Großbritannien: Politische Korrektheit deckte Sextäter

Mehr als 1400 meist weiße Mädchen wurden in Rotherham jahrelang von einer pakistanischen Bande missbraucht. Aus Angst vor Rassismusvorwürfen sahen die Behörden weg.

ROTHERHAM
ROTHERHAM
ROTHERHAM – (c) APA/EPA/WILL OLIVER (WILL OLIVER)

An Hinweisen, Auffälligkeiten und Verdachtsmomenten hatte es in den vergangenen Jahren eigentlich nicht gefehlt. Kinder wurden eigenartig oft mit Taxis von Schulen abgeholt, „labile“ Jugendliche wurden gezielt im Schulbus angesprochen und andere wurden offen bedroht: In der mittelenglischen Stadt Rotherham in der Grafschaft South Yorkshire, einer unspektakulären ehemaligen Stahlstadt nahe Sheffield mit mehr als 260.000 Einwohnern, hatte man schon lange das Gefühl, irgendetwas Seltsames, wenn nicht gar Schreckliches, sei im Gange.

Und ein Bericht hat diesen Verdacht nun bestätigt: Zwischen 1997 und 2012 wurden demnach in Rotherham rund 1400 Kinder und Jugendliche sexuell ausgebeutet und missbraucht. „Es ist kaum zu beschreiben, was hier geschehen ist“, schreibt die Studienautorin, Alexis Jay.

 

Vergewaltigt und geschlagen

Besonders brisant ist, dass sich der Skandal entlang einer nicht unheiklen ethnischen Grenzlinie abgespielt hat: Die Opfer waren nämlich überwiegend weiße Mädchen, die von pakistanischen Banden missbraucht und als Sexsklavinnen missbraucht wurden. Die jüngsten Mädchen waren nicht älter als elf Jahre. „Sie wurden mehrfach entführt, vergewaltigt, in andere Städte gebracht, geschlagen und eingeschüchtert“, heißt es in dem Bericht. „Das wahre Ausmaß der abstoßenden Verbrechen kann nur annähernd erahnt werden“, meint Jay, ehemalige Leiterin der Sozialarbeitsbehörde in Schottland.

Selbst in einem gesellschaftlich vernachlässigten Umfeld, wie es die Labour-Hochburg Rotherham teilweise ist, dürfte sich eine derart große Operation des Grauens eigentlich kaum übersehen lassen. Doch eine fatale Mischung aus „Nicht-sehen-Wollen“ und „Nicht-sagen-Wollen“ legte lange offenbar einen erstickenden Mantel des Schweigens über alles. Bei den zuständigen Wohlfahrtsbehörden wurden die Vorwürfe der Kinder etwa oft nur als „Belästigung“ abgetan. In der Polizei herrschte eine testosterongetriebene Männerunkultur, der jedes Verständnis für sexuelle Verbrechen fehlte.

 

Politisch korrektes Wegsehen

Niemand wusste zudem mit der Tatsache so recht umzugehen, dass die meisten der Untäter aus einer in Großbritannien aufgrund der Kolonialzeit nicht eben kleinen Minderheit stammten: Man wollte sich, das zeigt der Bericht, durch ein gezieltes Vorgehen gegen die von betroffenen Kindern immer wieder erwähnten pakistanischen Täter nicht dem „Vorwurf des Rassismus“ aussetzen, der in Zeiten grassierender politischer Korrektheit offenkundig locker sitzt.

Rund acht Prozent der Bewohner Rotherhams sind ethnischen Minderheiten zugehörig. Tatsächlich wurde, wie sich nun zeigt, das Schweigen sogar von oberster Stelle angeordnet: Einem Beamten, der 2002 im Londoner Innenministerium den Gerüchten aus Rotherham nachzugehen begann, wurde das Dossier entzogen. Drei Berichte auf lokaler Ebene zwischen 2003 und 2006 wurden nach Angaben von Jay entweder „ignoriert“ oder „unterdrückt“.

Wo indes Vertuschung und Einschüchterung nicht reichten, scheuten die pakistanischen Täter auch vor offener Gewalt nicht zurück: „Opfer wurden mit Benzin übergossen und mit Anzünden bedroht. Die Knochen wurden ihnen gebrochen, ihren Eltern wurden als Warnung Fensterscheiben zerschlagen.“ Ein Opfer erinnert sich: „Wo ich aufgewachsen bin, habe ich Massenvergewaltigung für normal gehalten.“

Es war schließlich ein Strafprozess gegen fünf asiatische Sexualtäter, der 2010 die jetzige Lawine losgetreten hat und zu dem Bericht von Alexis Jay führte.

 

Keine Verhaftungen

Doch während der Vorsitzende des Rotherhamer Gemeinderates, Roger Stone, am Dienstagabend nach der Veröffentlichung des Berichts die Konsequenzen zog und zurücktrat, wurde auf Grundlage des brisanten Berichts bisher weder jemand angezeigt noch verhaftet. Die (unbekannten) Mitwirkenden des Verbrechernetzwerks befinden sich allesamt noch auf freiem Fuß. Das Schweigen der Gemeinschaft bietet ihnen die sicherste aller Zufluchten. Immer noch.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.08.2014)

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