Fehlstart bei "Sojus"-Rakete, Raumfahrer in Kasachstan notgelandet

Eine russische Rakete sollte einen Amerikaner und einen Russen zur Raumstation ISS bringen. Wenige Minuten nach dem Start versagt eine Raketenstufe, die Kapsel wird abgetrennt und kam sicher zur Erde zurück.

Die Rakete startete aus Kasachstan.
Die Rakete startete aus Kasachstan.
Die Rakete startete aus Kasachstan. – APA/AFP/KIRILL KUDRYAVTSEV

Das sind genau diese Momente, die man in einer startenden Raumkapsel nicht erleben will: Wenige Minuten nach dem Start der Mission Sojus MS-10 vom Raumfahrtzentrum Baikonur (Kasachstan) zur Raumstation ISS hat es am Donnerstagvormittag einen fast beispiellosen Vorfall gegeben: Nach ersten Meldungen der Flugkontrolle etwa zwei Minuten und 50 Sekunden nach dem Start versagte die zweite Stufe der Rakete, nachdem zuvor die vier Booster der Stufe 1 abgeworfen worden waren. Das trug sich in etwa 85 Kilometer Höhe, also hart an der Grenze zum Weltraum (100 km), zu.

Das Notrettungssystem, das mit Hilfe eines Bündels von Feststoffraketen die Raumkapsel von der Gesamtrakete abreißen und in Sicherheit bringen kann, war bereits etwa zwei Minuten nach dem Start abgetrennt worden. Daher wurde die Sojus-Kapsel mit den Raumfahrern Alexei Owtschinin (Russland) und Tyler "Nick" Hague (USA) vom Rest der Rakete abgetrennt, in mehr als 100 Kilometer Höhe, und fiel in einer ballistischen Kurve zur Erde zurück.

Sie landete an Fallschirmen im Inneren Kasachstans, meldete die russische Nachrichtenagentur Interfax. Die Raumfahrer seien unverletzt. Beim Start vom Weltraumbahnhof Baikonur habe die zweite Stufe der Sojus-Trägerrakete versagt, bestätigten russische Raumfahrtquellen.

Die zwei Raumfahrer sollten am Vormittag zu einem etwa halbjährigen Forschungsaufenthalt auf der ISS aufbrechen. Owtschinin (47) und Hague (43) sollten das Team um den Deutschen Alexander Gerst verstärken, der vor gut einer Woche das Kommando auf dem Außenposten der Erde übernommen hatte. Das Raumschiff "MS-10" hätte nach rund sechs Stunden Flugzeit am Nachmittag an die ISS andocken sollen.

Die Sojus-Rakete hatte einen turbulenten Start. – APA/AFP/KIRILL KUDRYAVTSEV

Die Landestelle der Sojus-Kapsel lag den Angaben nach bei der kasachischen Stadt Dscheskasgan. Rettungsmannschaften waren mit vier Hubschraubern unterwegs gewesen.

Vergleichbare Vorfälle 1983, 1975

Im September 1983 hatte es einen vergleichbaren Vorfall gegeben, allerdings weit früher in der Startphase. Damals explodierte eine sowjetische Sojus-U, es war der 70. bemannte Start einer Sojus, noch direkt auf dem Starttisch. Das Rettungssystem rettete die Besatzung der Kapsel Sojus-T-10-1 nur Sekunden zuvor: Kurz vor dem Start war Treibstoff unter der Rakete ausgelaufen und hatte Feuer gefangen, was man sofort sehen konnte. Dann lief zunächst alles schief: Die Steuerkabel für das Rettungssystem namens SAS war bereits vom Feuer zerstört, es folgten hektische Versuche durch die Kosmonauten Wladimir Titow und Gennadi Strekalow, es von innen aus zu starten.

Erst nach 20 Sekunden ließ sich SAS über eine Funkfernsteuerung durch die Bodenkontrolle ansprechen - da brannte eine der Startraketen (Booster) schon lichterloh.

Letztlich rissen die Notraketen von SAS die Sojuskapsel mit enormer Gewalt weg, mit einer Beschleunigung von kurzzeitig 14 bis 17g (dem jeweils Mehrfachen der Erdanziehungskraft). Zwei Sekunden später flog der brennende Booster in die Luft und verwüstetete den Startplatz. Die Raumkapsel mit den Männern landete etwa vier Kilometer entfernt sicher.

1975 wiederum gab es bei der Mission Sojus-18-1 in 192 Kilometer Höhe Probleme bei der Abtrennung der dritten von der zweiten Stufe, die dazu führten, dass Rakete samt Kapsel Richtung Erde flogen. Die Kapsel mit Wassili Lasarew und Oleg Makarow an Bord wurde abgetrennt und schoss aufgrund ihrer ungewöhnlich hohen Geschwindigkeit fast übers Gebiet der UdSSR hinaus: Sie landete in tiefem Schnee im Altai-Gebirge im Grenzraum zu China und der Mongolei; es hieß später aus (möglicherweise übertreibenden) Militärquellen sogar, die Kapsel sei in China niedergegangen. Hubschrauber holten die Kosmonauten, die teils schwere innere Verletzungen erlitten hatten, einige Stunden später ab.

Rätselhaftes Loch in Sojus-Kapsel bei ISS

Erst am Donnerstag vergangener Woche war eine russische Sojus-Kapsel von der ISS auf die Erde zurückgekehrt. Die Kapsel mit den drei Raumfahrern Oleg Artemjew, Drew Feustel und Ricky Arnold hatte in der Steppe von Kasachstan aufgesetzt.

Sojus-Raketen, deren erste Versionen 1966 flogen, gelten generell als sehr verlässlich. Bei mehr als 1700 Starts (die allermeisten unbemannt) gab es nur wenige Unfälle, seit 1990 nur etwa 13.

Zuletzt war die ISS in die Schlagzeilen geraten, weil in einer der angedockten Sojus-Kapseln ein kleines Leck entdeckt wurde. Das Loch, das ganz offentlich ein Bohrloch (!) war, wurde abgedichtet. Die Ursache dafür ist bis heute unklar, die Rede ist von Schlamperei bis Sabotage.

(APA/Reuters/Greber)

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