Chinas KP fordert Wiedergeburt des Dalai Lama

Offiziell lehnt die chinesische Führung den Dalai Lama als geistiges Oberhaupt der Tibeter ab und betrachtet ihn als aufrührerischen Separatisten. Nun aber bestehen hohe Funktionäre auf seine Neu-Inkarnation.

DALAI LAMA
DALAI LAMA
DALAI LAMA – (c) APA/EPA/Claus Bech (Claus Bech)

Peking. Eigentlich sollte Chinas herrschende Kommunistische Partei sich um religiöse Belange gar nicht kümmern. Schließlich hält sie es offiziell wie einst Karl Marx: „Religion ist das Opium des Volkes.“ Doch geht es um die Nachfolge des Dalai Lama, des geistigen Oberhaupts des tibetischen Buddhismus, maßt sie sich plötzlich an, auch das Jenseits kontrollieren zu können.

Abgeordnete des bis gestern, Sonntag, tagenden jährlichen Volkskongresses, Chinas Scheinparlament, haben sich auf höchst eigentümliche Weise über den Dalai Lama geäußert. „Ob er die Wiedergeburt beenden will oder nicht, liegt nicht in seiner Hand“, sagte Padma Choling, Vorsitzender des Tibeter Regionalkongresses. Deren Mitglieder sind der chinesischen Führung in Peking treu ergeben.

Der seit seiner Flucht aus Tibet vor den chinesischen Besatzern vor fast genau 56 Jahren in Indien lebende Dalai Lama hatte im Vorjahr in Interviews gesagt, dass es eine Reinkarnation von ihm womöglich nicht mehr geben werde. Die seit mehr als 500 Jahren existierende Institution des Dalai Lama habe sich wohl überholt. Schon vorher hatte der heute 79-Jährige ausgeschlossen, dass er auf dem Boden der Volksrepublik wiedergeboren werde. Seine Rolle als politisches Oberhaupt der Tibeter hatte er 2011 abgegeben und ebnete so den Weg für eine zivile Exilregierung.

 

Reinkarnation Regierungssache

Der Peking-freundliche Tibeter Padma sprach nun von „Blasphemie gegen den tibetischen Buddhismus“. Ob der Dalai Lama die Wiedergeburt beenden wolle oder nicht, liege nicht in seiner Hand. Er habe einst auch keinen Einfluss auf seine eigene Ernennung gehabt: Sie folge schließlich strengen religiösen Regeln. „Der Dalai Lama provoziert eine Spaltung.“

Zhu Weiqun, ein hochrangiger chinesischer Parteifunktionär, schloss sich den Attacken seines Genossen an und wurde noch konkreter: „Die Entscheidungsgewalt über die Reinkarnation des Dalai Lama und über das Ende oder das Überleben seiner Erbfolge liegt ganz allein bei der Zentralregierung Chinas“, sagte er mehreren Medienberichten zufolge.

Tibets Buddhisten glauben an die Wiedergeburt ihrer geistigen Oberhäupter. Chinas Armee hatte im März 1959 Tibet besetzt und den Dalai Lama samt Hofstaat vertrieben. Ihm hat die chinesische Führung seine Rolle sowohl des religiösen als auch des politischen Oberhaupts aller Tibeter abgesprochen und betrachtet ihn als gewalttätigen Separatisten.

Auch dem Panchen Lama, der Nummer zwei des tibetischen Buddhismus, hat die chinesische Führung seine Rolle aberkannt. Eine Gruppe Dalai-Lama-treuer Mönche hatte anno 1995 in einem speziellen Verfahren die Wiedergeburt des 1989 verstorbenen zehnten Panchen in einem sechsjährigen Jungen erkannt. Die Führung in Peking ließ das Kind entführen und ersetzte es durch eines, das von ihr ausgewählt wurde.

Der heute 25-Jährige scheint der Führung indes nicht vollständig treu ergeben zu sein: Bei seinem ersten offiziellen Auftritt auf dem Volkskongress vorige Woche äußerste er sich kritisch über Chinas Tibet-Politik. Er beklagte die mangelnde Ausbildung viele Tibeter und sprach die Beschränkungen für Mönche an.

 

Als ob Castro den Papst erwählt

Zur Forderung der Kommunisten, an einer Wiedergeburt des Dalai Lama festzuhalten, gab es auch Reaktionen von der tibetischen Exilregierung im indischen Dharamsala. Jeder Anspruch Pekings, den Nachfolger des Dalai Lama zu benennen, sei absurd, sagte der Chef der Exilregierung, Lobsang Sangay. Das sei doch so, als ob Fidel Castro sage: „Ich suche den nächsten Papst aus, und alle Katholiken müssen dem folgen.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.03.2015)

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