Afghanistan: Kafka lesen in Kabul

Nur an wenigen Orten der Welt ist das Schreiben so gefährlich wie in Afghanistan. Eine Reise durch die junge afghanische Literaturszene, die sich dennoch nicht unterkriegen lässt.

Afghanistan Kafka lesen Kabul
Afghanistan Kafka lesen Kabul
Kabul – (c) AP (Reza Shirmohammadi)

In einem dunklen Zimmer ihres Hauses hat Diana Saqeb den Beamer eingeschaltet. Während sie in einem Sessel Platz nimmt, legt sie ihr Kopftuch ab, das sie hasst, doch ihr ganzes Leben lang hat ständig irgendwer von ihr gefordert, es zu tragen.

Die Kabulerin, Jahrgang 1981, im Iran zweimal zur Schauspielerin des Jahres gewählt, leitet nach der Rückkehr in ihre Heimat einen halblegalen Filmklub. Im Iran hat sie lange Exiljahre verbracht und an der Universität in Teheran als erste Afghanin ein Filmregie-Studium absolviert. Die Kämpfe um Kabul Mitte der Neunzigerjahre erlebte sie in ihrer Heimatstadt, wo sie sich acht Monate mit ihren Eltern im Keller versteckte.

Zwölf Junge Leute sind heute zusammengekommen, um sich Dianas Dokumentarfilm über vier Kandidatinnen bei den Parlamentswahlen anzusehen. Der handwerklich gelungene, dynamisch geschnittene Streifen erzählt von der schwierigen Entwicklung der Zivilgesellschaft nach dreißig Kriegsjahren.

Anschließend zeigt Diana mir ihre großen Bücherregale und die DVD-Sammlung. „Bücher und Filme kaufe ich mehrmals im Jahr in Teheran. Den Iran kenne ich viel besser als Afghanistan. Die Iraner sind offener und intellektueller. Ihr Interesse an Kultur, an Kunst und Literatur ist riesig, doch die Regierung dort ist zum Verzweifeln. Trotz all dem herrschen dort viel bessere Bedingungen als hier, denn die Afghanen stecken tief in der Vergangenheit. Ein Drittel der Menschen in Afghanistan sind Analphabeten, und vor allem die Frauen sind meistens ohne Ausbildung, weil sie nicht studieren dürfen. Die afghanischen Frauen wissen gar nicht, dass sie irgendwelche Rechte haben.“

Ein Mädchen namens Osama. Ich habe viele von Dianas schönen gebundenen Ausgaben durchgeblättert. Kafka, Márquez, Dostojewski und Tolstoi auf Farsi. Noch vor zehn Jahren hätte man mich, wenn mich die Taliban beim Lesen dieser Bücher erwischt hätten, aufhängen können. „Im Iran darf jetzt fast alles erscheinen. Gerade habe ich mir einen Roman von Mario Vargas Llosa mitgebracht. Die Zensur hat nur ein paar erotische Szenen herausgestrichen“, erklärt Diana.

Zwei Dokumentarfilme hat sie bereits gedreht, und gerade bereitet sie ihr Spielfilmdebüt vor. „Die Geschichte der afghanischen Kinematografie ist kurz und ärmlich, aber einiges hat man doch auch erreicht. Der bedeutendste Film der letzten Jahre ist zweifellos ,Osama‘ von Siddiq Barmak. Ich halte es für ein kleines Wunder, dass so ein eindrucksvolles Drama unter solch schwierigen Bedingungen entstehen konnte.“

„Osama“ ist kein Thriller über den meistgesuchten Terroristen der Welt, sondern die Geschichte eines Mädchens, das von Mutter und Großmutter in einen Knaben verwandelt wird, so dass es in dem von den Taliban gewalttätig regierten Land überleben und arbeiten kann.

Diana bewundert Filmemacher wie Krzyzstof Kieslowski, Miklós Jancsó oder Wong Kar-Wai. Um auch eine breitere Öffentlichkeit über gute Filme informieren zu können hat sie mit ihrem Freundeskreis eine Zeitschrift gegründet. Einer der Redakteure und regelmäßigen Besucher des Filmklubs ist der junge Schriftsteller Taqi Akhlaqi. Vor kurzem hat er sein eigenes Debüt, den Erzählband „Beesat“, in einer Erstauflage von 1000 Exemplaren herausgebracht. Er hat mir Auszüge auf Englisch geliehen. In seinen Texten spielt er mit dem Gedanken, was im Propheten wohl vorgegangen wäre, hätte er das heutige Afghanistan zu Gesicht bekommen.

