Kurioser Streit um die Reste der Anne-Frank-Kastanie

Der Zank um den Baum in der Nähe von Anne Franks einstigem Hinterhofversteck in Amsterdam geht in die nächste Runde. Nun dreht er sich nicht mehr um die Erhaltung des Baumes, sondern um die Vermarktung der Holzreste.

(c) AP (Evert Elzinga)

Amsterdam. Seinen Ausgang nahm der Streit an einem stürmischen Montag im August. Da fällte eine Windhose den 170 Jahre alten Kastanienbaum im Hinterhof des Anne Frank Museums an der Amsterdamer Prinsengracht 263.

Die Kastanie, einst 25 Meter hoch und 31 Tonnen schwer, wurde inzwischen zersägt. Das Holz der Kastanie liegt in einer Lagerhalle im Amsterdamer Hafen, die dem Bauunternehmen van der Leij Bouwbedrijven gehört. Der Chef dieses Unternehmens, Rob van der Leij, ist Vorstandsmitglied der Stiftung „Rettet den Anne-Frank-Baum“. Diese Stiftung wurde vor zwei Jahren gegründet, als die Stadt Amsterdam den Anne-Frank-Baum fällen lassen wollte, weil Schimmel und Pilze den Stamm zerfressen hatten und er umzustürzen drohte. Die Stiftung verhinderte das und ließ ein eisernes Korsett um die Kastanie bauen, um sie zu stützen. Doch das half nichts. Als die Windhose im August mit voller Kraft in den Kastanienbaum fuhr, knickte er um wie ein Streichholz. Wie durch ein Wunder wurde niemand verletzt.

 

Baumbesitzer unter Druck

Berühmt ist der Baum deshalb, weil Anne Frank in ihrem Tagebuch mehrmals aus ihrem Versteck im Hinterhaus (1942–1944) über den Kastanienbaum schrieb. Das jüdische Mädchen starb im Frühjahr 1945 im KZ Bergen Belsen, nachdem das Versteck an der Prinsengracht von den deutschen Besatzern entdeckt worden war.

Besitzer des berühmten Baumes ist Henric Pomes, da die Kastanie in seinem Garten stand. Pomes erhielt nun vom Anwalt des Bauunternehmens einen Brief. Darin wird er nicht nur aufgefordert, 231 Euro pro Woche – exklusive Mehrwertsteuer – für die Lagerung des Holzes der Kastanie zu zahlen; das Bauunternehmen stellte Pomes auch ein Ultimatum: Wenn er innerhalb einer Woche nicht darüber entscheiden würde, was mit dem Holz des berühmten Kastanienbaumes geschehen solle, gehe man davon aus, dass es „frei verfügbar“ sei. Im Klartext: Das Bauunternehmen will das Holz für sich haben und es vermarkten.

Anfragen gibt es genug: Jüdische Museen in Tel Aviv, in New York, in Berlin und in Amsterdam wollen Teile des Holzes haben. Schreinereien fragen an, ob sie aus dem Holz spezielle Möbelstücke fertigen dürfen. Auf eBay wurden „die letzten Kastanien des Anne-Frank-Baumes“ bereits zum Kauf angeboten. Angeblich soll ein Amerikaner 5000 Dollar für eine Kastanie bezahlt haben. Henric Pomes möchte eine Vermarktung der Anne-Frank-Kastanie verhindern – und große Teile des Holzes den Museen schenken, die darum angefragt haben. Die Kosten der Zwischenlagerung will er nicht tragen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.11.2010)

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