Die tödliche Klinge des Islam

Saudiarabien lässt zum Tode Verurteilte mit dem Schwert den Kopf abschlagen. Die Hinrichtungen werden als ein öffentliches Spektakel inszeniert, das etwa drei Stunden dauert.

YEMEN ANTI SAUDI PROTEST
YEMEN ANTI SAUDI PROTEST
Protest gegen die Todesstrafe – APA/EPA/YAHYA ARHAB

Ein heißer Windstoß fegt über den al-Safah-Platz, treibt leise schmirgelnd einen leeren Karton vor sich her. Versteinert steht die etwa tausendköpfige Menge hinter den Absperrgittern und verfolgt mit den Augen die beiden großen, schlanken Gestalten in weißen Gewändern, wie sie zur Mitte des Platzes schreiten. Hüfthohe, silbrige Krummsäbel blitzen in ihren Händen. Die Augen sind hinter Sonnenbrillen verborgen, Mund und Nase verhüllt, der Kopf mit dem üblichen Kufiya-Tuch bedeckt.

Langsam rollt der grau-blaue Kleintransporter rückwärts heran, die hintere Ladetür wird geöffnet. Auf den grauen Steinplatten, wo bis zu Mittag noch Burschen lärmend Fußball spielten und Springfontänen plätscherten, sind zwei Areale mit mehreren Lagen aus rötlichen Decken ausgelegt. Auf den umliegenden Dächern sind Scharfschützen postiert, an den Ecken des Platzes liegen Lautsprecher für die beiden Todesurteile des Tages.

Es ist kurz vor 16 Uhr an diesem Freitag in der saudischen Hauptstadt Riad. Helfer stützen die beiden Todeskandidaten bei ihren letzten Schritten auf Erden. Wahrscheinlich sind sie voll mit Beruhigungsmitteln. Ihre Hände sind auf den Rücken gefesselt, über die Gesichter breite, graue Tücher geknotet. Einen Moment mustert der Henker konzentriert sein flach kniendes Opfer, drückt mit dem linken Zeigefinger den freigelegten Hals noch ein wenig nach unten. Dann saust das Krummschwert herab – der Kopf fällt auf das Deckenlager, eine runde Blutfontäne spritzt aus dem Rumpf. Der Torso macht einen Satz nach vorne und schlägt auf den Boden. Hastig werden über die blechernen Lautsprecher Name und Taten des Hingerichteten heruntergeleiert, während der Scharfrichter bedächtig seine Klinge mit einem weißen Tuch abwischt. Der geköpfte Saudi Abdullah al-Qassim soll einen Mann erdrosselt, der Minuten später exekutierte Jemenit Khadr al-Tahiri sein Opfer mit Säure übergossen und zu Tode geätzt haben.

Wahllos, willkürlich. 60 Menschen hat Saudiarabien in diesem Jahr bereits öffentlich mit dem Schwert hingerichtet, allein im August waren es 23, im vergangenen Jahr und 2012 jeweils 79. Immer wieder appellieren die Vereinten Nationen mit scharfen Worten an das erzkonservative Königreich, diese brutale Praxis zu beenden, die auf der Welt sonst nur die Barbaren vom Islamischen Staat praktizieren. „Trotz zahlreicher Aufrufe von Menschenrechtsorganisationen fährt Saudiarabien in widerlicher Regelmäßigkeit mit seinen Exekutionen fort und verstößt damit in schamloser Weise gegen internationale Rechtsstandards“, kritisiert Christof Heyns, UN-Sonderberichterstatter für außergerichtliche, wahllose und willkürliche Hinrichtungen. Human Rights Watch spricht von „einem weiteren dunklen Makel in der Menschenrechtsbilanz des Königreichs“.

Die Zuschauer auf dem al-Safah-Platz haben für diese Bedenken kein Verständnis, die sie als typisch westliche Bevormundung empfinden. „Die Leute wissen, woran sie bei uns sind. Sie bekommen ihre gerechte Strafe, das dient der Sicherheit unseres Landes“, sagt ein fülliger Saudi in traditioneller Kleidung. Ein älterer Herr mit schütterem Haar, abgewetztem Trainingsanzug und goldfarbenem Brillengestell gesellt sich dazu. „Ich bin undercover hier“, kokettiert der 66-Jährige in makellosem Englisch. Seinen Vornamen gibt er mit Aziz an und stellt sich als pensionierter Geheimdienst-General vor, der ganz in der Nähe wohne. 42 Jahre lang war er Agent, spezialisiert auf das Entschärfen von Bomben, wie er sagt, zuletzt arbeitete er als Dozent bei der Staatssicherheit. In den achtziger Jahren, als junger Leutnant, habe er saudische Geldkoffer eigenhändig nach Afghanistan zu Osama bin Laden und dessen Gefolgsleuten gebracht.

