Nach Absturz: Stimmenrekorder von Airbus ausgewertet

Eine Audio-Datei mit Stimmen und Geräuschen konnte aus dem Speicher ausgelesen werden. Nach der zweiten Black Box wird noch gesucht.

Merkel und Hollande
Merkel und Hollande
Merkel und Hollande – APA/EPA/PETER KNEFFEL

Einen Tag nach der Flugzeugkatastrophe in den französischen Alpen mit 150 Toten ist es französischen Ermittlern  gelungen, aus dem Cockpit-Stimmenrekorder der Maschine Aufzeichnungen zu gewinnen. Das teilte die französische Untersuchungsbehörde BEA in Paris mit.

Nach zwischenzeitlichen Problemen sei es gelungen, die Audiodatei aus dem Speicher auszulesen, sagte  BEA-Leiter Remi Jouty . Die Aufnahme ende erst mit dem Aufprall der Maschine. Noch sei es aber zu früh, aus den zu hörenden Geräuschen und Stimmen Schlüsse zu ziehen. Die Analyse würde einige Tage dauern: "Wir haben noch nicht genau verstanden, was man da hört", sagte der Leiter.

Über den Höhenverlust des Airbus vor dem Aufprall sagte er: Die Kurve sei eher mit einem automatischen Sinkflug kompatibel.

Die französischen Ermittler sind an der Absturzstelle des Airbus auch nach wie vor an der Suche nach der zweiten Blackbox. Nur die Hülle des eigentlichen "Flugschreibers" sei bisher entdeckt worden, aber "nicht die Blackbox selbst", sagte Frankreichs Staatschef Francois Hollande am Mittwoch bei einem Besuch in der Nähe der Unglücksstelle in dem Ort Seyne. Der BEA-Leiter erklärte hingegen, es seien noch gar keine Teile des Datenschreibers gefunden worden.

"Die Presse" war zuvor aus gut informierten Kreisen von Luftfahrtexperten darauf hingewiesen worden, dass man den Cockpit-Voicerekorder bereits weitgehend ausgewertet habe - das ist ein rein digitales Soundfile, dessen Auswertung etwa eine halbe Stunde dauere.

Demnach, so die Aussage einer Person, die anonym bleiben möchte, sei ein plötzliches Krachen im Cockpit zu hören, als ob etwas berste. "Es ging schnell", heißt es, und: Die Piloten hätten gerade noch den Autopilot auf Notlandeanflug umstellen können, danach sei binnen weniger Sekunden nichts mehr zu hören gewesen.

Das deute darauf hin, so ein Luftfahrt-Insider zur "Presse", dass die Windschutzscheiben im Flug geborsten seien - ein sehr ungewöhnlicher Vorfall. Es kommt allerdings gelegentlich vor, dass winzige Risse auftreten.

Wäre die Scheibe tatsächlich geborsten, strömte Luft mit der Geschwindigkeit des Flugzeugs ins Cockpit (also 800 bis 900 km/h), was zum raschen Tod oder zumindest zur Bewusstlosigleit der Piloten führt. Es wäre bei dieser Windgeschwindigkeit auch kaum noch möglich, von hinten ins Cockpit zu gelangen, um die Piloten zu retten oder sonst irgendwie an die Steuerung zu gelangen. Diese Version würde jedenfalls den plötzlichen Kommunikationsausfall und scheinbar ungerührten Sinkflug des Airbus erklären.

Merkel: "Wahrhafte Tragödie"

Mittlerweile ist auch Angela Merkel im Unglücksgebiet eingetroffen. Die deutsche Kanzlerin flog gemeinsam mit Hollande in einem Hubschrauber der französischen Luftwaffe in die nahe der Absturzstelle gelegene Ortschaft Seyne, wo die Einsatzkräfte ihr provisorisches Hauptquartier errichtet haben.

Bei dem Besuch waren auch der spanische Ministerpräsident Mariano Rajoy und die nordrhein-westfälische Ministerpräsidentin Hannelore Kraft dabei. Die vier Politiker sprachen in Seyne ausführlich mit Vertretern der Einsatzkräfte, um sich ein Bild von der Lage zu machen. In der Pressekonferenz erklärte Merkel an der Seite von Rajoy und Hollande, es handle sich um "eine wahrhafte Tragödie".  Sie dankte den Franzosen für die "beispiellose Hilfsbereitschaft": "Dies ist gelebte deutsch-französische Freundschaft."

