Kasachstan: Wo einst 450 Atombomben explodierten

In Kasachstan kämpft man noch immer mit den Folgen der sowjetischen Atombombentests. Ein Zehntel der Kasachen hat durch die radioaktiven Strahlen gesundheitliche Schäden davongetragen.

(c) JUTTA SOMMERBAUER

Kurtschatov/Semipalatinsk. Sergej Lukaschenko ist Wissenschaftler – und Visionär. Manche mögen seine Vision mutig nennen, manchen mag sie als schlechter Scherz erscheinen. Lukaschenko aber ist überzeugt. Er möchte, dass das frühere sowjetische Atombombentestgelände, das gleich hinter dem ostkasachischen Städtchen Kurtschatov beginnt, in die Liste des Unesco-Weltkulturerbes aufgenommen wird. „Es ist ein einzigartiger Platz“, sagt der Direktor von Kurtschatovs Radiologieinstitut.

Lukaschenko ist kein Größenwahnsinniger; er ist ein zurückhaltender und eleganter Mann mit einem Gehstock in der Rechten – und er kämpft gegen das Vergessen. „Das Testgelände ist ein Erinnerungsort für die Menschheit, nicht nur für uns hier. Mehr Menschen sollten davon erfahren.“

Von diesem Ort und von einer Wahrheit, die lange Zeit unter Verschluss gehalten wurde. Es war der 29. August 1949, 7 Uhr früh, als Wissenschaftler nahe Kurtschatov die erste sowjetische Atombombe zündeten, ein Triumph in Zeiten des Kalten Krieges. 455 weitere Explosionen sollten folgen, 116 davon waren oberirdisch.

Kasachstan: Die Strahlen der Vergangenheit

„Epizentrum des Friedens“?

Seit knapp 20 Jahren finden auf dem Testgelände in der kasachischen Steppe keine Tests mehr statt. Nach der Unabhängigkeit Kasachstans ließ Präsident Nursultan Nasarbajew das Gelände schließen; mittlerweile ist Kasachstan atomwaffenfrei – ein Umstand, der Nasarbajew heute zum gern gesehenen Gast von Konferenzen rund um das Thema nukleare Abrüstung macht, wie der aktuellen in Washington.

Doch in Ostkasachstan hat sich der „Polygon“ – so heißt das Testgelände auf Russisch – noch nicht in ein „Epizentrum des Friedens“ gewandelt, wie Nasarbajew eines seiner vielen Bücher selbstgewiss betitelt hat. Denn in Ostkasachstan kämpft man noch immer mit dem schwierigen Erbe der Tests.

In Kurtschatov, das seinem Namensgeber, dem „Vater der sowjetischen Bombe“, noch immer mit einem imposanten Denkmal huldigt, sind von einst 50.000 Einwohnern ein Fünftel geblieben; wer konnte, verließ den Ort.

1,5 Millionen Menschen haben durch die radioaktiven Strahlen gesundheitliche Schäden davongetragen – ein Zehntel der Kasachen. Die Krebsraten in der Gegend sind deutlich höher als in anderen Landesteilen, vor allem innere Organe wie Magen, Darm, Brust und Lunge sind betroffen. Einen Zaun rund um das 18.000 Quadratmeter große Testgelände hat es nie gegeben: Bauern lassen ihr Vieh bis heute ungehindert darauf weiden. Die schrecklichsten Spätfolgen treffen auch jene, die in dritter oder vierter Generation hier auf die Welt kommen.

 

Keine Invalidenrente für Timur

Die Großstadt Semipalatinsk, 150 Kilometer vom früheren Testgelände entfernt. Timur, viereinhalb, spielt mit Bauklötzen im Wohnzimmer. Im Appartement ist es warm und wohnlich, die zugezogenen Vorhänge schirmen das drückende Grau der Wohnblocksiedlung ab. „Natürlich sind die Leute geschockt, wenn sie ihn sehen“, sagt sein Vater Kurmangeldy Muldaschev. Timur hat keine normale Nase. Zwischen seinen Augen ist die Haut aufgewölbt; er ist in seiner Entwicklung beeinträchtigt.

„Möglich ist es, aber wir wissen es nicht“, antwortet Muldaschev auf die Frage, ob der Polygon an Timurs Geburtsfehler schuld sei. Die medizinische Kommission befand nein. Trotz seiner Missbildungen bekommt Timur keine Invalidenrente; künftige Operationen seines Gesichts und seiner Zähne müssen die Muldaschevs aus eigener Tasche bezahlen. Timur geht nicht in den Kindergarten; integrative Schulen gibt es nicht. „Nur Schulen für Taube und Blinde. Aber das ist Timur doch nicht!“, sagt der Vater.

 

Mit etwas Glück nach Amerika

Nadira steht neben dem Denkmal für die Opfer der Atombombentests am Rande von Semipalatinsk. Im Sommer picknicken hier die Stadtbewohner, Brautpaare lassen sich vor dem in Stein gemeißelten Atombombenpilz ablichten. Daneben steht ein Baum, um dessen Äste viele bunte Tücher gewickelt sind – laut Volksglauben gehen dadurch Wünsche in Erfüllung.

Heute wünscht sich Nadira etwas von dem Baum. Die hoch gewachsene 20-Jährige mit dem schwarzen glatten Haar möchte in den USA studieren, internationale Politik. „Dort kann man jeden Traum verwirklichen“, versichert die Vorzugsstudentin. Auch für sie, die ihrer geschundenen Steppenheimat den Rücken kehren möchte, sind die Auswirkungen des Polygons ein Thema – auch wenn sie nicht ständig darüber nachdenke, „sonst würde ich verrückt“. Ernst fügt sie hinzu: „Auch wenn ich weggehe: Die Strahlung ist in mir.“

AUF EINEN BLICK

Auf dem Atombombentestgelände nahe der ostkasachischen Stadt Semipalatinsk wurden von 1949 bis 1989 über 450 Atom- und Wasserstoffbomben gezündet. Der Großteil der im Umkreis lebenden Bevölkerung wusste nicht, dass radioaktive Strahlung austrat. 1989 kam es erstmals zu Protesten der Bürgerbewegung „Nevada – Semipalatinsk“; 1991 wurde der Polygon geschlossen. Noch immer ist die Krebsrate höher als der kasachische Durchschnitt; Kinder werden mit Missbildungen (s. Bild) geboren. [Sommerbauer]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.04.2010)

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