Royale Hochzeit

„Wir sind Windsor – was soll uns erschüttern?“

Samstagmittag sollen Prinz Harry von Wales und Meghan Markle einander in Windsor das Ja-Wort geben. Ein Lokalaugenschein in der Kleinstadt am Rand von London, wo man sich dennoch komplett britisch unaufgeregt gibt.

Auch Schulkinder machen beim Hochzeitstrubel in Großbritannien mit.
Auch Schulkinder machen beim Hochzeitstrubel in Großbritannien mit.
Auch Schulkinder machen beim Hochzeitstrubel in Großbritannien mit. – (c) REUTERS (DAMIR SAGOLJ)

Fein herausgeputzt, in freudiger Erwartung, doch nicht nervös präsentierte sich im Vorfeld des großen Moments die südenglische Kleinstadt Windsor. In dem 30.000-Einwohner-Ort westlich von London in der Grafschaft Berkshire findet heute die königliche Hochzeit zwischen Prinz Harry von Wales (33) und der US-Amerikanerin Meghan Markle (36) statt. Bis zu 150.000 Menschen werden erwartet, um dem Paar zuzujubeln. Doch die Einwohner sind solchen Trubel gewohnt: „Wir sind Windsor. Was soll uns erschüttern?“, sagt James (54) auf der zentralen Einkaufsstraße.

Das riesige Windsor Castle überragt wie eine dunkle Wolke die Kleinstadt. Das Anwesen, gegründet 1078 von Wilhelm dem Eroberer und heute das größte bewohnte Schloss der Welt, hat etwas Bedrückendes, Übermächtiges an sich. Schwer ist Geschichte in Stein gehauen, zehn englisch/britische Könige sind hier begraben, darunter der wohl verrufenste von allen, Henry VIII. Seit bald 1000 Jahren sieht der Ort große Hochzeitszüge und Begräbnisprozessionen kommen und gehen. „Hoffnung ist oft ein Jagdhund ohne Spur“, sagt Shakespeare in den „Lustigen Weibern von Windsor“.

Die Einkaufsmeile Peascod Street nahe dem Schloss ist mit Wimpeln im Union-Jack-Muster geschmückt, kaum ein Laden, der nicht dem Brautpaar huldigt. Von den unvermeidlichen Häferln mit Konterfeis von Harry und Meghan um 13.99 Pfund (16 Euro) bis zu Fahnen, von kindischen Ausmalbüchern bis zu unsäglichen Stickbildern gibt es nichts, was es nicht gibt. „Alles geht gut, besonders bei Amerikanern“, sagt Muran, ein Migrant aus Afghanistan, der im Royal Gift Shop wahrhaft königlichen Kitsch verkauft. Der echte Hof indes bietet offizielles Gedenkporzellan, mit schlanken 49 Pfund für einen Teller mit Goldrand, „Made in England“, ist man dabei.

Wer's bescheidener anlegt, gönnt sich bei Ghulam im Handyshop einen Schlüsselring um 3,99 Pfund. „Wir haben mit der Hochzeit nicht viel am Hut“, meint er. „Aber wenn sie gut fürs Geschäft ist, wollen wir auch was davon haben.“ Jedenfalls hat der Geschäftsmann schon vorgesorgt: „Wir haben jede Menge Wasser eingelagert. Das geht immer.“

 

„Die halten alles zusammen“

Jacek aus Polen hat seine Frau, Agnieszka, und Töchterchen Jola (4) für ein Foto neben lebensgroße Pappfiguren von Harry und Meghan postiert. „Vor acht Jahren kam ich als Hilfsarbeiter nach Großbritannien. Es wurde mir eine zweite Heimat. Das will ich meiner Frau und meiner Tochter zeigen.“ Heute lebe er wieder in Polen, mit dem in England verdienten Geld habe er sich den Traum von der Selbstständigkeit erfüllt: „Ich hab dem Königshaus viel zu verdanken“, sagt er. Wie er das meint? „Schauen Sie sich doch um! Die sind es doch, die alles hier zusammenhalten.“

Dem Brautpaar und Königshaus die Ehre zu erweisen darf ruhig etwas kosten. Aus aller Welt sind Touristen angereist. Besonders in den USA, Heimat der Braut, ist das Interesse riesig: Bis zu 50.000 ihrer Landsleute werden in Windsor erwartet. Im eleganten Macdonald Hotel an der High Street ist man offiziell schon lang ausgebucht. Fragt man oft genug nach, findet sich im noblen 120-Zimmer-Haus noch ein Raum, für 699 Pfund die Nacht. „Wir sind so aufgeregt“, sagt Rezeptionistin Aniela aus Bulgarien. Wer sich hier einen Royal Afternoon Tea gönnt, kriegt für 40 Pfund nicht nur traditionelle Köstlichkeiten wie Gurkensandwich und Scones, sondern des Anlasses wegen noch einen Champagnercocktail.

Mit solchen Beträgen könnte man den Obdachlosen von Windsor lang helfen. Die Kleinstadt mit einer gefühlten Dichte an Luxuskarossen wie im Londoner Nobelbezirk Knightsbridge hat nämlich ein Sozialproblem. „Ich freue mich für das Brautpaar“, sagt Wayne, ein Obdachloser. „Aber ich freue mich nicht darüber, was sie mit uns machen.“ Der Fraktionsführer der Konservativen im Gemeinderat, Simon Dudley, hat ihnen „aggressives Betteln“ vorgeworfen und ihre Verbannung aus Windsor für die Dauer der Hochzeit gefordert. Dem folgte ein Sturm der Empörung.

Die Sicherheitsmaßnahmen sind extrem. Seit Wochen wurden Straßen überwacht, Kanäle inspiziert und die Route des Paars, die es nach der Trauung in einer Kutsche abfahren wird, gesichert. Mehr als 3000 Angehörige der Sicherheitskräfte sind im Einsatz, Straßen sind gesperrt, und ins Zentrum kommt man durch Schleusen wie auf Flughäfen. Es herrscht ein Flugverbot für Drohnen – aus Angst vor Anschlägen, aber auch Paparazzi. Der Steuerzahler darf für Sicherheitsausgaben von bis zu 30 Millionen Pfund aufkommen.

 

Ein transatlantisches Bier

Rund 5000 Journalisten von 79 Medien sind akkreditiert, von Letzteren sind 46 aus den USA. Mit mehr als einer Milliarde Zuseher wird gerechnet, wenn Harry zu Mittag Meghan das Ja-Wort gibt. 30 Prozent aller Briten wollen das live im Fernsehen miterleben. Das Fußballcupfinale am Nachmittag wollen nur 28 Prozent sehen.

Vor allem aber ist die Royal Wedding ein Geschäft: Im Pub Carpenters Arm hat der Wirt das Obergeschoß mit Blick aufs Schloss an den US-Sender ABC vermietet. Angeblich für 30.000 Pfund. Andere wollen von 100.000 gehört haben. Sollte es jemanden in Windsor geben, der dieser Tage nicht irgendetwas zu Geld machen kann, dann bleibt ihm zumindest Trost mit einem Pint des eigens gebrauten Windsor Knot Pale Ale. Das Bier verbindet königlich englische Gerste mit Hopfen aus den USA. Braumeister Will Calvert: „Eine perfekte Hochzeit.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.05.2018)

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