Wilderei: Illegale Jagd auf aussterbende Arten

In Afrika werden immer mehr Nashörner und Elefanten getötet, weil die Nachfrage in Asien stetig steigt. Auch Terrorgruppen wie Boko Haram sind am lukrativen Business beteiligt.

Vernichtung von Elfenbein: In Kenia werden beschlagnahmte Stoßzähne verbrannt.
Vernichtung von Elfenbein: In Kenia werden beschlagnahmte Stoßzähne verbrannt.
Vernichtung von Elfenbein: In Kenia werden beschlagnahmte Stoßzähne verbrannt. – (c) EPA (DAI KUROKAWA)

Wien/Pretoria. Nachts überqueren sie die grüne Grenze. Durch die riesigen Zuckerrohrfelder und den löchrigen Grenzzaun bahnen sie sich den Weg von Mozambique in den Krüger-Nationalpark in Südafrika. Sie sind bestens mit Fahrzeugen, mit Waffen und mit Nachtsichtgeräten ausgerüstet und haben nur ein Ziel: Sie wollen im knapp 20.000 Quadratkilometer großen Wildschutzgebiet im Nordosten Südafrikas ein Nashorn erlegen, um an dessen Horn zu kommen.

Mindestens 581 Nashörner sind im Jahr 2014 allein im Krüger-Nationalpark getötet worden, in ganz Südafrika waren es 1215 der vom Aussterben bedrohten Tiere. Mit der illegalen Tötung eines Nashorns alle sieben Stunden hat die Wilderei in Südafrika einen neuen Negativrekord erreicht (zum Vergleich: 2007 wurden 13 Nashörner gewildert). Und 80 Prozent der Wilderer im Krüger-Nationalpark kommen aus Mozambique. Immer wieder kommt es zu Gefechten zwischen den illegalen Jägern und den Park-Rangern.

 

Weltweites Netzwerk

Doch nicht nur der Krüger-Nationalpark und nicht nur Südafrika haben ein immer größeres Problem mit den immer kleiner werdenden Populationen an großen Wildtieren. Der illegale Handel mit Teilen von Elefanten, Nashörnern und Tigern ist ein lukratives, globales Geschäft, angetrieben von der ungebremsten Nachfrage in Asien. Vor allem in China, Vietnam und in Japan werden einzelne Körperteile als Inhaltsstoffe von Tinkturen oder Pülverchen der Traditionellen Chinesischen Medizin, als Potenzmittel, Glücksbringer, Statussymbol oder als Ingredienzien für die Spezialitätenküche verwendet.

Vom Wildern der Tiere über den Transport der begehrten Hörner, Stoßzähne oder Krallen bis hin zum Verkauf: Kriminelle Banden haben über Kontinente hinweg alles perfekt organisiert. Das Wiener Büro der Vereinten Nationen für Drogen- und Verbrechensbekämpfung (UNODC), das sich auch mit dem illegalen Handel von geschützten Wildtieren als einer Form des organisierten Verbrechens befasst, hat einen Fall nachgezeichnet: Jäger aus einem kleinen Dorf in Mozambique erlegen jenseits der Grenze im Krüger-Nationalpark einen Elefanten. Sie zerlegen ihn und übergeben die Stoßzähne an einen Mittelsmann. Der hat sich um den Transport auf dem Straßenweg nach Malawi gekümmert, wo der nationale Handel mit Elfenbein nicht verboten ist. Dort werden die Stoßzähne weiterverarbeitet. Dann kommen die asiatischen Großhändler ins Spiel: Sie kaufen die fertigen Produkte wie etwa Essstäbchen, Zigarettenhalter oder andere kleine Objekte, verstecken sie in Containern mit legalen Waren – wie etwa Statuen aus Stein, getrocknetem Fisch oder gar Plastikmüll. Per Flugzeug gelangt die illegale Fracht über Singapur oder Thailand nach China, Japan, Korea oder Malaysia.

Jährlich kommen rund 75 Tonnen Elfenbein, 800 Kilo Hörner von Nashörnern und rund 1500 Kilo Tigerknochen in Umlauf. Der Preis pro Kilo Horn auf dem asiatischen Markt beträgt bis zu 25.000 Euro. Auch der Jemen gilt als wichtiges Zielland: Dort werden die Hörner als Griffe für die traditionellen Dolche verwendet. Ein Kilo Elfenbein ist vergleichsweise günstig und bringt bis zu 750 Euro. Der Anteil, den die afrikanischen Wilderer bekommen, liegt meist bei nur einem Prozent des Verkaufspreises.

 

Geld für Terroristen

Ein Teil der satten Gewinne fließt offenbar in die Finanzierung eines weiteren großen Problems in Afrika: Die islamistischen Terrororganisationen Boko Haram in Nigeria, die al-Shabaab-Miliz in Somalia und Kenia sowie die Lord's Resistance Army in Uganda und der Demokratischen Republik Kongo sind in den Elfenbein- und Hornhandel involviert. Behörden in Nigeria und weiteren afrikanischen Ländern wissen schon seit Längerem, dass die Terroristen ihre blutigen Feldzüge mit den Erlösen aus dem Elfenbeinhandel finanzieren. Die Wilderei müsse daher als Sicherheitsproblem für ganz Afrika betrachtet werden, meinte vor Kurzem der Geheimdienstchef Simbabwes.

Fakten

35.000 Elefanten sind seit 2010 in Afrika Wilderern zum Opfer gefallen. In den vergangenen Jahren ist die Population jährlich um sieben Prozent geschrumpft. Weltweit gibt es noch rund 29.000 Nashörner in freier Wildbahn – das Tier zählt zu den am meisten gefährdeten der Welt. 1215 Nashörner wurde allein in Südafrika 2014 wegen ihrer Hörner getötet.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.02.2015)

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