Illegale Fischerei profitiert von EU-Einsatz am Horn von Afrika

Erst der industrielle Fischraub nach dem Kollaps des somalischen Staates 1991 machte viele Somalier zu Piraten.

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Wenn die Europäische Union den Kampf gegen die Piraten vor der Küste Somalias aufnimmt, dann werden wohl nicht nur Handelsschiffe von der wachsenden Sicherheit profitieren. Nutzen wird dieser Einsatz am Horn von Afrika nach Expertenangaben zugleich auch hunderten illegal operierenden Fisch-Trawlern aus der EU, Russland und Asien. Mit ihren Raubzügen nach dem Kollaps des somalischen Staates 1991 aber hatten diese Fischereiboote entscheidend zur Ausbreitung der Piraterie beigetragen: Arbeitslos gewordene somalische Fischer wurden damals zu Seeräubern, um ihren Lebensunterhalt zu sichern.

Bis zu 700 ausländische Fischereiboote

Nach einem Bericht der UN-Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation FAO drangen in den Jahren nach 1991 bis zu 700 ausländische Fischereiboote auf der Jagd nach Thunfisch, Hai und Shrimps bis dicht an die somalische Küste vor. Rücksicht auf die einheimischen Fischer nahmen sie nicht. Im Gegenteil: Laut einem Bericht der Londoner Umwelt- und Menschenrechtsorganisation Environmental Justice Foundation rammten die Invasoren die Boote einheimischer Fischer, beschossen deren Insassen mit Wasserkanonen, kappten ihre Netze und nahmen dabei selbst den Verlust von Menschenleben in Kauf.

Die somalischen Fischer hätten sich dann bewaffnet, um ihre Lebensgrundlage zu verteidigen, berichtet der kenianische Experte Andrew Mwangura, der in den Vereinigten Arabischen Emiraten erscheinenden Zeitung "The National". Mwangura, dessen Seafarers Assistance Programme in 90 Prozent aller Kaperungen zwischen somalischen Piraten und Reedern vermittelt, nennt illegales Fischen als Wurzel der Piraterie. Zunächst hätten maritime Milizen vor den rund 3.000 Kilometer langen Küsten illegal fischende Trawler aufgebracht und "Lizenz-Zahlungen" für deren Schwarzfischerei erhoben. Und weil das funktioniert habe, hätten sie später auch Handelsschiffe gekapert, sagt Mwangura.

Anette Weber, Expertin bei der Stiftung Wissenschaft und Politik für die Region, bestätigt diese Analyse. Die Verdrängung der Subsistenzfischer aus ihren Fanggründen und das gleichzeitige Fehlen staatlicher Strukturen seien Auslöser einer Spirale gewesen, die heute Piraterie zu einem lukrativen Geschäft krimineller Netzwerke mache.

Inzwischen sind die Piraten laut Mwangura bestens ausgerüstet und werden finanziert von Hintermännern, die in luxuriösen Villen in Kenia, Großbritannien oder Kanada, der größten somalischen Exilgemeinde, leben. Dass den inzwischen fünf großen Piraten-Banden immer wieder auch Fischereischiffe aus aller Welt in die Fänge geraten, liegt wiederum an den verlockenden Profiten, die in den fischreichen Gründen vor Somalia gemacht werden können.

Jährlich bis zu 94 Millionen Dollar Schaden

Schätzungen der FAO zufolge plünderten internationale Schwarzfischer vor Somalia bis zu ihrer teilweisen Vertreibung durch die Piraten jährlich Fisch und Krustentiere im Wert von etwa 94 Millionen Dollar. Etliche dieser Fischräuber fahren unter fremden Billigflaggen wie etwa von Panama, Belize oder Honduras, weil keiner dieser Staaten die Einhaltung internationaler Abkommen zu Fangbegrenzungen oder dem Artenschutz überwacht. Nach einer von der australischen Regierung finanzierten und der Umweltschutzorganisation WWF erstellten Studie besitzen spanische Eigner die weltweit viertgrößte Flotte von Schiffen unter Billigflaggen und stehen unter dem Verdacht der Fisch-Piraterie.

Je sicherer Marineschiffe aus der EU die Gewässer vor Somalia machen, umso größer werden dann nach den Expertenangaben auch wieder die Profite jener Fisch-Räuber, die die Piraterie einst selbst provoziert hatten. Das Problem der Raubfischerei europäischer Thunfischfänger vor Somalia ist Weber zufolge "viel zu spät auf den Schirm der Wahrnehmung geraten". Der Grund: "Wir profitieren alle davon", sagt sie.

(APA)

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