Verstoßene Kinder in Afrika: Im Bann des bösen Zaubers

Tausende Kinder werden in Afrika verstoßen, gefoltert oder getötet, weil ihre Eltern glauben, dass sie über dämonische Kräfte verfügen. Die Wirtschaftskrise hat die Hexenverfolgungen noch verstärkt.

Albino Twins
Albino Twins
(c) REUTERS (STRINGER/BRAZIL)

Ich habe 110 Hexen getötet. Sie hatten große Kräfte“, erklärt der Mann, der sich Bischof Sunday Ulup-Aya nennt, vor laufender Kamera. „Zwei Wochen lang musste ich jede Nacht Kindern böse Geister austreiben.“ Er mischt einen Trank aus Alkohol, Beerensaft und einigen Tropfen Blut. Diesen verabreicht er den Besessenen während der langen, schmerzhaften und oft tödlichen Prozeduren, in denen er aus ihren Körpern böse Geister vertreibt.

Der Glaube an die Macht des Okkultismus hat Subsahara-Afrika fest im Griff: Wird ein Familienmitglied krank, droht eine Missernte, oder wird das Geld knapp, muss das Übernatürliche als Erklärung herhalten. Geister beeinflussen alle Bereiche des Lebens – manchmal positiv, oft negativ. Dann wird ein Spezialist herangezogen – ein Heiler oder Priester so wie Sunday Ulup-Aya –, der Amulette oder Tinkturen als Gegenmaßnahmen verabreicht oder qualvolle Exorzismen durchführt, um zu Geständnissen zu gelangen. Oft werden als Hexen verdächtige Menschen ausgestoßen und verfolgt. Sie müssen Exkremente essen oder werden nackt durchs Dorf getrieben. Anderen werden die Augen ausgestochen oder Körperteile amputiert. Oder sie werden getötet – wie elf alte Frauen und Männer, die im Vorjahr in einem Dorf im Westen Kenias verbrannt wurden, weil sie angeblich böse Kräfte besessen hatten. Jene, die mit dem Leben davonkommen, sind körperlich gezeichnet und traumatisiert.

Nun ist man auch bei den Vereinten Nationen auf die Probleme aufmerksam geworden, die durch den Aberglauben entstehen: Straßenkinder, die leichte Beute für Menschenhändler sind, die als Kindersoldaten rekrutiert oder als Arbeitssklaven ausgebeutet werden. Erst vor Kurzem hat das Flüchtlingshochkommissariat der UNO (UNHCR) einen Bericht herausgegeben, der die Zusammenhänge zwischen Hexenglauben und Vertreibung untersucht. Diese Woche fand am UNHCR-Sitz in Genf eine Expertentagung statt, die vor einer Zunahme an Hexenverfolgungen warnte.


Hochkonjunktur in Krisenzeiten. „In schwierigen Zeiten erfährt die Hexenverfolgung Aufwind: Aberglaube ist immer dann beliebt, wenn soziale, politische oder kulturelle Netze nachgeben“, erklärte die Autorin des UNHCR-Reports, Jill Schnoebelen. Bürgerkriege, Naturkatastrophen wie Hungersnöte oder Erdbeben sowie instabile wirtschaftliche oder politische Verhältnissen bilden den Nährboden. Und die derzeitige Wirtschaftskrise trägt zu einer Verstärkung des Phänomens bei.

Jill Schnoebelen hat herausgefunden, dass in Westtansania in Jahren mit Überschwemmungen doppelt so viele Fälle von Hexenverfolgungen auftraten wie in Jahren mit normalen Witterungsverhältnissen. Oder dass in Angola Kinder in Hungerjahren beschuldigt wurden, sich nachts in Tiere zu verwandeln und die Ernte aufzufressen. „Hexerei ist eine klar identifizierbare Ursache für Dinge, die man ansonsten schwer oder gar nicht erklären kann“, so Schnoebelen. Außerdem würden dämonische Kräfte oft als Ausrede benutzt, um unerwünschte Personen loszuwerden.

Makabre Glücksbringer. Als Sündenböcke müssen die schwächsten der Gesellschaft herhalten: die Kinder, die Alten und die Außenseiter wie Albinos. Sie sind besonders stark gefährdet, weil ihre Leichenteile für viel Geld als Glücksbringer gehandelt werden (siehe Artikel rechts). Manchmal sind es aber auch die besonders Hübschen oder die Erfolgreichen, die es trifft.

Wie viele Menschen Opfer von Hexenverfolgungen werden, ist unklar. Angaben, die meist von Hilfsorganisationen kommen, divergieren stark. In Nigeria dürften innerhalb von zehn Jahren etwa 5000 Kinder ausgesetzt worden sein, weil ihre Eltern glaubten, sie wären Hexen. In Kinshasa, der Hauptstadt der Demokratischen Republik Kongo, ist sogar von 25.000 ausgestoßenen Kindern die Rede. Laut einer Statistik des Innenministeriums von Tansania fielen innerhalb von vier Jahren mehr als 5000 Menschen dem Hexenwahn zum Opfer. UNHCR-Experten schätzen gar, dass weltweit zehntausende Menschen wegen Hexerei getötet werden und Millionen von den Auswirkungen betroffen sind.

