Reportage: Der Exodus aus dem Kosovo

Sieben Jahre nach der Unabhängigkeit von Serbien haben viele Kosovaren resigniert. Nun, mitten im Winter, dringen enorme Flüchtlingstrecks über Serbien ins EU-Land Ungarn ein.

Grenze Serbien/ Ungarn
Grenze Serbien/ Ungarn
Grenze Serbien/ Ungarn – (c) REUTERS (LASZLO BALOGH)

Kinder wimmern, Frauen jammern, Männer fluchen. Schneeregen peitscht übers Schilf, während Dutzende illegale Grenzgänger über eine umgeknickte Weide durch knietiefes Wasser von Serbien nach Ungarn waten.

„Freiheit“ jubiliert ein Mann, als er südlich der Gemeinde Ásotthalom die ungarische Böschung des halb ausgetrockneten Grenzkanals erklimmt. „Ist das Ungarn?“, vergewissert sich ein fröstelnder Vater. Bei der Frage, wohin er wolle, zuckt er mit den Schultern: „Deutschland, Österreich, Frankreich, ganz egal, Hauptsache weg: Im Kosovo ist es kein Leben mehr.“

Mit drei Kindern und seiner Frau hatte sich der Kosovo-Albaner aus der Provinzstadt Deçani (Deçan) in einem überfüllten Bus in die serbische Stadt Subotica unweit der südungarischen Grenze aufgemacht. 200 Euro pro Person sollen von dort aus die kurzen Schlepperdienste zur nur wenige Kilometer entfernten Grenze kosten. Die letzten Meter durch den versumpften Grenzkanal müssen die Emigranten allein gehen. Auf Hindernisse stoßen sie an der hier offensichtlich erstaunlich durchlässigen Schengen-Grenze der EU kaum.

Mit kleinen Rucksäcken wie für einen Schulausflug bepackt ziehen Kolonnen meist junger Menschen über die Waldwege des 4000-Einwohner-Ortes Ásotthalom nahe Szeged. Manche Paare halten sich an den Händen, andere tragen Kinder im Arm. „Wo ist die Polizei?“, fragt ungeduldig ein Brillenträger, der sein Asylgesuch loswerden will.

 

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„Keine Arbeit, nur Armut“

Vier Jugendliche aus der kosovarischen Weinbauhochburg Rahovec (Orahovac) scheinen ohne Gepäck die Expedition ins Ungewisse zu wagen. „Alle gehen“, sagt ihr rotbäckiger Wortführer auf die Frage nach den Gründen für ihren Marsch. „Im Kosovo gibt es keine Arbeit, nur Armut, sonst nichts.“

Zumindest die Reise durchs frühere Mutterland Serbien ist legal. Jeden Tag steuern zehn voll besetzte Busse und viele Taxis vom Kosovo aus Belgrad oder direkt Subotica an. Laut unterschiedlichen Schätzungen der Presse des Kosovo sollen sich binnen drei Monaten 40.000 bis 50.000 Landsleute abgesetzt haben. Seit Jahresbeginn hätten nach Angaben der ungarischen Behörden über 20.000 Kosovaren die grüne Grenze überquert. Der Kosovo ist das einzige Land am Westbalkan, dessen Bürger noch Visa für Schengen-Land brauchen. Rund 60.000 Kosovaren hätten laut Serbiens Innenministerium in den letzten Wochen den serbischen Pass beantragt, der visumfreie Einreise in die EU erlaubt. Ob legale oder illegale Grenzgänger: Hält der Aderlass an, könnte der 1,8 Millionen Menschen zählende Neustaat in wenigen Monaten ein Zehntel seines Volkes verloren haben.

550 Kilometer nördlich von Prishtina observiert Zoltan Saringer an der Grenzböschung in Ásotthalom den Exodus der Hoffnungslosen und weist den Ankommenden in gebrochenem Serbisch den Weg durch den Wald. Im Sommer habe er seinen Job als Feldwächter angetreten, sagt der Mann im olivgrünen Tarnanzug. Seine Aufgabe sei eigentlich, Diebszüge auf Äckern und Plantagen zu verhindern, sagt der Gemeindebedienstete. Bis Oktober sei er bei seinen Patrouillen täglich auf zehn bis 15 Grenzgänger gestoßen, „nun sind es täglich hunderte“.

 

Eine offene EU-Außengrenze

„Niemand schützt die Schengen-Grenze hier“, seufzt im Rathaus von Ásotthalom Bürgermeister László Toroczkai (36). Seine Polizei bestehe aus zwei Beamten und drei Feldwächtern. Den Schutz des 20 km langen Grenzabschnitts könnten die kaum übernehmen: „Jeder kann über die Grenze.“ Seit 2011 gebe es das Phänomen der illegalen Grenzgänger, doch seit Herbst sei es eskaliert: „Erst kamen täglich hunderte, nun über 1000 an einem Tag. Zu 80 bis 90Prozent sind es Kosovaren.“

Als Ungarns nächstgelegene Gemeinde zu Serbiens Schlepperhochburg Subotica sei Ásotthalom besonders betroffen, nicht nur ob der Feuer und Müllberge im Wald sei man nervös, sagt der Bürgermeister von der nationalistischen Jobbik-Partei. Die Hälfte der 4000 Bürger wohne in einsamen Höfen in Waldnähe: „Die Leute haben Angst, wenn Fremde über ihre Böden ziehen oder an die Häuser kommen. Wir können kaum schlafen, weil die Hunde immer bellen.“

Normal sei die Lage nicht mehr, begründet er seine Forderung nach einem Grenzzaun wie zwischen Bulgarien und der Türkei. Für ihn sei unbegreiflich, dass Eltern mit Kindern nicht wenigstens auf den Frühling warten könnten: „In der Kälte sind schon Babys gestorben. Wenn Leute vor dem Krieg in Syrien flüchten, ist das verständlich. Aber im Kosovo ist kein Krieg. Niemand zwingt sie, auszuwandern.“

Ausgelassene Feiern hatten am 17.Februar 2008 die Unabhängigkeitserklärung des Kosovos von Serbien begleitet. Befürchtete Konflikte und Vertreibungen blieben aus, doch am tristen Alltag änderte sich wenig. Ein Drittel der Bevölkerung lebt in Armut, die Arbeitslosenrate wird auf 45Prozent, die Jugendarbeitslosigkeit auf 75Prozent geschätzt: Die meisten Familien hängen am Tropf der Gelder ihrer emigrierten Verwandten.

 

„Ich habe nichts zu verlieren“

Vor sieben Jahren sei die Hoffnung groß gewesen, „nun ist sie bei null“, erzählt an der Grenzböschung ein Emigrant: „Schon seit sie ihr neues Parlament bauten, ging's bergab. In unserer Regierung sind alles Kriminelle, denen unser Leben egal ist.“ Wie im Kosovo-Krieg vor 15 Jahren wolle er Asyl in Deutschland beantragen: „Ich spreche Deutsch und will dort einfach Arbeit finden. Ich habe ohnehin nichts zu verlieren.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.02.2015)

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