Das Geschäft mit Nazi-Devotionalien

Im Handel mit Relikten und Symbolen aus dem Dritten Reich ist das ehemalige „Beuteland“ Polen zum größten Produzenten und Lieferanten in Europa aufgestiegen.

Adolf Hitler's personal desk set
Adolf Hitler's personal desk set
(c) EPA (Burke McConn Idea)

WARSCHAU. Ausgerechnet Polen. Kaum ein Land litt stärker unter dem Zweiten Weltkrieg – doch mehr als 60 Jahre danach ist Polen laut Recherchen polnischer Medien zum größten Produzenten und Exporteur von Nazi-Symbolen und Wehrmachtsrelikten in Europa aufgestiegen. Vor allem nach Deutschland und Skandinavien würden solche Waren geliefert.

„Unsere Hersteller finden ihre Abnehmer im Westen und beliefern sie mit Uniformen, Hakenkreuzen und anderen NS-Symbolen“, sagt Marcin Kornak, Chefredakteur der Zeitschrift „Nie wieder“, die sich dem Kampf gegen den Faschismus verschrieben hat. Eine SS-Uniform sei für weniger als 1000 Euro zu haben. Und das Geschäft floriert: Ein Teil der Produzenten sei bereits zu regelrechten Großhändlern geworden.

Läuft in den meisten Ländern der Großteil des Handels dezent übers Internet, sind in Polen NS-Devotionalien auch auf Flohmärkten leicht zu bekommen. Erinnerungsstücke an das „Dritte Reich“ verkauften sich sehr gut, zitiert die Zeitung „Polska“ einen Verkäufer. Die Behörden schreiten nur im Extremfall ein. So griff die Polizei 2007 in Opole (Oppeln) erst ein, als massenhaft CDs mit Liedern rechtsradikaler Bands aus den USA auftauchten.

Die Händler können nicht belangt werden: Zwar ist die Verbreitung von Nazi-Ideologie verboten, nicht aber der Handel mit oder der Besitz von historischen oder nachgemachten Objekten aus der Nazi-Zeit. Eine Rechtslage, die jener in anderen Ländern entspricht, etwa in Österreich: Das Verbotsgesetz stellt zwar etwa die Förderung und Befürwortung nationalsozialistischen Gedankenguts unter Strafe – einen SS-Dolch oder eine Hakenkreuzfahne aber darf man besitzen, solange die Behörden nicht eine Agitations-Absicht feststellen (etwa durch öffentliches Herumtragen und Skandieren von Parolen).

 

Hitler-Büsten sind nicht illegal

Die Händler sind bemüht zu betonen, dass sie zwar Hakenkreuze und Hitler-Büsten feilbieten, aber weder sie noch ihre Kunden sich mit der Ideologie der Nazis identifizierten.

Witold Kulesza, Ex-Vorsitzender der polnischen „Kommission zur Verfolgung der Verbrechen gegen die polnische Nation“, spricht sich für härtere Vorschriften aus: Man müsse Produzenten und Händler wirksam belangen können. „Die Strafen für Kleinhändler müssen nicht hart sein“, so Kulesza. Aber sie müssten so empfindlich sein, dass die Angst vor Strafe höher sei als die Aussicht auf Gewinn.

Anderswo beschäftigte sich die Justiz bereits mit NS-Souvenirs: Vor einigen Jahren wollte etwa der Potsdamer Oberbürgermeister Jan Jakobs eine Waffenbörse verbieten lassen, weil er befürchtete, dass dort mit Nazi-Objekten Propaganda betrieben würde. Das zuständige Verwaltungsgericht aber wies den Antrag ab.

Der weltweit größte Produzent von Nazi-Schrott sind indes weiterhin die USA: So wird ein Großteil nachgemachter Uniformen, bis hin zur Ausgehuniform eines SS-Mannes, in Kalifornien und Texas geschneidert. In den USA existiert freilich auch eine „National Socialist White People's Party“ – und zwar ganz legal.

HINTERGRUND

Polens Erzeuger und Händlervon NS-Relikten profitieren von Gesetzen, die zwar die Verbreitung von Nazi-Ideologie, nicht aber den Besitz von oder den Handel mit NS-Devotionalien verbieten.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.10.2008)

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