Kat: Das grüne Gift, das Jemen lähmt

Ein Land im Aufruhr: Terroristen gewinnen im Jemen an Einfluss, die Armut wächst und die Droge Kat trocknet das Land aus. Wirtschaft und Gesellschaft geraten zusehends aus den Fugen.

gruene Gift Jemen laehmt
gruene Gift Jemen laehmt
Kat – (c) REUTERS (Khaled Abdullah)

Und?“ Die glasigen Augen von Abdullah Amed al-Sharief schauen freundlich: „Wie schmeckt das Kat?“ Abdullah ist unser Fahrer und mittags hat er extra einen Umweg gemacht, um an besonders gutes Kat zu kommen. Die jungen Blätter sind hellgrün, fast violett, die Stängel zart. „Erstklassige Ware.“ Abdullah hat das Büschel gewaschen, getrocknet und zupft seit Stunden fürsorglich Kat-Blätter, reicht sie mir und stopft sich selbst die Backe voll. Die Fahrt nach Sanaa dauert den ganzen Tag, es ist heiß, die Straße ein Witz und Abdullah selig. Er spricht von der Schönheit der Wüste und der seiner Frau, er erzählt von Freunden und Abenteuern, er dankt Gott und verflucht lachend das Böse in der Welt.

Also wie schmeckt das Kat? Bitter. Meine geschwollene Backe ist längst taub, angestrengt sauge ich Saft aus dem grünen Brei, spüle ihn mit Pepsi herunter, und frage mich, was bitte so toll an dieser Droge sein soll. „Gut“, sage ich zu Abdullah, „aber ich fühle mich nicht leicht oder angeregt, auch nicht glücklich, schon eher ein wenig müde.“ Abdullah schaut enttäuscht und beschließt, dass es daran liegt, dass es für mich das erste Mal ist. „Morgen kauen wir wieder Kat“, sagt er fröhlich, „und du wirst dich viel besser fühlen.“

Alles dreht sich um Kat. „Catha edulis“ heißt der hohe Strauch, um den sich im Jemen fast alles dreht, selbst dann, wenn die Leute auf die Straße gehen und demonstrieren. Dass im Jemen anders als in Ägypten die Proteste bisher eher ruhiger verlaufen sind, schieben Beobachter auch auf die beruhigende Wirkung des Kat.

In den islamischen Nachbarländern als Droge verboten, gehört er im Jemen zum Alltag. Früher haben sich nur die Reichen getroffen, um im schönsten Raum des Hauses, dem Madschraf, auf dem Boden zusammenzusitzen, Blättchen zu zupfen. Heute kauen die meisten Männer und immer mehr Frauen Kat, jeden Tag ab mittags, in Teehäusern, bei der Arbeit in Büros, beim Einkaufen auf dem Markt, im Bus, im Auto. Sechs, sieben, acht Stunden am Stück, bis die berauschende Wirkung des Cathin, einer Art pflanzlichen Amphetamins, nachlässt. Kat entspannt, es regt den Geist an, sagen seine Anhänger. Kat ruiniert unser Land, sagt Anwer Sahooly. „Wir kauen unsere Zukunft einfach weg.“ Anwer Sahooly arbeitet für die deutsche Gesellschaft für technische Zusammenarbeit, und über Kat kann er stundenlang reden.

Es ist Abend, wir sitzen in einem Teehaus in Sanaas Altstadt. „Die Leute haben schlechte Laune, einen Kat-Kater“, sagt Sahooly. Aber das sei nun wirklich nicht das Problem. Für den Ingenieur sind Zahlen das Problem. „90 Prozent unseres Wassers verbraucht die Landwirtschaft. Und davon gehen 50 Prozent für den Kat-Anbau drauf.“