Der ramponierte Voice Recorder des abgestürzten Airbus
Der ramponierte Voice Recorder des abgestürzten Airbus
Der ramponierte Voice Recorder des abgestürzten Airbus – Reuters
Ein Airbus A320 der Lufthansa-Tochter Germanwings war am Dienstag auf dem Weg von Barcelona nach Düsseldorf in den französischen Alpen abgestürzt. 150 Menschen starben. Noch ist die Ursache unklar.

Die Wucht, mit der der Airbus A320 am Dienstag in den französischen Alpen aufprallte, muss enorm gewesen sein: "Alles ist pulverisiert, man kann nichts mehr auseinanderhalten. Man sieht nichts, man kann nicht einmal ein Flugzeug darin erkennen", zitiert die Zeitung "Le Monde" den Feuerwehr-Leutnant Eric Sapet. Das größte Trümmerstück, das er habe erkennen können, habe die Größe eines Auto-Kotflügels gehabt, sagte der Lokalpolitiker Richard Bertrand aus dem nahe gelegenen Dorf Vernet.

Der spanische Ministerpräsident Rajoy und Frankreichs Präsident Hollande – REUTERS

Bei dem Absturz am späten Dienstagvormittag kamen 144 Passagiere und 6 Besatzungsmitglieder ums Leben, darunter auch eine 16-köpfige Schülergruppe mit zwei Lehrerinnen. Offenbar stammten sogar 72, und nicht wie am Dienstag angegeben 67 der Opfer aus Deutschland, wie Germanwings bekanntgab. 35 Opfer kamen aus Spanien. Zudem waren auch Passagiere aus Australien, Argentinien, Iran, Venezuela, den USA, Großbritannien, Niederlande, Kolumbien, Mexiko, Japan, Dänemark, Belgien und Israel an Bord, wie am Mittwoch bekanntgegeben wurde.

Die Rettungskräfte an der Absturzstelle werden heute, Mittwoch noch keine Opfer bergen. Dies sagte Rettungspilot Xavier Roy am Einsatzort in Seyne-les-Alpes. Wichtig sei zunächst, die zweite Black Box zu finden. Bei den Arbeiten, an denen auch Spezialteams beteiligt seien, werde auch versucht, Teile der Motoren zu lokalisieren. Zudem versuchen die Rettungsmannschaften, die Körper der Opfer zu finden.

 

Black Box

Ein Passagierflugzeug verfügt über zwei Black Boxes. Landläufig werden sie "Flugschreiber" genannt, was aber nicht ganz korrekt ist. Der eigentliche Flugschreiber, der Daten wie Flughöhe, Fluggeschwindigkeit, Lage, Abgastemperatur, Stellung von Fahrwerk und Landeklappen ist die eine Black Box. Die andere ist der sogenannte Cockpit Voice Recorder. Er zeichnet die Gespräche der Piloten, den Funkverkehr und Durchsagen im Flugzeug auf.

Der Name "Black Box" ist insofern irreführend, als die aus Batterie, Sender und Datenspeicher bestehenden Apparate meist rot oder orange lackiert sind, um sie bei einem Unglück leichter finden zu können. Sie müssen Abstürze aus großer Höhe aushalten können. Es gebe aber "kaum Fälle,  in denen sie so zerstört sind, dass sie ganz nutzlos sind, zitiert die "Tagesschau" den Luftfahrtexperten Jens Flottau.

 

 

Sonderflüge für Hinterbliebene

Ein Sprecher des Innenministeriums ergänzte, etwa 50 Spezialkräfte seien zu Fuß unterwegs zum Unfallort. Sie seien am Abend aufgebrochen und hätten in der Nacht biwakiert, erläuterte er in Seyne-les-Alpes. "Sie wollten kein Risiko eingehen. Die Bedingungen sind sehr schwierig." Wann die Opfer geborgen werden können, sei unklar.

Die Lufthansa, Mutter der betroffenen Airline Germanwings, hat den Hinterbliebenen derweil angeboten, sie am Donnerstag mit Sonderflügen nach Südfrankreich zu bringen. 

(APA/Reuters/AFP/DPA/wg)

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