"Kriminelle Energie": Dioxin-Verseuchung vertuscht

Die Futtermittelfirma wusste bereits im März 2010 von der Dioxin-Verseuchung, hat die Ergebnisse aber verschwiegen. 4700 Betriebe mussten vorsorglich gesperrt werden. Landwirte verlangen Entschädigung.

Dioxin Futter Deutschland
Dioxin Futter Deutschland
(c) dapd (Sascha Schuermann/ddp)

Der Dioxin-Skandal in Deutschland nimmt immer größere Ausmaße an: Der Futtermittellieferant Harles und Jentzsch hat offenbar schon im März 2010 von der Dioxin-Verseuchung gewusst, berichtet die "Hannoversche Allgemeine Zeitung". Demnach ist schon vor zehn Monaten verseuchtes Tierfutter in den Handel gelangt. Bei einer internen Untersuchung hat ein privates Labor ein Dioxin-Wert gemessen, der doppelt so hoch ist wie die gesetzlich erlaubten 0,75 Nanogramm. Entsprechende Informationen habe das Agrarministerium in Kiel bestätigt.  Zudem war die Giftdosis bei neuen Proben vom Futterfetthersteller Harles und Jentzsch knapp 78 Mal so hoch wie erlaubt.

Die Probe wurde am 29. Dezember von der schleswig-holsteinischen Futtermittelüberwachung in Uetersen (Kreis Pinneberg) beschlagnahmt und der Staatsanwaltschaft übergeben. Auch nach März 2010 habe es bei Eigenkontrolluntersuchungen des Unternehmens Auffälligkeiten gegeben, die ebenfalls unterschlagen wurden, sagte ein Sprecher von Schleswig-Holsteins Agrarministerin Juliane Rumpf (CDU).

"Hohes Maß an krimineller Energie"

Damit enden aber nicht die Vorwürfe gegen Harles und Jentzsch: Mit einem "hohen Maß an krimineller Energie" habe das Unternehmen Kontrollen umgangen, sagte der Sprecher von Bundesministerin Ilse Aigner (CSU). Es gebe Indizien dafür, dass die Firma gar nicht amtlich gemeldet war. "In diesem Fall wird auch die Frage nach den amtlichen Kontrollen hinfällig."

Darüberhinaus vermuten die Behörden einen strafrechtlich relevanten Schwindel mit einer Transportfirma. Das berichtet das Bielefelder "Westfalen-Blatt" unter Berufung auf das niedersächsische Agrarministerium. Es bestehe der Verdacht, dass der Futtermittelhersteller die Spedition Lübbe in Bösel im niedersächsischen Landkreis Cloppenburg genutzt habe, um sich der Überwachung der Behörden zu entziehen.

Auf dem Gelände der Spedition sei Futtermittelfett illegal hergestellt worden, weil das Unternehmen keine Genehmigung hat, auf ihrem Gelände Fette für die Futtermittelherstellung zu lagern und zu mischen, sagte Ministeriumssprecher Gert Hahne der Zeitung. Da bei den Behörden lediglich ein Transportunternehmen gemeldet war, habe es auch keine Kontrollen der produzierten Ware gegeben. Von Bösel aus war mit Dioxin belastetes Futterfett bundesweit an Futtermittelhersteller geliefert worden.

Landwirte: "Schadensfonds anlegen"

Die Zahl der vorsorglich geschlossenen Betriebe hat sich auf 4709 erhöht, davon allein 4468 in Niedersachsen. Betroffen sind den Angaben der Landesbehörden zufolge vor allem Schweinemastbetriebe. Die gesperrten Betriebe dürfen solange keine Produkte mehr ausliefern, bis eine Unbedenklichkeit nachgewiesen ist.

Bauernpräsident Gerd Sonnleitner rechnet wegen des Dioxin-Skandals mit einem Schaden von 40 bis 60 Millionen Euro pro Woche für die betroffenen Bauern. Die Futtermittel-Lieferanten sollen die Zeche zahlen. "Sie müssen die Schadensersatzansprüche der Landwirte abgelten. Da werden wir bis zum Letzten gehen", sagte er der "Neuen Osnabrücker Zeitung".

Dem Bauernverband bereite aber eine Sache große Sorge: "Betriebe, die gesperrt waren, bei denen aber letztlich kein Dioxin nachgewiesen worden ist, schauen in die Röhre." Man könne juristisch gesehen dafür niemanden haftbar machen. Sonnleitner: "Deshalb muss die Futtermittelindustrie sobald wie möglich einen Schadensfonds auflegen, der jährlich mindestens eine dreistellige Millionensumme umfassen müsste." Dieser Fonds wäre laut Sonnleitner eine Rückversicherung, etwa für den aktuellen Skandal. Bauern, die unschuldig hineingezogen werden, könnten so entschädigt werden.

Umsatz von Eiern zurückgegangen

Über die Auswirkungen des Skandals auf den Handel gibt es unterschiedliche Aussagen: Während 66 Prozent der Deutschen im aktuellen ARD-DeutschlandTrend sagen, dass sie ihre Ess- und Kaufgewohnheiten nicht ändern, berichtet die Bonner Marktberichterstattungsstelle MEG, dass der Absatzrückgang bei Eiern "deutlich spürbar" sei.

(Ag.)

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