Neuer Trend im Drogenhandel: Das Koks kommt per U-Boot

In den Dschungeln an Kolumbiens Pazifikküste werden heimlich U-Boote gebaut. Damit wollen Schmuggler Tonnen von Kokain in die USA bringen. 70 bis 80 Transporter sollen im Einsatz sein.

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(c) EPA (Wulf Pfeiffer)

BOGOTÁ/ TEGUCIGALPA/ BUENOS AIRES. Zu Hause hatte ihn keiner vermisst. Für die Familie von Rodrigo Olaya Cuero war es ganz normal, wenn sie von dem 59-Jährigen wochenlang keine Nachricht bekamen. Weil auch an Kolumbiens Pazifikküste die Netze immer langsamer voll werden, war der Fischer aus der Hafenstadt Buenaventura oft wochenlang auf hoher See.

Doch vor kurzem erlebten seine Frau und die zehn Kinder ein unverhofftes verfrühtes Wiedersehen – und zwar nur neun Tage, nachdem der Vater ausgelaufen war: Ein Foto Olayas tauchte in den kolumbianischen Hauptnachrichten auf, dazu die Meldung, er sei mit drei anderen Männern von der mexikanischen Küstenwache auf hoher See verhaftet worden. Doch statt seines Fischkutters steuerte der Familienvorstand diesmal – ein U-Boot. Und das hatte fast sechs Tonnen reines Kokain geladen.

Die 257 Pakete waren mit gelben Stempeln mit der Aufschrift „Las Garzas“ versehen – das Siegel des Herstellers. Empfänger sollte vermutlich das „Sinaloa“-Kartell in Mexiko sein, das einen Teil des USA-Geschäfts kontrolliert.

Rauschgift per U-Boot, lautet die neue Strategie südamerikanischer Drogenschmuggler, nachdem die Fahnder im Pazifik und der Karibik die Routen der Fischkutter verstärkt kontrollieren. Dabei ist „U-Boot“ nicht ganz korrekt: Die zehn bis 20 Meter langen Boote, die vier bis zehn Tonnen Drogen transportieren, können nämlich in der Regel nicht nach Lust und Laune ab- und auftauchen. Sie bewegen sich zwei bis drei Meter unter der Wasseroberfläche, saugen per Schnorchel Luft an, navigieren mit GPS und fahren tagsüber sehr langsam, um auffällige Wellen zu vermeiden. Nachts geht es mit 25 km/h voran.

 

Wie Sardinen in der Dose

An Bord gibt es viel Raum für Fracht und wenig für die Crew. Olaya Cuero und seine drei Reisegefährten waren auf 120 mal 180 Zentimetern wie Sardinen in der Dose eingepfercht. Acht Tage und acht Nächte waren sie so unterwegs, als sie aus dem Pazifik gefischt wurden; mehr als 3000 Kilometer hatten sie zurückgelegt.

Es war bei weitem nicht das erste Drogen-U-Boot, das aufgebracht wurde: Erst vor Tagen fing die US-Küstenwache in internationalen Gewässern vor der Pazifikküste Guatemalas wieder eines ab, nachdem es von einem Flugzeug aus gesichtet worden war. Es war aus Stahl und Fiberglas gefertigt, 18 Meter lang, hatte eine vierköpfige Crew und sieben Tonnen Koks an Bord. Und aus Kolumbien kam es auch.

Olayas Boot aber war das erste, das so weit kam. Allein Kolumbiens Marine entdeckte im Vorjahr 22 dieser Boote. Neun brachte sie auf, 13 wurden von der Besatzung samt der Fracht versenkt; die Militärs konnten nur die Schmuggler aus dem Wasser holen. Auf diesen 22 Booten seien mindestens 105 Tonnen Kokain geschmuggelt worden, so das kolumbianische Verteidigungsministerium. Sollte diese Angabe stimmen, dann entsprach diese Menge einem Zehntel der von der UNO geschätzten Weltproduktion 2007.

70 bis 80 Tauchboote hätten die Drogenschmuggler derzeit, schätzt US-Admiral Joseph Nimmich, der die multinationale Anti-Drogen-Einheit „JIATFS“ leitet, die auf Key West im Süden Floridas stationiert ist. Gebaut werden die Gefährte auf klandestinen Mini-Werften, gut versteckt unter dem Dach des dichten Tropenwaldes an Kolumbiens Pazifikküste. 15 schiffbare Flüsse entspringen diesem schwer zugänglichen Gebiet, in dessen südlichstem Teil, der Provinz Nariño, auch Kolumbiens ertragreichste Kokafelder wuchern. Über die Flüsse kommen die Bauteile zu den Urwaldwerften, durch die braunen Fluten tauchen die fertig beladenen Boote dem Ozean entgegen.

 

Bald Überfahrten nach Westafrika?

Bisher wurden die Unterwasserkähne nur entlang der Route von Kolumbien Richtung Nordamerika gestoppt, das 90 Prozent seines Kokains aus Kolumbien bezieht. Doch Admiral Nimmich hält es nur für eine Frage der Zeit, bis die ersten Kokain-U-Boote den Atlantik durchqueren: Von Nordostbrasilien nach Westafrika ist es nicht weiter als die Strecke, die von den vier kolumbianischen Fischern zurückgelegt wurde.

Die stehen seit Ende August im mexikanischen Matamoros vor Gericht. Die vier Männer gaben an, zum Schmuggeln gezwungen worden zu sein. Bewaffnete hätten ihren Fischkutter gekapert und gedroht, ihre Familien umzubringen, sollten die Fischer nicht das Drogenboot steuern.

Die zehn Kinder von Rodrigo Olaya Cueros werden ihren Vater diesmal schon vermissen. Ihm drohen jetzt mehrere Jahre Gefängnis in Mexiko.

AUF EINEN BLICK

Mit U-Booten versucht Kolumbiens Drogenmafia seit geraumer Zeit, Kokain in die USA zu bringen. Die Boote sind zehn bis 20 Meter lang und haben Platz für bis zu zehn Tonnen Drogen. Wegen ihrer einfachen Bauweise können sie nicht beliebig auf- und abtauchen, sondern fahren in wenigen Metern Tiefe dahin. Dutzende wurden in den vergangenen Jahren gestoppt – 22 allein im Vorjahr von der Marine Kolumbiens.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.09.2008)

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