Parallelen zwischen der offiziell lizensierten archaischen Strafpraxis der saudischen Monarchie und ihren Nachahmern vom „Islamischen Kalifat“, die bisher vier westlichen Geiseln vor laufender Kamera die Köpfe abschnitten, wollen Geheimdienstveteran Aziz und andere Umstehende nicht gelten lassen. „Was IS macht, sind Verbrechen, was wir tun, geschieht nach Recht und Gesetz des Islam“, deklamieren sie. Außerdem seien Enthauptungen humaner und weniger qualvoll als Giftspritze oder elektrischer Stuhl.

So professionell der Islamische Staat seine Horror-Videos für das Internet inszeniert, so generalstabsmäßig plant die Heimat des Propheten Mohammed ihre öffentlichen Enthauptungen. Kurz nach dem Freitagsgebet, in voller Mittagshitze, schwärmt bereits das erste Dutzend braun-weißer Polizeijeeps auf den al-Safah-Platz und postiert sich an dessen Rändern. Am Schluss sind es über 50 Fahrzeuge. Die Bereitschaftspolizisten beordern alle Passanten hinter die Absperrgitter und behalten die Zuschauer im Auge. Niemand darf auch nur ein Handy in die Hand nehmen. Fotos vom Hinrichtungsort sind absolut verboten, sie könnten den Ruf des Landes schädigen.

Imbissstube und Café unter den Arkaden müssen schließen, die Plastikstühle zusammengestellt und die eisernen Rollladen heruntergelassen werden. Am Ende fahren mit Blaulicht und Sirenen zwei Gefangenentransporter und zwei Krankenwagen vor, gefolgt vom SUV des Staatsanwalts und einem weißen Pickup mit Verwandten eines Mordopfers. Nach Scharia-Recht kann die Familie den zum Tode Verurteilten im letzten Moment begnadigen. Dann wird ein Blutgeld fällig, der Tarif für Mord liegt in Saudiarabien gegenwärtig bei 60.000 Euro. Doch die Verwandten lehnen endgültig ab, exakt sechs Minuten später entfernen sich die beiden Henker mit strammem Schritt vom Exekutionsort. Ein Krankenwagen rollt heran, Sanitäter schlagen die Enthaupteten in die blutgetränkten Decken, hieven sie auf Bahren und schieben sie ins Innere, dann jagen die Wägen heulend davon.


Mit Schlauch und Schrubber. Der pensionierte Geheimdienst-General Aziz wirkt erleichtert und zufrieden, zündet sich eine Zigarette an und spendiert den ausländischen Besuchern Cola. Ob es ihnen gefallen habe und ob sie wiederkommen werden, will er wissen. „Wir hätten allen IS-Leuten sofort die Köpfe abschlagen sollen wie diesen Mördern, dann hätten wir dieses Problem heute nicht“, sagt er in die Runde.

Am Hinrichtungsort steht inzwischen der weiße Tankwagen, der die ganze Zeit hinter den Zuschauern im Vorhof der Moschee gewartet hatte. Pakistanische Gastarbeiter schrubben die Steine, einige Saudis in weißen Gewändern schauen zu. Mit einem dicken Schlauch wird das Blut in den speziellen Abfluss in der Platzmitte gespült. Und dann sind die jungen Fußballer vom Mittag wieder da. Einer im Ronaldo-Trikot lässt den Ball tanzen. Andere kurven lachend um die große Pfütze.

FAKTEN

Weltweit. Im Jahr 2013 wurden in 57 Staaten der Erde mindestens 1925 Menschen zum Tode verurteilt. Vollstreckt wurden mindestens 778 Urteil in 22 Staaten.

Statistik.
Spitzenreiter dieser Statistik ist laut der Menschenrechtsorganisation Amnesty International der Iran, wo 369 Menschen hingerichtet wurden, dann folgt der Irak mit 169. Zu China – wo weltweit vermutlich die meisten Hinrichtungen stattfinden – gibt es keine offiziellen Zahlen.

Saudiarabien.
60 Menschen hat Saudiarabien in diesem Jahr bereits öffentlich mit dem Schwert hingerichtet, allein im August waren es 23, im vergangenen Jahr und 2012 jeweils 79.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.10.2014)

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