„Erst habe ich mich nur gefreut, dass das Buch fertig ist, über die Konsequenzen habe ich mir keine Gedanken gemacht. Als die Kurzgeschichten dann in mehreren Zeitungen und im Radio besprochen wurden, bekam ich Angst. Was, wenn die Taliban sie lesen würden? Das wäre mein Ende! Glücklicherweise sind die meisten von ihnen Analphabeten“, lachte Taqi.

Wie viele junge Afghanen verbringt auch er viel Zeit mit Facebook und anderen sozialen Netzwerken. Außer auf Dari bloggt er auch auf Englisch, um internationale Kontakte zu knüpfen.

„Die NGOs kümmern sich um alle möglichen Bereiche, doch die junge afghanische Literatur ist allen völlig egal. Der Buchmarkt ist tot, Buchhandlungen gibt es keine mehr. Ich würde gerne so schnell wie möglich auch Prosa auf Englisch verfassen, deswegen mache ich intensive Aufbaukurse. Auf Dari zu schreiben, heißt, keine Zukunft zu haben“, sagt Taqi.

Erfolg im Exil. Taqis großes Vorbild ist Khaled Hosseini, der in Kalifornien lebende Autor von „Drachenläufer“, dem bekanntesten afghanischen Buch des Jahrzehnts. Der große Roman über die Freundschaft zweier Knaben, über das vorzeitige Ende ihrer Kindheit nach der sowjetischen Militärokkupation und über das Schicksal der Kabuler Intelligenz in der amerikanischen Emigration wurde auch erfolgreich verfilmt. Paradoxerweise sind das Buch und der Film in Afghanistan de facto verboten, weil sie laut Erklärung der Zensoren die ethnischen Auseinandersetzungen anstacheln könnten.

Sein Talent für umfangreiche Epik zeigt Hosseini auch in seinem zweiten Roman „Tausend strahlende Sonnen“. Die Kritiker werfen ihm Vereinfachungen und Verzerrungen historischer Tatsachen vor, aber das ist ein Vorrecht der Epiker. Nach meinen persönlichen Erfahrungen mit Afghanistan stört mich auch Hosseinis Hang zum Melodramatischen und zum Pathos wenig, denn dies sind natürliche Bestandteile des Lokalkolorits.

Die Zensur umgehen. Taqi bewundert auch Atiq Rahimi, einen weiteren berühmten afghanischen Autor im Exil. Den kurzen Roman „Stein der Geduld“ hat Rahimi auf Französisch geschrieben. „Irgendwo in Afghanistan oder anderswo“ ist der Monolog einer Frau in einer Extremsituation am Bett eines schwer verletzten Mudschaheddin während des Bürgerkrieges. Die fragmentarische Form dieses Kammerspiels kombiniert eindrucksvoll lyrische und brutale Passagen miteinander, was die Authentizität der Aussage verstärkt. Für das Buch wurde Rahimi 2008 als erster Afghane mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet.

Auch Taqi Akhlaqi kauft sich die Werke der zeitgenössischen Literatur im Iran, wo Jahr für Jahr 40.000 Bücher gedruckt werden, ein Viertel davon sind literarische Übersetzungen. Auf der diesjährigen Buchmesse in Teheran haben sich 1900 Verlage präsentiert, und es wurden fünf Millionen Besucher gezählt. Ein Grund dafür ist auch die einzigartige Möglichkeit, fremdsprachige Bücher zu kaufen, die es sonst aufgrund der Zensur nicht in den Buchhandel schaffen.


Das Kulturcafé in Balkh. Europa altert, Afghanistan und Iran hingegen sind Länder, in denen zwei Drittel der Bevölkerung jünger als 25 sind. Eine junge Gesellschaft habe ich auch im Balkh Culture Café in Masar-e-Sharif getroffen. Trotz des Namens handelt es sich nicht um ein Kaffeehaus, sondern um ein Atelier für zeitgenössische Kunst und einen Diskussionsklub. Die Miete für die zwei kleinen Häuser mit dem grünen Garten dazwischen bezahlt der Internationale P.E.N.-Club, die einzige Organisation, die systematisch afghanische Gegenwartsliteratur unterstützt.

