Deneuve bringt Feministinnen auf die Palme

Ein Pamphlet gegen die #MeToo-Bewegung, unterzeichnet von Schauspielerin Deneuve, heizt die Kontroverse an.

Catherine Deneuve, so etwas wie eine Nationalheilige des französischen Films, ist den Feministinnen in den Rücken gefallen.
Catherine Deneuve, so etwas wie eine Nationalheilige des französischen Films, ist den Feministinnen in den Rücken gefallen.
Catherine Deneuve, so etwas wie eine Nationalheilige des französischen Films, ist den Feministinnen in den Rücken gefallen. – REUTERS/Eric Gaillard

Paris. Drei Monate gingen ins Land seit Ausbruch der Weinstein-Affäre in den USA und der #MeToo-Bewegung. Mit Ausnahme der Vorwürfe gegen den Islamwissenschaftler Tariq Ramadan waren die Reaktionen in Frankreich bisher verhalten. In einem Gastkommentar in der Zeitung „Le Monde“ warnen hundert prominente Frauen nun davor, mit der Anprangerung der männlichen „Schweine“ im Stil von #MeToo (in Frankreich heißt der Hashtag #BalanceTonPorc, auf Deutsch: Prangere dein Schwein an) ein Klima der Denunzierung zu schaffen.

Gegen diesen Puritanismus im Gefolge der Weinstein-Enthüllungen verteidigen die Unterzeichnerinnen ihre Vorstellung von sexueller Freiheit, aber auch – und dies erregt besonders Anstoß – ein Recht auf sexuelle Avancen. Wo liegt die Grenze zwischen Belästigung und erotischer Verführung?

„Als Frauen können wir uns nicht mit diesem Feminismus identifizieren, der über die Verurteilung des Machtmissbrauchs hinausgehend ein Gesicht von Männerhass und Sexualfeindlichkeit annimmt“, heißt es in dem Text, der in Frankreich viel Wirbel ausgelöst hat, da die darin vertretenen Positionen sich offenbar gegen den Mainstream richten.

Umgekehrt halten die Verfasserinnen des offenen Briefs die Kampagne für kontraproduktiv: „Die #MeToo-Kampagne in der Presse und den sozialen Netzwerken hat dazu geführt, dass Individuen wie sexuelle Aggressoren öffentlich beschuldigt werden, ohne dass sie antworten oder sich verteidigen können.“ Diese Schnelljustiz hat bereits Opfer gefordert: „Männer, die sanktioniert oder beruflich zur Demission gezwungen wurden, obgleich ihr einziges Vergehen darin bestand, ein Knie berührt, einen Kuss gestohlen, während eines Diners über Intimes gesprochen zu haben oder einer Frau eine Botschaft mit sexuellem Inhalt geschickt zu haben, obwohl die Anziehung nicht auf Gegenseitigkeit beruhte.“

 

Nicht in der Opferrolle

Generell meinen die Initiatorinnen, zu denen Unternehmerinnen, Künstlerinnen, Journalistinnen und auch Schauspielerinnen wie Catherine Deneuve gehören, dass sich die Frauen verteidigen und sich nicht zu „permanenten Opfern“ abstempeln lassen sollen. Ihrer Meinung nach wissen die Frauen selbst zu unterscheiden zwischen einer ungeschickten Form der Annäherung und einer sexuellen Aggression. Doch gibt es so etwas wie eine Freiheit der Belästigung im Sinne des Philosophen Ruwen Ogien. Das Recht, Anstoß zu erregen, sei unverzichtbar für die künstlerische Schaffensfreiheit. Und dann sei der Sexualtrieb „naturgemäß offensiv und wild“.

Die französische Sprache hat mit dem Wort „draguer“ einen Begriff für diese ungenaue Grenze zwischen Flirt à la française und tölpelhafter Belästigung. Besonders schockierend muss es jedoch sein, dass auch ein gewisses Verständnis für die Grapscher in der Metro zum Ausdruck gebracht wird, weil das der Selbstachtung einer Feministin keinen Abbruch tun müsse:

Unfassbar und inakzeptabel finden eine solche Banalisierung der sexuellen Gewalt 30 bekannte Feministinnen. Ihre Replik ist besonders scharf, weil sie den Verfasserinnen des Briefs vorwerfen, mit ihrer Haltung sexuelle Aggressionen nicht nur zu dulden, sondern auch noch im Namen einer sexuellen Freiheit zu verherrlichen: „Die Schweine und ihre Verbündeten haben allen Grund zur Sorge. Ihre alte Welt bricht zusammen.“

Deneuve & Co. hätten die Tragweite nicht begriffen. Wie im Fall des (mehrerer Vergewaltigungen beschuldigten) Filmregisseurs Roman Polanski sei ihre Nachsicht völlig fehl am Platz. „Das ist ein Text, der es rechtfertigt, Frauen zu belästigen und Feministinnen zu beleidigen“, meint die Feministin Caroline De Haas. Ex-Frauenministerin Laurence Rossignol kritisiert die „eigenartige Angst (gewisser Frauen), ohne den Blick und die Lust der Männer nicht zu existieren zu können.“

 

Enttäuschung über Deneuve

Ségolène Royal, die sozialistische Ex-Präsidentschaftskandidatin und langjährige Gefährtin des Ex-Präsidenten François Hollande, schrieb auf Twitter: „Schade, dass unsere große Catherine Deneuve sich an einem derart konsternierenden Text beteiligt.“ Deneuve ist bekannt dafür, dass sie sich für die Rechte der Frauen und andere fortschrittliche Anliegen öffentlich engagiert. Dass sie nun aber einen offenen Brief mit unterzeichnet, der nach Ansicht zahlreicher Feministinnen der Verteidigung der Frauen gegen sexuelle Gewalt in den Rücken fällt, hat viele überrascht und enttäuscht. Die Kontroverse hat indessen gerade erst begonnen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.01.2018)

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