Die Feuer-Katastrophe vom Grenfell Tower

Schock in London. Ein Hochhaus brannte komplett aus, viele Bewohner in den höheren der 24 Stockwerke waren den Flammen schutzlos ausgeliefert. Die Zahl der Toten ist auf mindestens zwölf gestiegen.

Vielen Menschen in dem Londoner Hochhaus wurde durch die Flammen der Fluchtweg abgeschnitten.
Vielen Menschen in dem Londoner Hochhaus wurde durch die Flammen der Fluchtweg abgeschnitten.
Vielen Menschen in dem Londoner Hochhaus wurde durch die Flammen der Fluchtweg abgeschnitten. – (c) APA/AFP/ADRIAN DENNIS (ADRIAN DENNIS)

"In meinen 29 Jahren bei der Feuerwehr habe ich noch nie etwas in dieser Größenordnung gesehen." Feuerwehrchefin Dany Cotton war gezeichnet von den vergangenen Stunden. Mindestens zwölf Tote und Dutzende Verletzte - die vorläufigen Opferzahlen stehen für eine der schlimmsten Brandkatastrophen in London seit Jahrzehnten. In der Nacht auf Mittwoch ist in einem Wohnhochhaus im Westen der britischen Hauptstadt ein Inferno ausgebrochen.

Verzweifelte Menschen sprangen in die Tiefe oder warfen ihre Kinder in Richtung Retter. Eine riesige Rauchsäule stand über dem wie eine Fackel brennenden 24-stöckigen Gebäude Grenfell Tower mit 120 Wohnungen. Wegen des Brandes verzögerte sich die Regierungsbildung in London.

Der Alarm ging kurz vor 1 Uhr Ortszeit (2 Uhr mitteleuropäischer Zeit) ein. Wenige Minuten später traf die Feuerwehr ein. Da schlugen die Flammen schon an der Fassade hoch. Laut Feuerwehr brannte das Haus vom zweiten bis zum obersten Stockwerk. 40 Feuerwehrfahrzeuge waren im Einsatz. 200 Feuerwehrleute kämpften gegen die Flammen.

Mehrere Vermisste, Dutzende Verletzte

Bei dem verheerenden Hochhausbrand in London ist die Zahl der Todesopfer auf zwölf gestiegen, wie Scotland Yard am Mittwoch bestätigte. Befürchtet wurde, dass noch weitere Menschen ums Leben gekommen sind. Mehrere Bewohner würden noch vermisst, sagte ein Polizeisprecher am Mittwoch.
Er bezeichnete die Bergungsarbeiten als "komplex". Nach Angaben der Rettungskräfte wurden 74 Menschen in mehreren Krankenhäusern behandelt. 20 der Verletzten befanden sich in Lebensgefahr.

Mehr als zehn Stunden nach dem Ausbruch des Brandes waren noch immer Flammen im Inneren zu sehen. Londons Bürgermeister Sadiq Khan sagte dem TV-Sender Sky News, auf dem Höhepunkt des Brandes hätten die Feuerwehrleute nur die zwölfte Etage erreicht. Laut Cotton drangen die Einsatzkräfte später bis ins 20. Stockwerk vor. Die Lösch- und Sicherungsarbeiten am Hochhaus werden vermutlich noch 24 Stunden dauern. Die Brandursache war weiterhin unklar.

Der frenfeld Tower stand fast zur Gänge in Flammen und Rauch.
Der frenfeld Tower stand fast zur Gänge in Flammen und Rauch.
Der frenfeld Tower stand fast zur Gänge in Flammen und Rauch. – (c) REUTERS (UGC)

Bürgermeister Khan sagte, die Frage des Brandschutzes in Londoner Hochhäusern werde untersucht werden müssen. Einige Bewohner hatten berichtet, sie seien angewiesen worden, sie sollten im Fall eines Feuers in ihren Wohnungen bleiben Das ist übrigens auch in Österreich in solchen Fällen - bei regelkonformen Brandschutzvorrichtungen des betreffenden Gebäudes - die Empfehlung der Feuerwehr. In London gebe es sehr viele Hochhäuser, "und wir können nicht dulden, dass die Sicherheit von Menschen durch fragwürdige Anweisungen gefährdet wird, oder, falls wirklich zutrifft, was angedeutet wurde, dass Hochhäuser nicht ordnungsgemäß gewartet und betreut werden", sagte Khan der BBC.

