19 Tote bei Loveparade: Opfer "materieller Interessen"

Harte Kritik an den Veranstaltern gibt es nach der Katastrophe bei der Loveparade in Duisburg mit 19 Toten – auch vonseiten der Polizei. Nun wird wegen fahrlässiger Tötung ermittelt. 18 der Toten sind identifiziert.

Tote Loveparade Opfer materieller
Tote Loveparade Opfer materieller
(c) APN (Hermann J. Knippertz)

Der Weg zur Loveparade wurde zur tödlichen Falle. Mindestens 19 Menschen kamen am Samstag bei einer Massenpanik in Duisburg ums Leben. Elf Frauen und acht Männer starben im Gedränge an einem Zugangstunnel. 18 der 19 Toten hat die Polizei identifiziert. Unter den Toten sind elf Deutsche, teilten Polizei und Staatsanwaltschaft Duisburg am Sonntag mit. Die Opfer stammen auch aus den Niederlanden, Australien, Italien, China, Spanien und Bosnien.

Unter den Toten sind zwei junge Studentinnen aus Spanien, teilte das Außenministerium in Madrid mit. Zudem seien vier Spanier verletzt worden. Insgesamt wurden bei der Katastrophe 342 Menschen verletzt. Dem Außenministerium in Wien lagen keine Meldungen über österreichische Betroffene vor.

Organisatoren und Verantwortliche sahen sich bohrenden Fragen und harten Vorwürfen ausgesetzt. Die Staatsanwaltschaft Duisburg ermittelt nach der Tragödie wegen fahrlässiger Tötung. Die Ermittlungen richteten sich gegen unbekannt, sagte Staatsanwalt Rolf Haferkamp am Sonntag. Die Ermittlungsbehörde habe das Sicherheitskonzept der Loveparade von den Veranstaltern und der Stadt Duisburg beschlagnahmt. Die Papiere seien bereits am Samstagnachmittag sichergestellt worden.

Polizeigewerkschaft: Opfer "materieller Interessen

Kritik gab es auch von der Polizei: Die Toten seien Opfer "materieller Interessen eines Veranstalters, der unter dem Deckmäntelchen der 'Kulturhauptstadt 2010'" Druck ausgeübt habe, sagte der stellvertretende Landesvorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG), Wolfgang Orscheschek. Duisburger Stadtpolitiker seien "in die Enge getrieben" worden, so dass sie trotz eindringlicher Warnungen aus dem Sicherheitsbereich nur "ja" sagen konnten. Polizei und Feuerwehr "haben im Vorfeld ihre Vorbehalte geäußert", sagte Orscheschek.

Ein Tunnel als einziger Fluchtweg habe zur Katastrophe geführt, kritisierte die GdP das Sicherheitskonzept der Veranstalter. "Dort fühlt man sich eh schon eingeengt. Bei einer Panik verhalten sich die Massen wie eine Rinderherde", sagte der stellvertretende Berliner GdP-Vorsitzende, Michael Reinke. Es sei sehr gefährlich, bei Massenveranstaltungen das Gelände fast komplett einzuzäunen.

Bereits vor der Technoparade hatte es Warnungen gegeben, dass das Gelände auf dem alten Güterbahnhof der Ruhrgebietsstadt wegen des komplizierten Zugangs über Tunnel und Rampen nicht massentauglich sei. Das Sicherheitskonzept für die Veranstaltung steht nun bei den Ermittlungen auf dem Prüfstand.

Offene Fragen zum Sicherheitskonzept

Viele Fragen blieben bisher offen: Sie drehen sich vor allem um das Sicherheitskonzept. Es gab am Samstag lange Zeit nur einen Ein- und Ausgang zum Festgelände, und der war nur durch zwei sehr lange Straßentunnel unter den Bahngleisen zu erreichen. Im Gedränge dieses Nadelöhrs stauten sich die Menschen in einem 20 Meter breiten Zugangstunnel und auf einer Rampe. Raver, die zur Party strebten, trafen auf Menschen, die Fest verlassen wollten.

Unklar war zunächst auch, wo die Panik entstand: "Zu Todesfällen kam es ausschließlich außerhalb des ebenfalls zum Veranstaltungsgelände gehörenden Tunnels", so die Ermittler. 16 Tote seien auf der westlichen Seite der Zugangsrampe gefunden worden, davon 14 im Bereich einer abgesperrten Metalltreppe und zwei an einer Plakatwand zu Anfang des Aufgangs.

