Am Rand der Gesellschaft: Roma in der Slowakei

Fast 100 Prozent Arbeitslosenrate in den Ghettos, und dadurch bedingt eine fast 100-prozentige Abhängigkeit vom staatlichen Sozialsystem. Die Vorurteile sitzen schon so fest, dass Roma keine Chance haben.

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(c) APA (ANDREAS TROESCHER)

Pressburg. Mitleidiges Lächeln ist die typischste Reaktion, mit der Slowaken Berichte über „Roma-Probleme“ im westlichen Ausland zu quittieren pflegen. „Ihr seid völlig überfordert mit ein paar einzelnen oder wenigen hundert Roma, aber uns schimpft man Rassisten, obwohl wir mit fast einer halben Million Roma (Anm.: bei 5,4 Millionen Einwohnern insgesamt)weitgehend konfliktfrei zurechtkommen.“ So und ähnlich hört es der westliche Journalist immer wieder, wenn es um Roma geht.

Tatsächlich funktioniert das Zusammenleben zwischen Roma und Nicht-Roma in dem Land mit dem gemeinsam mit Rumänien höchsten Roma-Anteil zumindest weitgehend ohne solche Gewaltexzesse, wie man sie aus Italien, Tschechien oder Ungarn mit ihrem viel geringeren Roma-Anteil kennt. Dass es in der Slowakei keinen Rassismus gegenüber Roma gebe, ist aber dennoch weit gefehlt. „Die einzigen, die nichts arbeiten, sondern nur von Familienbeihilfe leben, sind die Zigeuner.“ Dieser Satz wird tausendfach in leicht anderen Variationen, aber im selben Sinne beständig wiederholt, wenn es in der Slowakei um Roma geht.

Neben dem sprichwörtlichen Kinderreichtum und der fast hundertprozentigen Abhängigkeit von staatlichen Sozialleistungen ist es vor allem die Kleinkriminalität, die die slowakische Mehrheitsbevölkerung den Roma zum Vorwurf macht. Auch wenn es keine offiziellen Statistiken dazu gibt (weil es gesetzlich verboten ist, Kriminalität nach Ethnien aufzuschlüsseln), gehört es in der Slowakei quasi zur Allgemeinbildung, dass Roma generell kriminiell seien und arbeitsscheu. In den Elendsquartieren, in denen fast die Hälfte der slowakischen Roma lebt, haben tatsächlich nur wenige Einzelne geregelte Arbeit, die Arbeitslosenquote in den Ghettos beträgt nur knapp unter hundert Prozent. Und wenn die privaten TV-Sender wieder einmal publikumswirksam einen der arbeitslos zu Hause sitzenden Familienväter ins Bild rücken, wie er sich darüber beklagt, dass es seiner Familie in ihre armselige Holzhütte regnet, weil der Staat nicht genug Sozialhilfe zahlt, dann kocht die Volksseele regelmäßig, und die Internetforen gehen über von rassistischen Beschimpfungen.

 

Organisierter Betteltourismus

Fragt man aber einen der arbeitslosen Roma, bekommt man schnell die Kehrseite zu hören: „Leider ist die Stelle gerade vergeben worden“, hören Roma regelmäßig in Bewerbungsgesprächen, wenn sie mit ihrer dunkleren Hautfarbe als Roma erkennbar werden. Roma-Aktivist Miroslav Lacko, der Slowakei-Vorsitzende des Europäischen Netzwerks gegen Rassismus (ENAR), hat in der Ostslowakei zahlreiche solcher Fälle dokumentiert, als er noch Angestellter eines staatlichen Arbeitsamtes war. Doch statt die lokalen Arbeitsämter damit für Klagen gegen rassistische Arbeitgeber zu gewinnen, war er schließlich selbst seine Stelle los. Und auch die TV-Zuschauer aus der Mehrheitsbevölkerung bekamen Denkanstöße, dass wohl nicht für alle Roma das Klischee der Arbeitsscheu gelten könne, sobald Großbrittannien und Irland (in Unterschied zu Österreich und Deutschland) ihre Arbeitsmärkte für die neuen EU-Länder öffneten: Plötzlich berichteten begeisterte slowakische Roma von ihrer Arbeit in England, die sie ohne Diskriminierung bekommen hätten.

In der Slowakei sitzen die Vorurteile schon so fest, dass Roma auch dann keine Chance haben, wenn sie sich noch so sehr bemühen, sind Lacko und andere Roma-Vertreter überzeugt. Für Lacko ist es kein Wunder, wenn für manche die Flucht in noch so zweifelhafte „Arbeiten“ im Ausland verlockender ist. Lacko will auch nicht ausschließen, dass der slowakische „Betteltourismus“ von Wucherern organisiert ist: Es gibt dieses Problem, auch wenn niemand gerne davon redet. Wenn der lokale Wucherer seine Schulden eintreibt, kann die Beteiligung am organisierten Betteln im Ausland ein Ausweg sein, um nicht seine Behausung zu verlieren.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.02.2011)

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