Wassermangel: Chinas Weizengürtel verdorrt

Es droht die schlimmste Dürre seit 60 Jahren.Die Situation ist so dramatisch, dass die Regierung bereits den Wassernotstand Stufe zwei ausgerufen hat und ein Nothilfeprogramm für acht Dürreprovinzen in Kraft setzte.

Chinas Weizenguertel verdorrt
Chinas Weizenguertel verdorrt
(c) AP

Peking. Ein winterlicher Bilderbuchhimmel wölbt sich über Peking: strahlend blau, fast wolkenlos, und das schon seit Wochen. Die Ferien rund ums Frühlingsfest treiben derzeit täglich zehntausende Hauptstädter zu einem neuen Freizeitvergnügen: Skifahren in den Bergen um Peking. Von wunderbarem Schnee schwärmte gestern ein Besucher des Nanshan-Resorts, der am Wochenende mit Frau und Kindern draußen war.

Allerdings: Die Familie glitt auf Kunstschnee. Auch in anderen Skigebieten des Pekinger Umlands ist der Schnee nicht echt. Er stammt aus Kanonen, die gewaltige Mengen vereisten Wassers auf die Pisten schießen – Luxus in einer Region, die, wenn es nicht bald doch noch regnet oder schneit, unter der schlimmsten Dürre seit sechzig Jahren leidet. Seit vier Monaten ist es knochentrocken.

Die Situation ist so dramatisch, dass die Regierung bereits den Wassernotstand Stufe zwei ausgerufen hat und ein Nothilfeprogramm für acht Dürreprovinzen in Kraft setzte. Unter der Dürre leidet neben Peking mit seinem Umland derzeit besonders Chinas Weizengürtel. So werden die sieben Provinzen bezeichnet, in denen gewöhnlich 80 Prozent des Weizens geerntet werden. Mehr als ein Drittel der Felder hat nicht mehr genug Wasser, das sind 6,4 Millionen Hektar, eine Fläche halb so groß wie Griechenland.

 

Grundwasserspiegel sinkt dramatisch

Die Regierung erklärte, sie habe genug Reserven, um die Ernteausfälle auszugleichen, doch die Sorge ist groß, dass die weltweiten Weizenpreise weiter steigen. Die Äcker sind vielerorts staubtrocken, die Meteorologen machen bisher keine Hoffnung auf Besserung.

Sowohl Premier Wen Jiabao als auch Staats- und KP-Chef Hun Jintao eilten in den vergangenen Tagen in die Dürregebiete und versprachen den Bauern schnelle Hilfe. Rund 247 Millionen Euro Nothilfe wurden bereits dekretiert, zudem sollen in diesem Jahrzehnt rund 450 Milliarden Euro in bessere Kläranlagen, dichte Wasserleitungen, neue Kanäle, Brunnen und Reservoirs investiert werden.

Wasserknappheit ist nicht neu für China: Jeder Bürger kann im Schnitt nur ein Viertel des Weltdurchschnitts konsumieren. Nach Angaben des zuständigen Ministers leiden zwei Drittel der Städte unter Wassermangel. Neue Fabriken, schnell wachsende Ortschaften, Verschmutzung durch ungeklärte Abwässer und Verschwendung haben das Problem rasant verschärft. Die Hauptstadt Peking ist nur ein Beispiel dafür: Hier sinkt der Grundwasserspiegel Jahr für Jahr um mehr als 1,2 Meter. Die Stadt kommt nur deshalb ohne strenge Wasserrationierung aus, weil sie die Nachbarprovinz Hebei zwingt, Wasser aus ihren Reservoiren in die Hauptstadt abzuleiten.

 

Statussymbol Golfspiel

Ab 2014 soll Wasser aus dem Yangtse über einen tausend Kilometer langen Kanal in den Norden gepumpt werden. Allerdings dürfte es stark verschmutzt sein, die Reinigung sehr aufwendig. Zwar hat die Regierung in den vergangenen Jahren die Preise für Wasser erhöht und neue Gesetze und Vorschriften erlassen, um die Verbraucher zum Sparen zu zwingen. Mit der Umsetzung klappt es aber nicht.

So verboten die Behörden vor Jahren, neue Golfplätze in und um Peking anzulegen; sie verbrauchen fünf- bis achtmal soviel Wasser wie Felder und Äcker. Nur ein Golfplatz wurde offiziell erlaubt, doch auf wundersame Weise entstanden 19 andere. Unter KP-Funktionären und Managern der Staatsbetriebe gilt das Golfspiel als Statussymbol; zudem lassen sich Immobilien in der Nähe der exklusiven Golfklubs besonders lukrativ verkaufen. Deshalb werden Golfplätze als Park oder Erholungsgebiet ausgewiesen und gelten – schöner Nebeneffekt – als Beweis dafür, dass Peking viel grüner geworden ist.

Auf einen Blick

Zwei Drittel von Chinas Städten leiden unter chronischem Wassermangel. Eine akute Dürre bedroht derzeit den Weizengürtel des Landes, in dem 80 Prozent des chinesischen Weizens wachsen. Die Regierung spricht zwar von ausreichenden Reserven; die Dürre könnte sich aber auch auf die weltweiten Weizenpreise auswirken.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.02.2011)

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