Der Aufstand der Venezianer

Touristen verdrängen die Venezianer aus ihrer Stadt, die UNO warnt vor den verheerenden Folgen der zu hohen Besucherzahlen. Nun regt sich Widerstand.

ITALY-TOURISM-VENICE
ITALY-TOURISM-VENICE
(c) APA/AFP/TIZIANA FABI

Ausgelassen nähern sich die jungen Touristen in Badehosen dem Canal Grande. Offensichtlich suchen sie etwas abenteuerliche Abkühlung von der venezianischen Augusthitze. Gerade wollen sie ins modrige Kanalwasser hüpfen, als eine empörte Venezianerin sie davon abhält, den malerischsten Kanal der Welt in ein Fun-Schwimmbecken umzufunktionieren.

Die Videoaufnahmen im Internet führten zu empörten Reaktionen in Italien. Die Bilder der halb entblößten ausländischen Gäste in der prachtvollen Serenissima wurden zum Sinnbild für Respektlosigkeit und fehlende Zurückhaltung der Massentouristen – ebenso wie Fotos campierender Menschen auf dem Markusplatz, von Picknicks im Schatten des Campanile oder Besuchern, die an historischen Palazzi ihre Bedürfnisse verrichten.

Das brachte die Wut der Venezianer zum Überkochen. Inmitten der Hochsaison, als sich die Massen durch die engen „calli“ drängten, erschienen plötzlich Plakate an den alten Mauern mit der Aufforderung auf Englisch: „Touristen, verschwindet! Ihr zerstört diese Gegend.“ An Mülltonnen hingen Zettel: „Stop. Ich bin in Venedig nicht willkommen.“ Abgebildet war ein Schwein in Badehose, das Müll auf den Boden wirft.

 

„Venedig darf nicht Disneyland werden“

Seit Jahren klagen die Venezianer über die Folgen der ausufernden Gästepräsenz. Sie befürchten, dass sich ihre Stadt „in ein Disneyland“ verwandle. Die Zahlen sprechen für sich: Jährlich besuchen 34 Millionen Menschen die Lagunenmetropole, im Sommer strömen zeitweise bis zu 74.000 Menschen täglich in die Stadt. Wobei die Serenissima eigentlich nur eine Kapazität für zwölf Millionen Gäste pro Jahr hätte. In die Höhe schnellende Wohn- und Lebensmittelpreise, Supermärkte und Geschäfte, die von Bars und Restaurants verdrängt werden, ineffiziente Dienstleistungen und überlastete Transportmittel treiben die Einwohner in die Flucht, meist ins angrenzende Mestre.

Die Bevölkerung Venedigs hat inzwischen ein Rekordtief erreicht: Lebten 1951 noch 175.000 Venezianer in der Stadt, ist die Zahl auf 56.000 Personen geschrumpft (83.398, wenn man die Inseln mitzählt). In ihre Domizile ziehen B&B und meist nicht amtlich registrierte Ferienappartements ein. Geschätzte 6000 Wohnungen sollen derzeit schwarz an Touristen vermietet werden.

Nun haben sich erstmals wütende junge Venezianer zusammengetan, um gegen „die Entvölkerung“ ihrer Stadt zu protestieren. Diese Gruppe mit dem Namen Generation 90 rief vor wenigen Wochen die Venezianer zu einem friedlichen Protestspaziergang durch das Zentrum auf: „Venedig ist nicht ein Fun-Park. Sondern eine Stadt, die wirklich existiert und die Widerstand leistet. Wir brauchen Normalität und einen Alltag. Uns gibt es, und uns soll es weiter geben“, sagte einer der Organisatoren. Die Jugendlichen fordern einen kontrollierten Qualitätstourismus.

Vor allem appellierten die Demonstranten an Lokalpolitiker: Venedig drohe unterzugehen, statt der ewigen Planspiele solle die Stadtregierung endlich Taten setzen. Bereits im Juli hatte die Unesco Venedig ein Ultimatum gesetzt: Würden bis zum Februar 2017 nicht Notmaßnahmen in Kraft gesetzt, um den Tourismus zu regulieren, könnte die Stadt den Titel Weltkulturerbe verlieren. Ein Dorn im Auge sind der UN-Organisation vor allem die mehr als 1500 Kreuzfahrtschiffe, die jedes Jahr im Herzen Venedigs anlanden. Die Monsterschiffe bringen 500 Millionen Euro an Einnahmen, sind aber für die fragile Stadt im Meer, die sich aus 118 künstlichen Inseln zusammensetzt, eine tödliche Gefahr.

 

Numerus clausus für Besucher

Die Drohung lief bisher ins Leere. Das offizielle Venedig, aber auch die Regierung in Rom reagieren wie gelähmt auf die Touristenwelle. An Ideen mangelt es nicht: Seit Jahren diskutiert man heftig über Verbote für Kreuzfahrtschiffe, einen Numerus clausus für Gäste oder Hilfen für aussterbende Handwerksgeschäfte sowie Verhaltenskodizes für Touristen. Doch bisher sind alle Projekte im Sand verlaufen. Und so strömen die Massen weiter unvermindert in die uralte Lagunenstadt: „Venedig stirbt an zu viel Leben“, konstatiert resigniert das Magazin „Panorama“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.09.2016)

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