"Programmiertes Chaos"

Nach Zeugenaussagen entstand dort eine unerträgliche Enge. Menschen versuchten, eine Mauer und eine Treppe hinaufzuklettern. Als einige von ihnen aus mehreren Metern Höhe in die Menschenmasse unter ihnen stürzten, brach nach Polizeiangaben Panik aus. Bereits vor dem Unglück habe die Polizei die Öffnung einer zweiten Rampe veranlasst. Zu keiner Zeit habe die Polizei den Zugang am oberen Ende der Rampe gesperrt.

Loveparade: Fatale Massenpanik

Viele Augenzeugen erhoben schwere Vorwürfe. Der schmale Tunnel sei "das programmierte Chaos" gewesen, sagte ein Loveparade-Teilnehmer. Der Tunnel habe keine Fluchträume zugelassen.

Der niederländische DJ Charly Lownoise hat mit zwei Kollegen gerade für die Loveparade aufgelegt, als die Massenpanik ausbrach. Er berichtete hinterher im niederländischen Rundfunk, er habe das Drama "wie etwas völlig Surreales" erlebt: "Ich sah Verletzte, Tote und heulende Menschen, die unter Schock standen. 40 Meter entfernt waren Leute am Tanzen, die gar nicht mitbekommen hatten, was passiert war. Himmel und Hölle lagen dicht beieinander." Sein Kollege DJ Mental Theo sagte, unter den Feiernden habe sich das Gerücht von einem Bombenanschlag verbreitet.

Wie viele Menschen waren am Gelände?

Offen ist auch, wie viele Menschen sich zum Zeitpunkt der Tragödie in der Partyzone aufhielten: Die Zahl der Teilnehmer reicht von 105.000 Menschen, die mit der Bahn zum Feiern reisten, bis hin zu 1,4 Millionen Ravern, die sich in der Stadt aufgehalten haben sollen. Die abgeschlossene Partyzone sei für rund 300.000 Feiernde ausgelegt gewesen, sagte der Leiter des Krisenstabs, Wolfgang Rabe. Der Platz sei zum Zeitpunkt des Unglücks nicht vollständig gefüllt gewesen.

Der Duisburger Bürgermeister Adolf Sauerland (SPD) verteidigte das Sicherheitskonzept als "stichhaltig". Es "lag nicht am Sicherheitskonzept, das nicht gegriffen hat, sondern wahrscheinlich an individuellen Schwächen." Bei einer Pressekonferenz am Sonntag appellierte er, "keine voreiligen Schuldzuweisungen" vorzunehmen. Die Behörden sollen in Ruhe und mit der notwendigen Zeit das Unglück untersuchen.

Treppenstürze nicht vorhersehbar

Panikforscher Michael Schreckenberg verteidigte das von ihm ausgearbeitete Sicherheitskonzept und betonte, dass man die Treppenstürze nicht habe vorhersehen können. Der Tunnel sei groß genug ausgelegt gewesen, man habe viele mögliche Notfälle durchgespielt. Kritik musste sich auch die Polizei gefallen lassen, die offenbar schon eine halbe Stunde vor dem Unglück vor einer drohenden Massenpanik gewarnt worden sei.

Die Katastrophe löste im In- und Ausland eine Welle der Trauer und des Entsetzens aus. Führende deutsche Politiker, allen voran Bundespräsident Christian Wulff und Bundeskanzlerin Angela Merkel, drückten ihr Beileid aus und forderten rückhaltlose Aufklärung, ebenso EU-Kommissionspräsident Manuel Barroso. Papst Benedikt XVI. gedachte der Opfer: "Ich gedenke in meinen Gebeten der jungen Menschen, die ihr Leben verloren haben", sagte er in seiner Sommerresidenz Castel Gandolfo in der Nähe von Rom. Ihn erfülle "tiefe Trauer".

Nordrhein-Westfalens neue Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) ließ sich in der Einsatzleitstelle der Polizei über die Entwicklung unterrichten. Sie äußerte sich "total betroffen" und sagte, sie fühle mit den Angehörigen der Gestorbenen. Kraft bezeichnete den Zugangstunnel als "Nadelöhr".

Aus für die Loveparade

Die Loveparade soll es nach Angaben des Veranstalters Rainer Schaller nun nicht mehr geben. 1989 in Berlin unter dem Motto "Friede, Freude, Eierkuchen" gegründet, fand das fröhliche Techno-Event seit 2007 im Ruhrgebiet statt. Im vergangenen Jahr fiel sie aus: Die Stadt Bochum hatte die Ausrichtung unter anderem aus Sicherheitsgründen abgesagt. Dr. Motte, der Erfinder der Loveparade, forderte Konsequenzen aus dem Unglück von Duisburg. "Das ist das Wenigste, dass die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden und Buße tun", sagte er. "Das wird auf jeden Fall ein Nachspiel haben."

 

(Ag.)

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