"Kätzchen" und "Löwen": Der Kult um den türkischen Sektenführer Adnan Oktar

Die türkischen Behörden haben den selbsternannten Prediger Adnan Oktar festgenommen. Er ist bekannt dafür, Monologe über den Islam vor spärlich bekleideten Frauen zu halten.

Die Polizei hat Sektenführer Adnan Oktar verhaftet
Die Polizei hat Sektenführer Adnan Oktar verhaftet
Die Polizei hat Sektenführer Adnan Oktar verhaftet – APA/AFP/DOGAN NEWS AGENCY/-

Er gehört zu den seltsameren Erscheinungen, die die türkische Fernsehwelt zu bieten hat. Adnan Oktar (62), selbsternannter Prediger und Kreationist, präsentierte jahrelang seine Sicht der Dinge in seinem eigenen Online-Sender. Die Entstehung der Welt oder den Koran erklärte er einem Publikum, das aufgrund seiner äußeren Erscheinung fragwürdige Berühmtheit erlangte. Es waren hauptsächlich stark geschminkte Frauen, die in knappen Kleidern auftraten und als einfältig präsentiert wurden. Oktar nannte sie „Kätzchen“. Manchmal nahmen auch athletische Männer in Anzügen Platz, die er als „Löwen“ vorstellte.

Oktar konnte mit seinen „Predigten“ und den Auftritten der „Kätzchen“, mit denen er zwischen seinen Monologen bisweilen tanzte, Popularität gewinnen. Nun haben ihn die türkischen Behörden verhaftet, nach 234 weiteren Anhängern wird entweder gesucht, oder sie befinden sich ebenfalls in Haft.

In türkischen Medien ist von einer Sekte die Rede, und auch von einem „Sex-Kult“ oder Orgien. Tatsächlich hat Oktar seit den 1990er Jahren einen Kult um seine Person geschaffen. Die Behörden werfen ihm sexuelle Misshandlung von Minderjährigen und Frauen vor, sowie Entführung, Erpressung und Geldwäsche. Einige der Mädchen kamen in jungen Jahren zu Oktar, oder besser gesagt: sie wurden entführt. Dafür soll Oktar seine „Löwen“ eingesetzt haben. Sie sollten sich auf der Straße nach jungen Mädchen umsehen und sie schließlich überreden, sich dem Kult anzuschließen.

Wiener Vater betroffen

Betroffen ist offenbar auch ein Vater, der in Wien lebt und der seine in der Türkei lebenden Teenager-Töchter lange Zeit nicht kontaktieren konnte, berichten türkische Medien. Zufällig habe er seine Töchter im TV wiedergesehen – als Publikum von Oktar, sagte der Vater der Zeitung „Evrensel“. In Wien habe er bereits das Jugendamt informiert. Dutzende weitere Frauen haben Beschwerde eingelegt. Manche erzählen von missglückten Fluchtversuchen und anschließender Gefangenschaft in Oktars Haus.

Adnan Oktar, der sich auch Harun Yahya nennt, veröffentlichte mehrere Pamphlete - er selbst spricht von 300 Büchern -, die verschwörungstheoretische, antisemitische, kreationistische und anderweitig merkwürdige Thesen beinhalten. So sieht er beispielsweise den Darwinismus als Ursache für die beiden Weltkriege. Zeitweise forderte er in seinen Predigten die Einführung der Theokratie in der Türkei und die Abschaffung des Laizismus. Oktar wurde in der Vergangenheit bereits festgenommen, nach einem längeren Prozess jedoch freigesprochen. Er soll auch in einer psychiatrischen Klinik behandelt worden sein.

Luxuriöser Fuhrpark

Auf die groß angelegte, landesweite Razzia am Mittwoch haben sich die Behörden zwei Jahre lang vorbereitet, schreiben türkische Medien. Demnach waren 2000 Polizisten daran beteiligt. Die Medien wurden offenbar vorab informiert, denn manche übertrugen die Razzia live. So fand man in Oktars Garage nicht nur einen luxuriös ausgestatteten Fuhrpark, sondern auch Gemälde – und ein Waffenarsenal. Während der Razzia habe Oktar fliehen wollen, heißt es. Seine Besitztümer und Stiftungen wurden unter staatliche Kontrolle gestellt.

Zufrieden von der Verhaftung Oktars zeigte sich die türkische Religionsbehörde Diyanet: Sie hatte sich bereits im Februar über den selbsternannten Prediger beschwert und die Schließung seines Online-Senders verlangt, den Oktar seit 2011 betreibt. Der Vorsitzende der Religionsbehörde hatte die geistige Gesundheit des selbsternannten Predigers öffentlich angezweifelt und moniert, dass dieser von Islam predige, gleichzeitig aber halbnackte Frauen live für sich tanzen lasse.

 

Die Anhängerinnen Oktars sind immer wieder Thema in türkischen Medien
Die Anhängerinnen Oktars sind immer wieder Thema in türkischen Medien
Die Anhängerinnen Oktars sind immer wieder Thema in türkischen Medien – Screenshot Haberturk

In seinen Sendungen führte Oktar etwa aus, dass sich Frauen im Islam gar nicht verhüllen müssten: Lediglich der Brust- und Genitalbereich müsse bedeckt sein. Massive Kritik an Oktars Sendungen kamen auch von Frauenverbänden, die ihm vorwarfen, ein fragwürdiges Frauenbild zu propagieren. Einige der Anhängerinnen Oktars gingen offen mit ihren Schönheitsoperationen um.

Oktar selbst weist alle Vorwürfe zurück. Er gab an, dass der britische Geheimdienst hinter dieser Operation stecke. Von den Briten und ihrem "tiefen Staat" redet Oktar überhaupt sehr oft. Sie sollen den Aufstieg Adolf Hitlers wissentlich ermöglicht haben, auch seien sie für all die problematischen Grenzziehungen nach den Weltkriegen verantwortlich.

Über den Kult Harun Yahyas hat eine Studentin an der Universität Göteborg eine Dissertation geschrieben. Sie porträtiert Oktar als den Sprössling einer Mittelklassefamilie, der in den frühen 1980er Jahren Kunst studiert habe. In dieser Zeit habe er Reden gegen Darwin und die Freimaurer gehalten und mit dem Kult um seine Person begonnen. Die Autorin Anne Ross Solberg zweifelt daran, dass Oktar all die Bücher selbst geschrieben hat und geht davon aus, dass sie von Ghostwritern verfasst wurden.

Finanzstarkes Unternehmen

Ab den 1980er Jahren habe sich Oktar einen loyalen Unterstützerkreis aufgebaut, etwa 30 Personen soll der harte Kern umfassen, schreibt Solberg. Über seine Stiftungen habe sich der selbsternannte Prediger ein finanzstarkes Unternehmen aufgebaut. So kann es sich die Gemeinschaft leisten, Werbeflächen in zentraler Lage zu mieten und Harun Yahyas Buch „Atlas of Creation“ zu propagieren. Wie Oktar reich wurde, ist seit Langem Grund für Spekulationen. Manche behaupten, Oktar erhalte Geld aus Israel.

Tatsächlich verbreitet Oktar zwar krude Israel-Theorien, lässt sich aber immer wieder in Israel blicken und gibt sich als den interreligiösen Versöhner. Andere sagen, er erhalte Geld von amerikanischen Kreationisten – oder überhaupt von den Saudis. Solberg schreibt, dass die wahrscheinlichste Variante Großspenden sind. Unter seinen Anhängern befinden sich finanzstarke Manager und Millionäre – und deren Kinder.

(duö)

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