Kat ist eine durstige Pflanze. Damit die Sträucher nach dem Schnitt schnell austreiben, brauchen sie viel Wasser. Also fluten die Bauern die Felder, um das ganze Jahr über junge Blätter zu ernten. Der Jemen aber besitzt keine natürlichen Quellen, er gehört zu den trockensten Ländern der Erde. Das Wasser kommt aus der Tiefe, aus Aquiferen, geologischen Schichten, in denen es tausende Jahre lag. Doch die Vorräte sind erschöpft. Das Wasser muss aus immer größeren Tiefen hochgepumpt werden, aus 500, 600 Metern. Viele Brunnen sind ausgetrocknet, immer mehr Dörfer in den Bergen ohne Wasser. Mädchen und Frauen gehen Stunden zu entfernten Wasserstellen. „Es gibt Streit um Wasser, Schießereien, Tote“, sagt Sahooly. Das Beste wäre es, den Anbau von Kat einfach zu verbieten, und die Droge aus Ländern einzuführen, in denen es viel regnet. Aber auch Beamte, Politiker, Minister kauen Kat und kassieren lieber hohe Kat-Steuern. Zwar hat Noch-Präsident Saleh, seit mehr als drei Jahrzehnten an der Macht, im Fernsehen verkündet, er habe dem Kat abgeschworen. Andererseits ist es für seine Regierung nicht schlecht, wenn sich die Menschen nachmittags berauschen und nicht mehr an ihre Lage denken. Proteste gegen die Regierung haben sich bisher meist aufgelöst, sobald nach dem Mittagsgebet das gemeinsame Kauen beginnt. Dabei ist der Jemen das ärmste arabische Land. Viele Jemeniten versuchen, in die reichen Nachbarländer Saudiarabien und Oman auszuwandern. Die, die bleiben, haben oft keinen Job. Auch deshalb ist es schwierig, den Anbau von Kat zu beenden, er schafft Arbeitsplätze. Wasserminister Abdul-Rahman al-Iryani will wenigstens verhindern, dass noch mehr Kat angebaut wird. Das wird schwierig genug.


Teures Grün. Wir machen einen Ausflug in die Berge. Sanaa, die Hauptstadt Jemens, liegt in 2000 Meter Höhe, inmitten einer Wüste, und ist doch umgeben von grünen Gärten. Kat gedeiht am besten in der Höhe. Wir fahren weiter in enge Täler, an den Hängen überall Terrassenfelder mit buschigen Sträuchern: Kat-Plantagen. Früher haben die Bauern hier Weizen, Gemüse, Obst angebaut. Aber Kat ist viel lukrativer. Ein Bauer verdient mit einem Kat-Feld zehn- bis fünfzehnmal so viel wie mit Getreide. Die Blätter werden morgens geerntet, mittags verkauft, nachmittags frisch gekaut. Die Nachfrage ist groß, die Blätter sind teuer, es gibt Jemeniten, die bis zur Hälfte ihres täglichen Lohns dafür ausgeben oder sich für das tägliche Plastiksackerl mit frisch gepflücktem Grün verschulden. Überall in den Täler um Sanaa lärmen Dieselmotoren. Sie treiben die Pumpen der Brunnen an. Jedes Jahr sinkt der Grundwasserspiegel um fünf bis acht Meter. „Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis Sanaa kein Wasser mehr hat“, sagt Sahooly. „Vielleicht in fünf, vielleicht in zehn Jahren.“ Die Hauptstadt würde dann wohl ihre Bedeutung verlieren. Die meisten Einwohner müssten an die Küsten ziehen, wo schon jetzt Meerwasserentsalzungsanlagen Trinkwasser produzieren.

Die Gesellschaft für technische Zusammenarbeit hat Vorschläge gemacht, wie man das Austrocknen des Landes aufhalten könnte: die Subventionen für Dünger und Diesel streichen, sodass sich der Kat-Anbau nicht mehr lohnt, Regenwasser in Speichern sammeln. Einige Politiker finden die Ideen interessant, aber alles geht nur langsam voran, sagt Saholly. „Auch in den Ministerien wird nur noch drei Stunden am Vormittag gearbeitet. Danach wird gebetet, und dann Kat gekaut.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.02.2011)

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