Wo Rosenduft konserviert wird

Im fruchtbaren Hochland im südlichen Saudiarabien werden nach jahrhundertealter Tradition kostbare Parfums und ätherische Öle hergestellt.

Diese fingergroße Flasche Rosenöl, die der 74-jährige Produzent Omar al-Gadhi in seinem Betrieb befüllt, kostet umgerechnet 400 Euro.
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Diese fingergroße Flasche Rosenöl, die der 74-jährige Produzent Omar al-Gadhi in seinem Betrieb befüllt, kostet umgerechnet 400 Euro.
Diese fingergroße Flasche Rosenöl, die der 74-jährige Produzent Omar al-Gadhi in seinem Betrieb befüllt, kostet umgerechnet 400 Euro. – (c) Katharina Eglau

Behutsam schält Omar al-Gadhi die dickwandige Flasche aus dem schwarzen Filztuch. Vor sich auf dem Tisch hat er kleine, verzierte Gläschen aufgestellt, die Toulas genannt werden. Seit einem halben Jahrhundert widmet sich der 74-Jährige dieser delikaten Arbeit, die jede Blütensaison krönt. Behutsam taucht er die Glasspritze in das Gefäß, zieht etwas von der kostbaren, lindgrünen Flüssigkeit auf und füllt eine Toula nach der anderen mit exakt zwölf Millilitern Rosenöl. Für 400 Euro gehen seine fingergroßen Fläschchen in den Handel, jedes hergestellt aus 15000 Rosen der Sorte Damascena trigintipetala, von den Einheimischen Wardh Taifi, die Rose von Taif, genannt, deren Köpfe dreißig Blütenblätter tragen.

Die Familie von Omar al-Gadhi hat Taif im südlichen Hochland von Saudiarabien einst als Rosenmetropole berühmt gemacht. Im Sommer, wenn der Rest des Wüstenkönigreichs unter 50 Grad Hitze ächzt, herrschen hier auf fast 2000 Metern Höhe angenehme Temperaturen. Schon König Salomon und der Prophet Mohammed sollen sich an diesem Ort erholt haben. Heute sind es Zehntausende saudische Urlauber, die in die 500.000-Einwohner-Stadt kommen, angezogen durch das milde Klima, die grünen Landschaften und die einzigartige Blütenkultur.

120 Betriebe. Seit 1821 existiert al-Gadhis Rosenölfabrik im Viertel al-Salamah und ist damit die älteste der Stadt, in der inzwischen insgesamt 120 Betriebe ansässig sind. Kunden sind vor allem Mekka-Pilger, die ein wertvolles Andenken an ihre Wallfahrt mit nach Hause nehmen wollen. Exportiert wird aber auch in die anderen Golfstaaten und zu den großen Parfumherstellern in Europa. Al-Gadhis Ururgroßvater war einer der Pioniere der Zunft auf der arabischen Halbinsel. Seine ersten Destillationsapparate, die aussehen wie klobige Metallpilze, ließ er in Saudiarabien fertigen. Damals wurde noch mit Kameldung oder Holz und nicht mit Gas geheizt. Die 115 modernen Geräte in der Halle stammen allesamt aus der Türkei, die zusammen mit Saudiarabien, Marokko und dem Iran zu den größten Duftherstellern im Nahen und Mittleren Osten zählt.

