Das große Schulexperiment von New Orleans

Seit Katrina besuchen fast alle Kinder autonome Charter Schools. Das hat erfreuliche Auswirkungen.

Judy Griffin und ihr Verlobter Buck in ihrem neuen Haus.
Judy Griffin und ihr Verlobter Buck in ihrem neuen Haus.
Judy Griffin und ihr Verlobter Buck in ihrem neuen Haus. – Oliver Grimm

Lehrer, die seit mehr als vier Jahrzehnten im bezahlten Krankenstand waren, Beamte der Schulbehörde, die wöchentlich 50 Überstunden anmeldeten, 71 Millionen Dollar (64 Millionen Euro) an verschwundenen Zuschüssen aus Washington. Die Schulbehörde von New Orleans war vor dem Hurrikan Katrina so korrupt, dass die US-Bundespolizei FBI im Zuge ihrer Ermittlungen ein Büro im Behördengebäude aufgeschlagen hat.

„Als die Dämme brachen, konnte jeder vierte 14-Jährige in New Orleans nicht altersgemäß lesen“, sagt Leslie Jacobs, die jahrelang als gewählte Vertreterin im Aufsichtsorgan der Behörde gegen die Missstände gefochten hat, im Gespräch mit der „Presse am Sonntag“. „62 Prozent der Schüler besuchten damals Schulen, die als gescheitert klassifiziert waren. Und wir scheiterten in Louisiana, das US-weit an 49. Stelle von 50 Staaten rangierte.“

Schon im Jahr 2003 hatte die Regierung von Louisiana deshalb die Notbremse gezogen und fünf öffentliche Schulen unter Kuratel gestellt. Nachdem Katrinas Flutwellen zahlreiche Schulgebäude devastiert hatten, machte man einen radikalen Schritt: am 15. September 2005 wurden alle rund 7000 Lehrer und Verwaltungsbeamten gekündigt, der Staat Louisiana übernahm 102 der damals 117 öffentlichen Schulen. Und man beschloss, sie in autonome Charter Schools umzuwandeln. Das sind privat betriebene, aber öffentlich finanzierte Schulen, die sich im Rahmen einer Charter, also eines Gründungsvertrags, zur Erbringung von vorgeschriebenen Bildungsleistungen verpflichten. Erreichen sie diese Ziele wie zum Beispiel eine bestimmte Absolventenzahl binnen fünf Jahren nicht, wird ihnen die Charter gekündigt. Dafür haben die Schuldirektoren freie Hand in Sachen Personal, Curriculum und Budget.

Jacobs war eine der Architektinnen dieses Wandels. Unmittelbar nach der Flut hatte sie allerdings mit anderen Nöten zu kämpfen: „Am 1. Oktober 2005 hatten wir mit 66.000 Schülern gerechnet. Als wir am 6.Jänner 2006 tatsächlich aufsperren konnten, waren 15.000 zurück in der Stadt. Das Schuljahr 2005/2006 war komplett verloren.“

Bessere Noten, mehr Absolventen. Heute besuchen mehr als 90 Prozent der Kinder von New Orleans eine solche autonome Schule. Statt 117 gibt es nur mehr rund 80 öffentliche Schulen, fast alle sind Charter Schools, denn die Schülerzahl ist seither gesunken: Statt 66.000 Schülern sind es heute nur mehr 46.000. Sie sind noch immer mehrheitlich schwarz (damals zu 93, heute zu 85 Prozent) und arm. 42 Prozent leben in Armut: doppelt so viele wie im US-Durchschnitt. „Die Charter Schools geben den Lehrern die Freiheit, schneller und besser auf die Bedürfnisse dieser Kinder einzugehen“, sagt Jacobs. Die Statistik gibt ihr recht. Absolvierten im alten System nur 30Prozent der schwarzen Burschen die Highschool, sind es heute 65 Prozent: mehr als im Durchschnitt von Louisiana. 2004 gingen 37 Prozent aller Absolventen aufs College. Heute sind es 59Prozent. 86 Prozent nehmen an Leistungstests teil, die für die Aufnahme an Hochschulen nötig sind. 2005 waren es 60 Prozent, und sie erreichten damals wesentlich weniger Punkte. Die Fakten entkräften auch die Hauptkritik der Gegner von Charter Schools, wonach diese Kinder mit Behinderungen, Lernschwäche und Verhaltensauffälligkeiten nicht aufnehmen: 2001 haben nur fünf Prozent dieser Kinder in New Orleans die Schule abgeschlossen, 2013 aber 48 Prozent. „Die Schulen sind besser geworden“, sagt Judy Griffin, die im Bezirk Gentilly lebt. „Meine fünf Enkel gehen in Charter Schools, sie sind dort sehr zufrieden.“

Jacobs streicht einen anderen Vorzug des neuen Modells hervor: „Vor Katrina hatten wir sieben Mitglieder in der Schulbehörde. Für Eltern war es fast unmöglich, sie zu erreichen. Heute sind mehr als 400 Bürger in Leitungsgremien von Charter Schools aktiv – die meisten davon sind schwarz.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.08.2015)

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