Hahn der Turmspitze in Trümmern gefunden

Das Feuer in Notre-Dame brachte auch Kunstwerke in Gefahr. Der verloren geglaubte Hahn der eingestürzten Turmspitze tauchte entgegen aller Erwartungen wieder auf. In ihn sind drei Heiligtümer eingegossen.

Die geretteten Schätze befinden sich derzeit in einem Raum im Pariser Rathaus.
Die geretteten Schätze befinden sich derzeit in einem Raum im Pariser Rathaus.
Die geretteten Schätze befinden sich derzeit in einem Raum im Pariser Rathaus. – Reuters

Keine Woche ist es her, da hing Petrus noch am Kran. Zusammen mit elf weiteren Aposteln und den vier Evangelisten Matthäus, Markus, Lukas und Johannes drehte sich die Kupferstatue im Visier vieler Touristen auf den Vorplatz der Kathedrale Notre-Dame de Paris herab. Sie bewegte sich langsam und kopflos, um den Transport zu erleichtern. Die Statuen standen seit Mitte des 19. Jahrhunderts in 50 Metern Höhe. Der Architekt Eugène Viollet-le-Duc hatte sie dort platziert. Nun sollten sie restauriert und danach bis 2022 in der Kirche ausgestellt werden. So lang hätte die geplante Sanierung der beiden Türme ursprünglich dauern sollen. Das war vor dem Brand.

Auch wenn das Feuer am frühen Dienstagmorgen erloschen war, blieb doch die Angst, die Gebäudestruktur, vor allem die Konstruktion der Türme mit ihren tonnenschweren Glocken, könnte nachgeben. Auch deshalb war die Sicherung der Kunstschätze im Inneren eine Herausforderung. Nach dem Einsturz des Spitzturms hatte ein Roboter die Arbeit übernommen. Viele Kunstwerke konnten gerettet werden, darunter auch eine der wichtigsten Reliquien der Welt, die Dornenkrone, die Jesus Christus bei seiner Kreuzigung getragen haben soll. Ein Splitter des Heiligen Kreuzes und ein Nagel sollen sich ebenfalls in Notre-Dame befunden haben. Die Flammen hätten auch diesen Kirchenschatz nicht erreicht.

Notre-Dames gerettete Kunstschätze

Orgel hat den Brand überstanden

Neben einigen Kelchen konnte auch die Tunika des heiliggesprochenen Ludwig IX. erhalten werden. Unter seiner Herrschaft wurde die komplizierte Baugeschichte des Gebäudes damals abgeschlossen. Den Flammen doch nicht zum Opfer fielen drei Heiligtümer, die in den Hahn auf dem eingestürzten Spitzturm eingelassen waren: ein Stück der Dornenkrone, eine Reliquie des heiligen Dionysius und eine Reliquie der heiligen Genovefa. Die Bronze-Skulptur wurde einen Tag nach dem Brand in den Trümmern gefunden. Ob sich die wertvollen Heiligtümer noch immer im Hahn befinden und - wenn ja - in welchem Zustand sie sind, ist bisher noch nicht bekannt.

Verschont blieben laut dem Erzbischof von Paris, Michel Aupetit, auch alle drei repräsentativen Rosenfenster. Das Glashauptwerk der Kathedrale hat einen Durchmesser von 13 Metern und entstand Mitte des 13. Jahrhunderts. Die Angst war groß, dass es durch die Hitzeentwicklung geschmolzen sein könnte. Von den drei Orgeln der Kathedrale soll wenigstens die größte den Brand mit Sicherheit überstanden haben. Jene der Westempore gilt mit ihren 8000 Pfeifen als eine der bekanntesten der Welt. Die ausgestellten Ölgemälde dürften wasserbedingte Schäden aufweisen. Zwischen 1630 und 1707 spendete die Zunft der Pariser Goldschmiede jeden 1. Mai ein Ölgemälde für Notre-Dame. Von den insgesamt 76 sogenannten Grands Mays wurden zuletzt 13 in den Kapellen der Kirche ausgestellt.

Die geretteten Schätze befinden sich derzeit in einem Raum im Pariser Rathaus. Teilweise sind sie in Folie verpackt, manche stehen frei auf Pappkarton. Eine traurige kleine Sammlung von Kerzenständern und samtenen Sesseln. Es ist nicht ihr erster Rückschlag. Viele Kunstschätze von Notre-Dame wurden bereits während der Französischen Revolution und der Krawalle im Jahr 1831 beschädigt oder zerstört. (sh./ag.)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.03.2019)

Die Presse - Testabo

Testen Sie jetzt „Die Presse“ und „Die Presse am Sonntag“ sowie das „Presse“-ePaper und sämtliche digitale premium‑Inhalte 3 Wochen kostenlos und unverbindlich.

Jetzt 3 Wochen testen
Meistgekauft
    Meistgelesen
      Kommentar zu Artikel:

      Hahn der Turmspitze in Trümmern gefunden

      Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
      Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.