle kirchliche Beerdigung, erzählt der einst als recht wild bekannte Rocker dann unerwartet.

Der Musiker und TV-Moderator Thomas Seltzer indes gibt sich gegenüber der Aussicht, einmal zu sterben, gelassener. Er habe „den Atheistentest bestanden“, als er einmal auf einem Surfbrett saß und versuchte, Haifischen zu entkommen, berichtet der 44-Jährige bei seinem Auftritt. Deshalb müsse es für ihn nicht allzu kirchlich zugehen. Er erzählt, welche Prominenten und Politiker er gern bei seiner letzten Feierstunde sehen würde. Es folgen weitere Prominente, unter anderem Designer und Schriftsteller, die ihren Abgang schon einmal vorwegnehmen.

 

Platz nehmen im Sarg

Oft nehmen die „Todgeweihten“ im Sarg Platz, verzieren ihn, plauschen dabei aus ihrem Leben, schreiben ihre Abschiedsrede oder fahren mit der Moderatorin an jenen Ort, an dem sie am liebsten unter die Erde möchten. Die Beerdigungswunschmusik wird diskutiert und angespielt und der Ablauf der Zeremonie bis ins Detail geplant. Zudem erzählen die Kandidaten, was nach ihrer Meinung auf der anderen Seite des Tunnels kommen möge.

„Die Beerdigung selbst führen wir dann nicht auch noch aus. Das wäre dann schon zu viel. Der Tod im Angesicht der Prominenten ist eher ein Anlass, den Zuschauern ein etwas anderes Selbstporträt dieser Personen zu bieten und auch den Tod selbst als Thema zuzulassen“, sagt Sendungschef Nils Gelting Andresen zur „Presse“.

„Der Tod ist in unserer Gesellschaft leider noch immer ein Tabu, obwohl er ja jeden betrifft. Jeder stirbt“, sinniert Andresen. „Dadurch, dass man über den Tod offen redet, kann man das Leben auch mehr schätzen“, kommentierte die Moderatorin Saleem ihre Show in der norwegischen Zeitung „Dagbladet“.

Das Programm soll dazu dienen, sich mit der eigenen Endlichkeit zu beschäftigen. „In ,Der Sarg‘ versuchen wir, das Thema Tod durchaus positiv, locker, unterhaltend, aber gleichzeitig seriös anzugehen“, so Saleem.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.05.2014)

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