So wie die gebürtige Nigerianerin Joana Adesuwa Reiterer. Sie musste als Teenager in Nigeria, dem Land ihrer Kindheit, Rituale der schwarzen Magie über sich ergehen lassen. Zwei Mal wurde sie dazu in ihrem Leben gezwungen. Das erste Mal von ihrem Vater. Sie floh. Das zweite Mal von ihrem Verlobten. Sie gehorchte, ließ sich sieben Tage in Folge mit Pulver bestreuen, Tierblut beträufeln, bedrohen und einschüchtern. Dann folgte sie ihrem Bräutigam nach Wien. Den irrationalen Aberglauben konnte sie auch in Österreich erst abschütteln, nachdem sie ihrem Mann den Rücken gekehrt hatte. Heute findet die 28-Jährige, die über ihre Erfahrungen ein Buch geschrieben hat, klare Worte für diese Praktiken: „Das sind Menschenrechtsverletzungen.“

Migranten würden diese Praktiken, die Reiterer bewusst nicht Kultur nennen will, auch mit in alle Welt nehmen. In Großbritannien etwa verzeichnete Scotland Yard in den vergangenen zwei Jahren 60 Fälle, in denen Kinder der Hexerei beschuldigt und misshandelt oder gar getötet wurden. In Kanada und in den USA kam es zu mehreren Asylansuchen, in denen Afrikaner angaben, in ihren Heimatländern wegen Hexerei verfolgt zu werden.

Durch alle Milieus. Ob Präsidenten, Politiker, Plantagenarbeiter – der Glaube an die Macht des Okkultismus durchzieht alle Bevölkerungsschichten Afrikas. Profifußballklubs vergraben Amulette im Torraum, um das Glück auf ihre Seite zu ziehen. Gabuns kürzlich verstorbener Präsident Omar Bongo soll regelmäßig vor politischen Entscheidungen ein Orakel befragt haben. Parteichefs operieren im Vertrauen auf Aberglauben und werden so manipulier- und erpressbar.

Der Schweizer Ethnologe und Journalist David Signer geht in seinem Buch „Ökonomie der Hexerei“ sogar so weit und behauptet, dass der afrikanische Hexenkult den wirtschaftlichen Aufstieg des Kontinents blockiert – und hat mit seiner gewagten These in akademischen Kreisen für Debatten gesorgt. Er meint, wer nach Erfolg strebt, wird sofort mit Neid und Verhexung konfrontiert, weswegen er es gleich bleiben lässt oder seiner Heimat den Rücken kehrt, um fernab seinen Wohlstand zu genießen. Daher sei Afrika zur wirtschaftlichen Stagnation verdammt.

Fest steht aber, dass es schwierig wird, Praktiken zu verbieten, wenn diejenigen, die Gesetze beschließen und für deren Einhaltung zuständig sind, selbst daran glauben. Geisteraustreiber Sunday Ulup-Aya aus Nigeria wurde sein angeberisches BBC-Interview zum Verhängnis. Er sitzt in Untersuchungshaft. Einer von wenigen, die festgenommen werden. Zu Verurteilungen kommt es noch seltener.


Verwicklung der Pfingstkirchen. Die Profiteure sorgen dafür, dass die Zauberbranche floriert: Traditionelle Heiler und Pastoren der Pfingstkirchen, die sich in Afrika immer breiter machen, verdienen nicht schlecht damit, Hexen zu identifizieren. Manche Eltern geben ein Jahresgehalt für die „Heilung“ ihrer Kinder aus. Evangelikale Kirchen bieten nicht nur Exorzismen an, sondern auch einschlägige Bücher und DVDs. Doch auch der katholische Erzbischof Milingo aus Sambia kam in Verruf, weil er während seiner Gottesdienste traditionelle Geister austrieb. Er wurde mittlerweile exkommuniziert.

Dass die Allmacht der Geister wach bleibt, dafür sorgt auch die erfolgreiche afrikanische Filmindustrie von „Nollywood“ (Nigeria) bis „Ghollywood“ (Ghana). Zu einem erfolgreichen „Nollywood“-Film braucht es kaum mehr als Tote, Vampire, Geister und Theaterblut.

Doch der Kern dessen, was die afrikanische Traumfabrik auf die Leinwand zaubert, bedeutet für tausende Menschen in Afrika Realität und Albtraum zugleich.

Der komplette UNHCR-Report

Der komplette "Stepping Stones"-Bericht

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.09.2009)

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