Rohingya: „An Heimkehr ist nicht zu denken“

Eine Million der muslimischen Minderheit floh aus Burma ins Nachbarland Bangladesch. Ihr Schicksal wird zum Wahlkampfthema.

Rohingya-Flüchtlinge als Helfer auf Fischerbooten im Golf von Bangladesch.
Rohingya-Flüchtlinge als Helfer auf Fischerbooten im Golf von Bangladesch.
Rohingya-Flüchtlinge als Helfer auf Fischerbooten im Golf von Bangladesch. – (c) REUTERS (CLODAGH KILCOYNE)

Wien. „Mit seinen alten Eltern und den Kindern hatte sich der Mann im Wald versteckt“, erzählt Zia Choudhury. „Weil er solche Angst hatte, dass sie ihn gewaltsam nach Burma zurückbringen. ,Bitte zwingt uns nicht zur Rückkehr', bat er mich.“ Zia Choudhury arbeitet in Kutupalong in Bangladesch, dem größten Flüchtlingslager der Welt. Dort ist der Brite für die Hilfsorganisation Care tätig. Etwa eine Million staatenloser Rohingya, die im August 2017 aus ihrer Heimat Burma (Myanmar) vertrieben wurden, leben in dem riesigen Camp im Grenzgebiet im Süden Bangladeschs.

Aus der Rückführung der Flüchtlinge in ihre ursprünglichen Dörfer, die zwischen den beiden Nachbarstaaten vor einem Jahr vereinbart wurde, ist jedoch nichts geworden: Zu groß ist die Angst der staatenlosen Rohingya, dass das burmesische Militär ihre Gräueltaten gegen die muslimische Minderheit fortsetzt. Die Flüchtlinge sind traumatisiert. Sie sind froh, in Kutupalong Unterschlupf gefunden zu haben. Viele mussten bei ihrer Flucht aus Burma zusehen, wie Familienmitglieder getötet wurden. Das burmesische Militär ermordete etwa 10.000 Rohingya. UN-Ermittler sprechen von einem „anhaltenden Völkermord“.

Das Rückführungsprogramm der beiden Nachbarstaaten sei von Anfang an zum Scheitern verurteilt gewesen, sagt Choudhury in Wien im Gespräch mit der „Presse“. Weder seien klare Richtlinien festgelegt worden, noch sei die UNO eingebunden gewesen. „Es ist viel zu früh für eine Rückführung“, ist Choudhury überzeugt. Auch wenn sich viele der Rohingya-Flüchtlinge nichts mehr wünschten, als in ihre Heimat zurückzugehen, sei das im Moment unmöglich.

 

Burma für Investoren zu interessant

Auch Erfried Malle sieht das ähnlich. Der Kärntner hat vor mehr als 15 Jahren die Hilfsorganisation „Sonne International“ gegründet, die ebenfalls im Camp Kutupalong tätig ist. Unter den derzeitigen Vorzeichen will der Großteil der Rohingya in Bangladesch bleiben, wo „es ihnen relativ gut geht“, so Malle. „Sie werden nicht schikaniert, sie werden wie Menschen behandelt“, sagt er.

Zu Beginn der Flüchtlingskrise sei die Stimmung in Bangladesch gut gewesen, erzählt Malle. „Es gab eine richtige Willkommenskultur. Doch mittlerweile sind die Menschen hier abgestumpft.“ Die Regierung hat zunehmend Angst, dass es zu Konflikten kommen könnte. In weniger als zwei Wochen wird in Bangladesch gewählt, die Burma-Flüchtlinge sind zum Wahlkampfthema geworden. Manche Standpunkte in der aktuellen Diskussion in Bangladesch erinnern an Debatten hierzulande: Viele hätten das Gefühl, dass Flüchtlinge alles bekämen, während die Einheimischen leer ausgingen, so Erfried Malle.

Und da gebe es schon einiges an Reibungsfläche. Die Versorgung der Flüchtlinge sei aber ein großer Wirtschaftsfaktor geworden, von dem viele Bangladescher profitieren würden. Obwohl es Bestrebungen gibt, die Burma-Flüchtlinge wieder loszuwerden, wird gleichzeitig auch diskutiert, wo man die Rohingya ansiedeln könnte. Es gebe sogar schon konkrete Vorschläge, wo neue Rohingya-Dörfer entstehen sollen – auf einer Insel vor der Küste Bangladeschs.

Eine politische Lösung ist laut Malle noch lange nicht in Sicht. „Der internationale Druck auf Burma wird ziemlich sicher von den wirtschaftlichen Bestrebungen der internationalen Staatengemeinschaft geschluckt“, lautet seine Prognose. Investoren aus aller Welt stehen Schlange, um mit Burma Geschäfte zu machen. Auch eine österreichische Wirtschaftsdelegation machte vor vier Jahren unter der damaligen Infrastrukturministern Doris Bures dem südostasiatische Land seine Aufwartung. Das Thema Rohingya stand damals freilich noch nicht auf der Tagesordnung.

 

„Neue Billiglohnschiene“

Obwohl die Lage im Flüchtlingslager Kutupalong katastrophal ist, sehen viele Rohingya ihre Zukunft dennoch in diesem Moloch. Schon jetzt würden sich kleine Betriebe und Geschäfte entwickeln. Im Camp werden Fischernetze erzeugt, Bangladescher bringen ihre Netze zum Reparieren in das Flüchtlingslager. „Das ist eine neue Billiglohnschiene im Rohingya-Camp.“

Und viele der Rohingya, die in Burma als Staatenlose lebten, hoffen auf die Regierung in Dhaka: Denn die hat schon nach der ersten großen Fluchtbewegung aus Burma 1992 großzügig rund 250.000 Rohingya die Staatsbürgerschaft Bangladeschs geschenkt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.12.2018)

Meistgekauft
    Meistgelesen
      Kommentar zu Artikel:

      Rohingya: „An Heimkehr ist nicht zu denken“

      Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
      Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.