Bis zu 25 Jahre Haft: Urteile im Todeslasterprozess

71 Migranten waren 2015 in einem Kühllaster auf dem Weg von Ungarn nach Österreich erstickt. 14 Schlepper erhielten nun drei bis 25 Jahre Haft – doch keiner der vier Haupttäter das vom Staatsanwalt geforderte Lebenslänglich.

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ARCHIVBILD: A4-FLÜCHTLINGSDRAMA – APA/ROLAND SCHLAGER

Kecskemét/Budapest. Rund ein Jahr nach Prozessbeginn hat ein ungarisches Gericht in Kecskemét südlich von Budapest die vier Hauptangeklagten im Prozess um den „Todeslaster auf der Autobahn A4“ in erster Instanz wegen Mordes und Beihilfe zum Mord in 71 Fällen zu je 25 Jahren Gefängnis verurteilt. Zehn weitere Angeklagte erhielten drei bis zwölf Jahre Haft, sieben davon in Abwesenheit.

Die Höchststrafen fassten der Fahrer des Kleinlasters, der Beifahrer, ein Mann, der in einem Pkw als „Aufklärer“ vorgefahren war – alles Bulgaren –, sowie der Chef der Schlepperbande, ein Afghane, aus. Er hatte damals, im August 2015, nach telefonischer Rücksprache während der Schleppfahrt von Südungarn nach Österreich mehrfach untersagt, anzuhalten und die Türen des Lasters zu öffnen, obwohl die Bulgaren ihm gesagt hatten, dass es den Geschleppten schlecht gehe: Hinten im Laderaum des als Kühltransporter gebauten Fahrzeuges schrien und klopften die 71 darin eingepferchten Menschen, darunter vier Kinder. Sie bekamen in dem fast luftdicht versperrten Raum kaum Sauerstoff, zumal sich dieser angesichts hoher Temperaturen stark aufheizte (die Kühlung lief nicht).

Bande war damals bekannt

Das Gericht in Kecskemét sah es als erwiesen, dass die Hauptangeklagten genau wussten, dass die Menschen sterben würden, sollten die Türen zubleiben. Die Menschenschmuggler hatten die 71 Personen aus Syrien, dem Irak und Afghanistan am 26. August in den Kühlwagen eingeschlossen, um sie von Ungarn nach Deutschland zu bringen. Mehr als 100.000 Euro hatten die Opfer dafür gezahlt. Die Menschen starben noch in Ungarn. Ihre Leichen wurden tags darauf in einer Pannenbucht der A4 (Ostautobahn) bei Parndorf im Burgenland entdeckt, wo die Bulgaren den Laster hatten stehen lassen. Die ersten Festnahmen erfolgten wenige Tage später, weil die Bande der ungarischen Polizei schon länger bekannt war. Der damalige Schleppvorgang freilich war der Polizei aus verschiedenen Gründen nicht recht aufgefallen.

Den Ermittlungsakt zu dem Fall, der Europa erschütterte, füllen mehr als 80.000 Seiten, aus denen sich die Geschichte unersättlicher Geldgier der Schlepper herausschält. Minutiös wird darin der Ablauf von 33 Transporten beschrieben. Die Schlepper fingen klein an, anfangs fuhren sie je vier bis fünf Migranten in Autos über die Grenze und nahmen pro Kopf bis zu 3500 Euro. Aber das war ihnen bald nicht genug, also steckten sie immer größere Gruppen in Kleintransporter, füllten ganze Lkw.

Im Verlauf des Verfahrens wiesen einander der heute 31-jährige Afghane und die drei Bulgaren gegenseitig die Schuld zu. Fahrer und Beifahrer im Laster gestanden zwar, den Lärm im Laderaum gehört zu haben, sie informierten darüber den Begleiter und ihren Boss. Man habe den Lärm aber auf Streit unter den Migranten zurückgeführt, hieß es; Fahrer und Beifahrer wollten nur Befehlen des Afghanen gehorcht haben, der sie unter Druck gesetzt habe, nicht zu stoppen.

Chef will „Menschheit dienen“

Der wiederum leugnete das, bekundete Reue, sagte, er sei „kein schlechter Mensch“ und wolle, sollte er freikommen, „der Menschheit dienen“. Von Polizeicomputern seinerzeit automatisch aufgezeichnete Handygespräche der Schlepper, die erst später ausgewertet wurden, widerlegten freilich viele seiner Behauptungen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.06.2018)

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