Wie an jedem Donnerstag haben sich auch heute die Literaten aus der Metropole des Nordens und der Umgebung zusammen an den runden Tisch gesetzt. Der einzige ältere Mann im Raum, der Dichter und Essayist Afif Bakhtari, hat in der Sowjetzeit mehrere Monat im Gefängnis verbracht, zweimal musste er beim Militär dienen, und mit jedem seiner fünf Gedichtbände hatte er Probleme. „Als die Russen hier regierten, da hat es schon genügt, dass ein Autorenkollege von mir statt ,Es weht uns die rote Flagge‘ dichtete ,Es weht uns die grüne Flagge‘, und gleich ist er im Knast gelandet. Trotz all der Probleme bin ich sehr froh, dass die Amis nach 2001 die Zensur gestoppt haben. Aber immer noch passieren regelmäßig die schrecklichsten Sachen. Vor zwei Jahren wurde ein junger Freund von mir, der Journalist Pervez Kambakhsh, zum Tod verurteilt, weil er einen angeblich anti-islamischen Text aus dem Netz heruntergeladen hat. Er wäre beinahe hingerichtet worden, erst im letzten Moment kam die Amnestie vom Präsidenten, und er musste aus dem Land fliehen. Um hier zu überleben und nicht verrückt zu werden, lese ich immer wieder Franz Kafka – die absurden und furchtbaren fantastischen Welten, die er in seinen Erzählungen und Romanen geschaffen hat, das ist in Afghanistan die Wirklichkeit.“ Den Ausführungen Bakhtaris haben auch der preisgekrönte Prosaautor Ali Musawi und der Star der Gruppe, der 23-jährige Dichter Ibrahim Amini, gelauscht.

Wettstreit der Dichter Nach zwei Gedichtbänden ist Amini Anfang des Vorjahres der Durchbruch gelungen – er hat den Wettbewerb der persischen Dichter gewonnen. Neun Juroren aus Afghanistan, Iran und Tadschikistan haben über zwei Monate hinweg hundert Teilnehmer beurteilt. Der Wettkampf kulminierte im Verlauf von drei langen Nächten im berühmten Hotel Intercontinental in Kabul. Die Finalisten haben anschließend auch am Grabmal des bekanntesten Mudschaheddin-Kämpfers Ahmed Schah Massoud im Panshir-Tal aus ihren Werken gelesen. Wie allerdings an diesem pathetischen Ort, der voll ist mit zerstörten sowjetischen Panzern und Geschützen und wo gerade eine monströse Tiefgarage und ein Einkaufszentrum gebaut werden, persische Dichtung auf die Zuhörer wirkt, vermag ich mir nur schwer vorzustellen.

Als ich Ibrahim nach seinen dichterischen Einflüssen frage, erzählt er begeistert von Jessenin, von Aitmatow und vor allem von Bertold Brecht. Vor einem Monat hatte er im Klub einen Vortrag zu Milan Kunderas Roman „Die Langsamkeit“ gehalten.

Keiner der Autoren im Raum kann vom literarischen Schaffen leben. Sie schreiben für Zeitungen, moderieren beim Rundfunk, dolmetschen oder arbeiten für ausländische NGOs.

Risiko auch nach dem Tod. Schon wieder so eine durch und durch männliche Angelegenheit hier in Afghanistan, denke ich gerade, als sich nach einer Stunde plötzlich sechs junge Autorinnen zu uns setzen. Darunter auch Sada Sultani, die bekannteste Dichterin ihrer Generation. Ihr Debütwerk hat sich viertausend Mal verkauft. Sie ist stolz auf die lange Tradition der persischen Dichtkunst und will ihr ganzes Leben lang Lyrik schreiben: „Doch ich muss sehr vorsichtig sein. Ich habe im Buch einige Tabus verletzt, was mich ziemlich in Schwierigkeiten bringen kann. Afghanischen Männern passt es nicht, wenn eine Frau schreibt. Die Dichterin Nadia Anjuman wurde 2005 in Herat von ihrem Ehemann zu Tode geprügelt, nachdem er ihr Buch gelesen hatte. Sie war damals erst 25 Jahre alt und Mutter einer sechsmonatigen Tochter.“

Nur an wenigen Orten der Welt ist das Schreiben so gefährlich wie in Afghanistan. Nicht einmal nach ihrem Tod finden die Autoren Ruhe. Vor einem Jahr haben Taliban den Schrein am Grab des mystischen Volksdichters der Paschtunen, Rahman Baba, schwer beschädigt.

Es ist äußerst bedauerlich, dass man im Ausland durch das Lärmen des ewigen Krieges die starken Stimmen der jungen afghanischen Literaturszene nicht hört.

Der Autor Michal Hvorecký, 1976 in Bratislava geboren, veröffentlichte zuletzt 2009 seinen Roman „Eskorta“. Deutsch von Mirko Kraetsch.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.01.2011)

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