Die 2000 Rosenfarmen rund um Taif produzieren jedes Jahr Hunderte Millionen der edlen Blüten. In der Erntezeit von März bis Mai sind Felder und Täler wie von einem rosa Teppich überzogen. Überall duftet es nach Rosen, während in der Gadhi-Fabrik Hochbetrieb herrscht. Die Wasserdampfdestillen köcheln rund um die Uhr. Al-Gadhi kommt bereits um vier Uhr früh und geht nicht vor Mitternacht. Ein Erfolgsgeheimnis für eine gute Produktion gibt es nach seinen Worten nicht. „Nur eines hat mich mein Vater gelehrt“, sagt er. „Verhalte dich anständig und betrüge nie deine Kunden und Lieferanten.“

Milch mit Rosenaroma. An Spitzentagen kauft er bis zu zwei Millionen Rosenköpfe auf, die im Morgengrauen geerntet und binnen Stunden verarbeitet werden müssen, weil sich sonst ihre würzige Essenz in der Tageshitze verflüchtigt. Die dornigen Büsche auf den Plantagen werden 15 bis zwanzig Jahre alt und maximal zwei Meter hoch. Manche Prachtexemplare tragen pro Saison bis zu 3000 Blüten. Von negativen Folgen des Klimawandels spüren die Rosenfarmer nichts, sagen sie, ganz im Gegenteil. Während sie früher an dreißig Tagen ernten konnten, sind es heute fast achtzig Tage. Umgerechnet zwölf Euro kosten tausend gepflückte Blüten, schnell wechseln da schon einmal 25.000 Euro den Besitzer. Die ausgekochten Reste werden als Futter an die Landwirte der Umgebung verkauft, deren Kühe dann Milch mit einem Hauch von Rosenaroma geben.

Mit Beginn des Sommers kehrt in den Betrieben wieder Ruhe ein, von den 16 Gadhi-Mitarbeitern sind noch vier auf dem Gelände. Der gewonnene Blütensaft wird als Rosenwasser und Rosenöl abgefüllt, ausgeliefert und verkauft – ein lukratives Geschäft. Rosenöl zählt zu den teuersten ätherischen Ölen auf dem Globus. Je nach Wetter und Ernteertrag extrahiert die Gadhi-Manufaktur zwischen 20 bis 22Kilogramm pro Jahr, was rund 200.000 Euro Reingewinn beschert.

Ähnlich profitabel wirtschaftet auch der eine Generation jüngere Khaled al-Kamal, der zweitgrößte Produzent in Taif. Seit Kindesbeinen verbringt er jede freie Minute in dem Familienunternehmen. Als sein Vater vor 17 Jahren plötzlich starb, übernahm er als Ältester selbst das Ruder. Er hat viel von der Welt gesehen, reist gern nach Paris und Mailand, um sich Anregungen bei den ganz Großen der Duftbranche zu holen. Sein Rosenwasser preist der Mann mit dem sorgfältig gestutzten Bart an wie ein Allheilmittel – es pflege die Haut und helfe gegen Akne, senke das Cholesterin, schmecke auch im Tee, beflügele die Glückshormone und verzücke die frisch Verheirateten.

Seine eigenhändig komponierten Parfums sind wegen ihrer Schwere eher etwas für orientalische Kunden, sie tragen Namen wie „Meine Nacht“ oder „Meine Fantasie“, „Der Ritter“ oder „Das Öl des Königs“. „Ich bin verrückt nach Rosen“, seufzt der 50-Jährige in seinem Geschäft mitten im Altstadtbasar von Taiz. Auf seinem Handy zeigt Kamal schmunzelnd ein Video, das ihn wie einen Badenden in einem Meer von Rosenblüten zeigt. Kritik von sittenstrengen islamischen Geistlichen an seinem betörenden Gewerbe habe er dagegen noch nie erlebt, beteuert er. „Sie sind auch alle ganz versessen darauf, mein Rosenöl zu kaufen.“

Zahlen

2000

Farmen
rund um die Stadt Taif produzieren pro Jahr Hunderte Millionen Rosenblüten.

120

Betriebe
in Taif verarbeiten die geernteten Rosen zu Parfums und Ölen.

15.000

Rosen
stecken in einer Flasche Rosenöl.

22

Kilogramm
Rosenöl produziert der Betrieb von Omar al-Gadhi pro Jahr. Das entspricht einem Reingewinn von 200.000 Euro.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.08.2017)

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