Bewohner hofften an den Fenstern auf Hilfe

In dem 24-stöckigen Grenfell Tower spielten sich dramatische Szenen ab. Aus den Fenstern des Hochhauses loderten hohe Flammen. Augenzeugen berichteten von Bewohnern des Hochhauses, die in die Tiefe gesprungen oder gefallen seien. Ein verzweifelter Bewohner schwenkte zeitweise ein weißes Stofftuch aus einem der oberen Stockwerke. Aus den Etagen hoch oben seien Schreie zu hören gewesen.

Brand in Hochhaus: Schwarze Rauchwolken über London

"Wir konnten nichts tun. Ich habe viele Leute gesehen, die mit Leintüchern am Fenster standen. Meine Freunde haben beobachtet, wie Menschen weit oben aus den Fenstern gesprungen sind", sagte eine Augenzeugin.

Der 32-jährige Adi Estu, nur mit einem Mantel über dem Schlafanzug bekleidet, berichtete, wie er "Familien" gesehen habe, die ihre "Handys wie Fackeln aufleuchten" ließen. "Aber der Rauch verschlang sie, und dann zerstörte das Feuer alles. Wir haben sie sterben sehen. Wie kann man das vergessen?"

Verzweifelte Eltern warfen Kinder aus Hochhaus

Eltern haben Augenzeugen zufolge in ihrer Verzweiflung Kinder aus dem brennenden Hochhaus geworfen, darunter auch ein Baby. Eine Mutter habe ihren Säugling aus dem "neunten oder zehnten Stock" geworfen, sagte Samira Lamrani der britischen Nachrichtenagentur PA am Mittwoch. Die Frau habe von einem halb geöffneten Fenster aus mit Gesten angedeutet, dass sie das Kind herunterwerfen wolle. Daraufhin sei ein Mann in Richtung des Fensters gerannt und habe das Baby aufgefangen. Was später aus der Familie wurde, war zunächst nicht bekannt.

Der 17-jährige Tiago Etienne sagte der PA, er habe gesehen, wie Eltern drei Kinder ungefähr aus dem 15. Stock geworfen hätten. "Sie waren jung, vielleicht zwischen vier und acht Jahre alt." Er habe aber nicht sehen können, ob die Kinder von der Polizei oder der Feuerwehr aufgefangen worden seien.

Unter den Überlebenden ist der 55-jährige Eddie aus der 16. Etage. Er wurde mitten in der Nacht vom Brandschutzmelder der Nachbarn aus dem Bett geschreckt. Er hörte, wie die Nachbarn "Fire! Fire!" riefen. Als er die Tür öffnete, schlugen ihm schon Rauchschwaden entgegen. Irgendwie hat Eddie es nach draußen geschafft, wo er jetzt mit T-Shirt, Shorts und Turnschuhen steht, ein feuchtes Handtuch über die Schultern geworfen, das er geistesgegenwärtig noch mit auf die Flucht genommen hatte.

Nachbarschaftsinitiative hatte auf Mängel aufmerksam gemacht

Eddie ist überzeugt, dass es "eine Menge Leute nicht nach draußen geschafft haben". Das macht ihn wütend. Eddie gehört zu der Nachbarschaftsinitiative, die schon vor Jahren über einen Internet-Blog vor der Brandgefahr in dem 1974 errichteten und zuletzt umfassend renovierten Gebäude gewarnt habe. Es müsse wohl erst eine "Brandkatastrophe" eintreten, bevor die Eigentümer "zur Verantwortung gezogen" werden, hieß es da.

Nach Angaben des Stadtbezirks Royal Borough of Kensington and Chelsea sind in dem Hochhaus 120 Wohnungen. Es wurde 1974 errichtet und umfassend modernisiert. Die Baufirma Rydon hat schockiert auf die Feuerkatastrophe reagiert. Sie war für die Sanierung des Grenfell Towers zuständig. Alle erforderlichen Kontrollen, Bestimmungen im Brandschutz und sonstigen Sicherheitsstandards seien eingehalten worden, teilte die Firma am Mittwoch mit.

Die britische Premierminister Theresa May hat sich zutiefst erschüttert über die Brandkatastrophe geäußert. Sie berief wegen des Großbrandes in einem Hochhaus in North Kensington ein ressortübergreifendes Ministertreffen ein. Die Regierungsbildung wird sich nach Angaben der nordirischen Democratic Unionist Party (DUP) verzögern. "Ich glaube, dass eine Erklärung am heutigen Tage unwahrscheinlich ist", sagte ein DUP-Sprecher am Mittwoch.

(APA/dpa/AFP)

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