Krawallnächte in Pariser Vororten

Seit der Misshandlung eines Schwarzen durch Polizisten Anfang Februar ziehen Jugendliche randalierend durch die Banlieues. Erinnerungen ans Krawalljahr 2005 werden wach.

Eines von vielen verbrannten Autos nach den Unruhen der vergangenen Tage nördlich von Paris.
Eines von vielen verbrannten Autos nach den Unruhen der vergangenen Tage nördlich von Paris.
Eines von vielen verbrannten Autos nach den Unruhen der vergangenen Tage nördlich von Paris. – (c) APA/AFP/GEOFFROY VAN DER HASSELT

Paris. Die nach einem Polizeiübergriff vor wenigen Tagen ausgebrochenen Krawalle in nördlichen Pariser Vororten reißen offenbar nicht ab. In der Nacht auf Mittwoch setzten Jugendliche in Aulnay-sous-Bois (rund 83.000 Einwohner) nahe dem Flughafen Le Bourget sowie in anderen Gemeinden Dutzende Autos in Brand, beschädigten Geschäfte und zündeten sogar einen Kindergarten an.

Es kam zu Zusammenstößen mit der Polizei, die nach eigenen Angaben allein in dieser zuletzt vierten Krawallnacht ein Dutzend Personen afrikanisch/arabischer Herkunft festnahm. Jugendliche hätten auch mindestens einen Einkaufswagen mit Benzinbomben gefüllt und gegen die Beamten rollen lassen, hieß es.

 

Schwere Misshandlung

Auslöser der Ausschreitungen waren die Festnahme und Misshandlung – die Rede war von Schlägen und sexuellen Übergriffen mittels eines Schlagstocks – eines 22-jährigen Schwarzen am 2. Februar durch vier Polizisten in Aulnay-sous-Bois. Der junge Mann musste operiert werden und ist zwei Monate lang arbeitsunfähig geschrieben. Die Beamten wurden später vom Dienst suspendiert, gegen einen von ihnen läuft ein Ermittlungsverfahren wegen Verdachts der Vergewaltigung. Premierminister Bernard Cazeneuve hat ein hartes Vorgehen gegen die Täter versprochen, Staatspräsident François Hollande hat das Opfer am Dienstag im Krankenhaus besucht.

Im Herbst 2005 waren dieser und andere Vororte (Banlieues) des Pariser Umlands sowie viele Städte wie Lille, Rouen, Orléans, Toulouse, Marseille, Toulon, Avignon, Straßburg und Mülhausen schon einmal Schauplätze schwerer Krawalle gewesen, die die jetzigen im Umfang sogar weit übertroffen hatten. Damals gingen bis zu 10.000 Autos und 300 Gebäude in Flammen auf, die Regierung verhängte den Ausnahmezustand.

Auslöser für diese Gewaltwelle war der Tod zweier Jugendlicher aus afrikanischen Migrantenfamilien, die am 27. Oktober in Paris auf der Flucht vor der Polizei über den Zaun eines Transformatorenhäuschens kletterten und von Stromschlägen getötet wurden. Ein türkischstämmiger Bursch überlebte. Später hieß es, dass die Polizisten eine andere Gruppe Jugendlicher verfolgt hatten; die späteren Opfer hätten sich verfolgt gefühlt und wollten, wie der Überlebende berichtete, einer Kontrolle entgehen, von der bekannt war, dass sie lang dauern würde.

Überhaupt war das ganze Jahr 2005 in Frankreich von Gewaltakten ähnlichen Hintergrunds überschattet gewesen: So waren schon in den Monaten vor der Eskalation jede Nacht etwa 80 bis 100 Autos angezündet worden, letztlich waren es in Summe etwa 28.000. Es brannten Tausende Müllcontainer, Bushaltestellen und Telefonzellen, es gab auch mehr als 3800 Angriffe auf Polizei und Feuerwehr.

 

Ghettos außer Kontrolle

Viele Pariser Vororte gelten wegen ihres besonders hohen Ausländer- und Zuwandereranteils als Problemzonen. Die Arbeitslosigkeit in Aulnay-sous-Bois etwa ist doppelt so hoch wie der Landesschnitt von zehn Prozent. „Leider haben sich diese Gegenden in Ghettos verwandelt“, sagte ein Sprecher der Polizei, Yves Lefebvre. Die normale Polizei sei oft nicht mehr ausreichend gerüstet, um in diesen Regionen, wo Drogen- und Bandenkriminalität ebenso wuchern wie Islamismus, bestehen zu können.

Dem früheren Staatspräsidenten Nicolas Sarkozy (2007 bis 2012) wird von Kritikern vorgeworfen, er habe die auf die Problemzonen spezialisierten Polizeieinheiten reduziert und generell mehr als 10.000 Polizistenjobs gestrichen.

Die jetzigen Ausschreitungen dürften eine Rolle im Wahlkampf spielen, in dem die Präsidentschaftskandidatin des rechtsextremen Front National, Marine Le Pen, immer größeren Zulauf erhält. Der erste Durchgang der Wahl findet im April statt.

 

Opfer rief zu Ruhe auf

Der Misshandelte hat die Jugendlichen derweil zur Ruhe aufgerufen. Sie sollten „die Polizei nicht bekriegen“. Zudem sagten er und seine Familie, dass sie der Justiz vertrauten, in der Sache ordentlich vorzugehen. Präsident Hollande nannte ihn einen „jungen Mann, der immer für sein vorbildliches Verhalten bekannt war“. Er habe „mit Würde“ auf den schrecklichen Vorfall reagiert. (ag./red.)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.02.2017)

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