Russischer Exilant in London tot gefunden

Alarm kurz vor Ablauf des Ultimatums an Moskau: Ein Vertrauter eines früheren Intimfeindes von Präsident Putin wurde tot in seiner Wohnung entdeckt.

London. Unmittelbar vor Ablauf des britischen Ultimatums an Russland nach dem Anschlag auf den ehemaligen Geheimagenten Sergej Skripal und dessen Tochter hat ein Todesfall in London die Spannung weiter erhöht. Der 68-jährige Nikolai Gluschkow wurde am Montagabend nach Familienangaben tot in seiner Wohnung aufgefunden. Was den Fall besonders brisant macht: Gluschkow war ein Vertrauter des Oligarchen Boris Beresowskij, einem Intimfeind von Präsident Wladimir Putin.

Beresowskij, der sich 1999 nach Großbritannien abgesetzt hatte und hier politisches Asyl bekommen hatte, war 2013 erhängt in seinem Haus aufgefunden worden. Die Polizei sprach damals von Selbstmord, der Gerichtsmediziner sprach hingegen von „ungeklärter Todesursache.“ Gluschkow erklärte hingegen: „Ich bin sicher, dass Boris umgebracht wurde. Ich habe andere Informationen als jene, die in den Medien verbreitet werden.“

Er war nach der Flucht Beresowskijs in die Mühlen der russischen Justiz geraten und musste fünf Jahre wegen angeblicher Geldwäsche in Haft verbringen. Nach seiner Freilassung 2004 konnte er sich nach London absetzen. In der folgenden Oligarchenschlacht zwischen Beresowskij, der aus Großbritannien gegen das Putin-Regime agitierte, und Roman Abramowitsch, der sich mit dem Kreml gut stellte, ergriff Gluschkow für Beresowskij Partei. Dieser verlor alles.

Todesursache unklar

Die russische Zeitung „Kommersant“ berichtete gestern, Gluschkows Leichnam weise Strangulierungs-Spuren auf. Dies hätten Familienangehörige mitgeteilt. Ein Sprecher der britischen Anti-Terror-Polizei sagte, eine Untersuchung sei eingeleitet worden  – „wegen der Verbindungen, die der Mann gehabt haben soll“. Zur Todesursache wollte er sich nicht äußern, der Fall werde als „ungeklärt“ eingestuft.

Eine Verbindung zu dem Attentat auf den Ex-Doppelagenten Sergej Skripal und dessen Tochter sah die Polizei gestern Abend nicht. Die beiden waren am 4. März bewusstlos auf einer Parkbank in der südenglischen Kleinstadt Salisbury entdeckt worden. Bei dem Attentat war das in der früheren Sowjetunion produzierte, extrem gefährliche Nervengift Nowitschok verwendet worden. Nach Medienberichten wollen die britischen Behörden nun auch weiteren verdächtigen Fällen vorgehen: 14 rätselhafte Todesfalle sollen erneut aufgerollt werden.

Über mögliche Maßnahmen gegen Moskau sagte gestern Staatssekretär Dominic Raab: „Es steht uns eine ganze Palette an wirtschaftlichen, finanziellen und diplomatischen Gegenmaßnahmen zur Verfügung.“ Außenminister Boris Johnson sprach, ohne in Details zu gehen, von „angemessenen, aber robusten“ Schritten seines Landes, die bereits heute, Mittwoch, in Kraft treten könnten.  Spekulationen reichten von diplomatischen Schritten wie der Ausweisung von Diplomaten bis zu gezielten wirtschaftlichen Maßnahmen gegen russische Oligarchen in London. Auf militärischem Gebiet könnten die Briten den Druck mit Hilfe der Nato verstärken.

(APA/AFP)

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