Astronomie: Ein Asteroid bedroht die Erde

„Apophis“ könnte 2036 Mittelamerika oder Kalifornien verwüsten. Eine Abwehr ist in Planung, könnte ihn aber auf andere Länder lenken. Ein „Weisen-Rat“ präsentiert in Kürze einen UNO-Vertrag zur Erdverteidigung.

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(c) Western Washington University

Ein mächtiger, rund 300 Meter großer Asteroid wird am 13. April 2029 in nur 30.000 km Höhe an der Erde vorbeischrammen – das ist unterhalb der Ebene geostationärer Satelliten. Man wird ihn noch mit freiem Auge sehen. 2036 kommt er wieder – und zerstört vielleicht Mittelamerika oder Kalifornien. Man feilt schon an Abwehrsystemen – etwa in den USA.

Ablenkungsversuche könnten ihn aber auf andere Gebiete stürzen lassen. Daher wird, so erfuhr die „Presse“, eine Gruppe internationaler Fachleute, deren Arbeit vertraulich verläuft, um den 25. September in San Francisco den Entwurf eines weltweiten Vertrages zur Asteroiden-Abwehr vorstellen.

Astronomen fanden das Objekt Ende 2004. Erste Daten zeigten, dass das vorerst „2004 MN4“ genannte Ding an jenem 13.4.2029 die Erde mit einer Chance von 2,7 Prozent trifft – das bisher größte Impakt-Risiko. Der darauf ausgelöste Alarm ging medial nur unter, weil zeitgleich der Tsunami war.

Ein Crash wäre nicht das Ende der Welt, doch einer Weltgegend: Er hätte eine Kraft von 880 bis 1500 Megatonnen (entspricht mind. 67.000 Hiroshima-Bomben). In hunderten Kilometern Radius würde alles zerstört, ein Treffer im Meer schüfe 100 Meter hohe Wellen. Das Wetter spielte auf Jahre verrückt.

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Seither senkten Messungen die Trefferchance: „Apophis“, wie man den Asteroid später nach dem ägyptischen Gott des Chaos taufte, dürfte dicht über dem Atlantik vorbeisausen. Wie dicht genau, ist wichtig, sagt Astronom Daniel Durda vom „Southwest Research Institute“ in Boulder, Colorado: Die Erdgravitation verändert seine Bahn je nach Abstand anders. Laut Prognose ziehe er am 13. 4. 2029 (Freitag) innerhalb eines 3350 km breiten „Fensters“ vorbei, dessen Mitte 37.800 km vom Erd-Zentrum entfernt ist; seine Bahn ändere sich dadurch leicht. Was an sich nicht so wichtig wäre, nur: Würde er durch ein bestimmtes, 610 Meter breites Feld in diesem Fenster sausen (das „Schlupfloch“), ändert sich die Bahn genau so, dass er 2036 die Erde sicher trifft – ebenfalls am 13.4.

Über das Zielgebiet gibt es eine Prognose: Von Westafrika zieht sich eine wenige Kilometer breite Linie über Mittelamerika und den Pazifik nach Zentralasien (Karte S. 7). Wo genau er trifft, können erst künftige Messungen eingrenzen, da er derzeit von uns aus unsichtbar ist; das ist erst wieder um 2013 der Fall.

 

Beratungen in Wien

Hinter den Kulissen löste Apophis heftige Aktivität aus: Man nimmt die Gefahr aus dem All nämlich nicht mehr nur im Science-Fiction-Milieu ernst. Viele Asteroiden trafen die Erde mit vernichtender Wirkung, Tausende kreuzen die Erdbahn. Es gibt Pläne, sie abzulenken. Auch in der UNO beraten Gremien wie das „Komitee zur friedlichen Nutzung des Alls“ (COPUOS) in Wien über die Asteroiden-Abwehr. Die bisher letzte Tagung dazu fand im Februar statt.

Eine Hauptrolle spielt dabei die „Association of Space Explorers“(ASE), ein respektabler globaler Club von Raumfahrern. Dieser gründete mit Wissen von COPUOS eine Gruppe von etwa 20 „Weisen“ (den „Principals“), u. a. Physiker, Raketenbauer, Diplomaten.

Und aus deren Kreis hörte die „Presse“, dass 2036 das wahrscheinlichste Absturzgebiet von Apophis Costa Rica oder das Meer vor Kalifornien sein wird – und Versuche, ihn 2029 vom „Schlupfloch“ abzulenken, ihn anderswo einschlagen lassen könnten – etwa in Asien. Das bestätigen u. a. Ex-Astronaut Thomas Jones, Raumfahrt-Ingenieur Richard Crowther vom „Rutherford Appleton Laboratory“ in England – und es steht in einem COPUOS-Bericht an die UN-Vollversammlung vom 3.12.2007.

Die „Weisen“ schlagen Ende September zusammen mit Costa Ricas Präsident Oscar Arias und Kaliforniens Gouverneur Arnold Schwarzenegger einen UN-Vertrag zur Asteroiden-Abwehr vor. Ihr Motiv: „Keiner weiß, wer und wie man darauf regieren soll – und ab welchem Risiko“, sagt einer der Principals. Da durch die Abwehr andere Länder bedroht werden könnten, müsse man das Thema internationalisieren. Erst wolle man die US-Regierung und die Öffentlichkeit für das Thema sensibilisieren, dann Schlüsselfiguren wie den UN-Generalsekretär, den UN-Sicherheitsrat und viele Regierungen informieren.

 

Peilsender zur Bahnbestimmung

Die Chance, dass Apophis trifft, wird zwar (offiziell) nur noch mit 1:45.000 angegeben. Es gibt aber Nasa-Pläne, auf ihm Sender zu platzieren, um seine Bahn präzis zu verfolgen. Man müsse wegen der realen Gefahr sowieso eine brauchbare Abwehr hochziehen, heißt es. Jones meint, es dauerte drei Jahre, so was zu bauen und ans Ziel zu bringen. Kosten: zehn Mrd. Dollar.

Auch in Österreich arbeite man diesbezüglich an Methoden zur Bahnberechnung unter Berücksichtigung minimaler Einflüsse, sagt Astronom Franz Kerschbaum (Uni Wien). Geld in eine Abwehr zu investieren, sei aber verfrüht: „Man muss erst die Bedrohungslage ermitteln, und woraus Asteroiden bestehen.“ Erst dann könne man passende Abwehrsysteme entwickeln.

Übrigens: Apophis bekam Gesellschaft: Asteroid „2007 VK184“ trifft uns 2048 mit einer Chance von 1:2700. Würden Sie bei der Absturz-Chance ins Flugzeug steigen?

LEXIKON

Asteroiden sind Reste der Urzeit des Sonnensystems, als Staub und Gas sich durch Gravitation zusammenballten und zu Sonne und Planeten „verklumpten“. Was nicht zu so großen Körpern wurde, bildete meter- bis kilometergroße Brocken – quasi der Schutt der Schöpfung.

1801 wurde erstmals ein Asteroid entdeckt („Ceres“). Erst 1932 fand man den ersten solchen Himmelskörper, der die Erdbahn regelmäßig kreuzt – heute kennt man davon mehr als 5500. Ihre wahre Zahl dürfte viel größer sein.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.09.2008)

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