Italien – Schweiz: Klimawandel führt erstmals zu Grenzänderung

Der Gletscher wird kleiner, die Schweiz dadurch größer. Annexion sei das nicht, heißt es in Bern, sondern „reiner Zufall“.

(c) AP (Laurent Gillieron)

Rom (pk). Dass Grenzen fallen, das kennt man in Europa, seit Ungarn 1989 den Eisernen Vorhang aufgemacht hat. Dass Grenzen fließend werden, das ist neu. Neu ist auch, dass es sich dabei um die erste europäische Grenzveränderung handelt, die nicht auf die Politik, sondern den Klimawandel zurückgeht.

Eine entsprechende Vereinbarung haben nun Italien und die Schweiz geschlossen. Deren gemeinsame Grenze verläuft teils am Alpenhauptkamm oder dort, wo der Fels nicht sichtbar ist, auf der Gratlinie der Gletscher. Die aber sind eine mobile Angelegenheit, und durch das immer stärkere Abtauen ihrer Eismassen in den vergangenen Jahrzehnten haben sich auch Gratlinien und Wasserscheiden verschoben. Vom Matterhorn über das Monte-Rosa-Massiv bis zum Bernina ist damit auch die Grenze gewandert. Diesem Umstand tragen die zwei Staaten nun Rechnung.

 

Präzedenzfall Ötzi

Faktisch heißt das, dass die Schweiz größer wird – auch wenn das nur für den etwa 40 km langen Gletscherabschnitt gilt, und es sich meist nur um einige Meter handelt. Annexion sei das nicht, heißt es in Bern, sondern „reiner Zufall“. Gestritten hat Italien auch nicht dafür: 3500 m über dem Meer, da wohnt niemand, da gibt es nichts außer Eis.

Obwohl: In ähnlich ungewisser Grenzlage zwischen Italien und Österreich war 1991 eine ausgemergelte Gletscherleiche geborgen worden. Überliefert ist – als die Bedeutung des Funds absehbar wurde – die eifersüchtige Frage des Südtiroler Landeshauptmanns Luis Durnwalder: „Wo ist der gelegen? Bei uns oder bei denen?“ Flugs stiegen südtirolfreundliche Landvermesser auf, und seither erinnert die Gletscherleiche nur noch in ihrem Namen an österreichisches Terrain: „Ötzi“. Die Millionengewinne aus Vermarktung und Ötzi-Tourismus aber streicht Südtirol ein.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.08.2009)

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