Wo der Hausarzt über die Therapie entscheidet

Die Niederlande haben das beste und effizienteste Gesundheitssystem Europas. Doch auch im holländischen Modell gibt es Schattenseiten.

Tulips are seen placed in front of the Royal Palace at the Dam Square to celebrate the beginning of the tulip season in Amsterdam
Tulips are seen placed in front of the Royal Palace at the Dam Square to celebrate the beginning of the tulip season in Amsterdam
(c) REUTERS (Michael Kooren)

Den Haag. Krank will niemand sein und auch nicht werden. Aber wenn man einmal krank sein sollte, dann ist es angeraten, in den Niederlanden zu leben und dort zu einem Arzt oder ins Krankenhaus zu gehen. Denn die Niederlande haben das beste Gesundheitssystem in Europa. Das zumindest geht aus einer Studie des schwedischen „Euro Health Consumer Index“ hervor. Hinter Holland rangieren die Schweiz und Norwegen auf den obersten Plätzen im Ranking des besten Gesundheitssystems in Europa. Deutschland, Österreich und Luxemburg sind in dieser Studie nicht unter den Top fünf.

Gerühmt wird in der schwedischen Studie vor allem das sogenannte Hausarztmodell der Niederlande. Das heißt, die Hausärzte bestimmen darüber, zu welchen Fachärzten sie ihre Patienten überweisen, wenn diese eine weitere Behandlung brauchen. Das ist effektiv. Es spart Kosten. Hat aber auch den Nachteil, dass ein Patient in den Niederlanden keine freie Arztwahl hat. Man kann also nicht zu einem Orthopäden oder einem Internisten gehen, den man selbst wählt. Der Hausarzt regelt das.

 

375 Euro Selbstbehalt

Das holländische Hausarztmodell hat also Licht- und Schattenseiten. Es funktioniert aber, wenn man zu seinem Hausarzt einen guten und vertrauensvollen Kontakt hat. Er überweist dann zu dem Facharzt, den man haben möchte. Das niederländische Gesundheitssystem ist gut, wenn man weiß, wie es funktioniert und sich darin mithilfe des Hausarztes zurechtfindet.

Aber es ist auch sehr komplex. Es ist nicht alles Gold, was glänzt. Größter Nachteil im niederländischen Gesundheitssystem ist die hohe Selbstbeteiligung für jeden. Laut Gesetz ist jeder Einwohner der Niederlande, der ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen will, verpflichtet, 375 Euro per Jahr an Selbstbeteiligung zu bezahlen.

Dieses sogenannte eigene Risiko können sich immer mehr Niederländer nicht mehr leisten. Viele gehen daher gar nicht mehr zum Zahnarzt zur regulären Zahnkontrolle, weil sie das nicht mehr bezahlen wollen oder können.

Außerdem: Seit der Gesundheitsreform aus dem Jahr 2006, als die sogenannte Basis- oder Bürgerversicherung für alle eingeführt wurde, muss man sich, wenn man mehr als die Basisversicherung will, noch zusätzlich versichern. Für den Zahnarzt beispielsweise. Oder für die Physiotherapie. Jede Versicherung bietet dafür eigene Zahnarztpakete oder Physiotherapiepakete an.

Der größte Vorteil aber, den die Gesundheitsreform aus dem Jahr 2006 brachte, ist der, dass man als Versicherter die Versicherung wechseln kann, wenn man das will. Das ist einmal im Jahr innerhalb einer bestimmten Frist möglich. Außerdem wurde durch die Gesundheitsreform die Konkurrenz zwischen den Versicherungen belebt. Man muss sich dann aber auch schon die Mühe machen zu vergleichen, welche Versicherung welche Leistungen zu welchem Preis anbietet. Ist der Zahnarzt dabei, eine Behandlung beim Physiotherapeuten? All das muss der Versicherte entscheiden und sich sein Versicherungspaket selbst zusammenstellen.

Die niederländische Gesundheitsministerin, Edith Schippers, ist mit dem relativ gut funktionierenden Gesundheitssystem ,,sehr zufrieden“, wie sie sagt. Es gebe aber keinen Grund, „sich zurückzulehen“, meint sie. „Weitere Verbesserungen sind möglich.“ Etwa die, die Wartezeiten für bestimmte Operationen abzubauen. Denn für besondere medizinische Eingriffe gibt es auch im besten Gesundheitssystem in Europa noch immer lange Wartelisten.

AUF EINEN BLICK

Die Niederlande verfügen laut einer Studie des schwedischen „Euro Health Consumer Index“ über das effizienteste Gesundheitssystem Europas. Zentrale Rolle im niederländischen Modell nehmen die Hausärzte ein. Sie entscheiden, zu welchem Facharzt die Patienten geschickt werden, sofern eine weitergehende Therapie nötig ist. Das spart Kosten. Die Schattenseite dabei: Der Patient kann es sich nicht aussuchen, zu welchem Facharzt er gehen will. Zudem gibt es eine Konkurrenzsituation zwischen den Krankenversicherungen. Die Niederländer können die Versicherung wechseln, wenn sie das wollen. Dafür müssen sie sich aber auch selbst darüber informieren, was die Versicherung genau abdeckt, welche Zahnarzt- oder Physiotherapiepakete sie etwa anbietet.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.06.2016)

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