Die Tortur transsexueller Türken

Schwule und Lesben werden in der Türkei oft tätlich angegriffen. Gleichzeitig ist eine der beliebtesten Sängerinnen des Landes transsexuell. In der Türkei ist Homosexualität nicht verboten.

(c) AP (Daniel Ochoa De Olza)

Von den vielen Misshandlungen und Attacken in ihrem Leben hat Yaşar nach eigenen Angaben eine fast nicht überlebt: Als ihr jemand ein Messer in die Lunge rammte. Weil das Leben für sie als Transsexuelle in der Türkei lebensgefährlich sei, hat Yaşar – sie ist auf einem Auge blind – im September 2009 einen Asylantrag in Österreich gestellt. Dieser wurde allerdings abgelehnt – Yaşar soll am Mittwoch abgeschoben werden.

Der Fall der Transgenderfrau hat nicht nur in der Homo- und Transsexuellenszene für heftige Debatten gesorgt: Bei einer Abschiebung drohe ihr die Ermordung, sagt Jo Schedlbauer vom Wiener Verein für Transgenderpersonen „TransX“. Dass die Situation von Homo- und Transsexuellen in der Türkei kritisch ist, stellen auch Menschenrechtsorganisationen wie „Amnesty International“ und „Human Rights Watch“ regelmäßig fest. Demnach stehen Yaşars Erlebnisse symptomatisch für den Umgang der Türkei mit Homo- und Transsexuellen. Gerade letztere, sagt die türkischstämmige Grün-Nationalratsabgeordnete Alev Korun, hätten es noch schwerer als Schwule, da sie sichtbarer seien: „Sie werden nach Lust und Laune attackiert, verprügelt und ermordet.“

 

Schwule nicht ins Militär

In der Türkei ist Homosexualität de jure nicht verboten, wird aber von der breiten Öffentlichkeit nicht akzeptiert. Einer Umfrage der Zeitung „Milliyet“ nach gaben 76Prozent der Befragten an, Homosexualität verstöre sie. Erst vergangenes Jahr hat Familienministerin Selma Aliye Kavaf in einem Interview mit der Tageszeitung „Hürriyet“ erklärt, dass Homosexualität eine „Krankheit“ sei und „behandelt“ werden müsse.

Mit demselben Argument werden Schwule vom Militärdienst befreit, allerdings sollen sie einen Nachweis für ihre sexuelle Neigung erbringen – Fotos oder Videos, die sie beim Geschlechtsverkehr mit einem Mann zeigen. Das Militär selbst negiert diese Praxis, während der Istanbuler Schwulen- und Lesbenverein „Lambda“ von vielen solchen Fällen berichtet.

Mit dem Verein selbst führen die Istanbuler Behörden regelmäßig einen Kleinkrieg: Mehrmals war „Lambda“ wegen „Verletzung moralischer Werte und Familienstrukturen“ von der Schließung bedroht; zuletzt gewann der Verein einen vier Jahre andauernden Prozess und darf seine Beratungsstelle nun weiterführen.

Wird Homo- und Transsexualität im Alltag wenig geduldet, gilt das für das Showbiz ganz und gar nicht. Bereits in den 1960er-Jahren trat Zeki Müren – einer der beliebtesten Sänger seiner Zeit – geschminkt und in extravaganten Damenkleidern auf. Er hat seine sexuelle Neigung aber öffentlich nie bekundet – im Gegensatz zur Sängerin Bülent Ersoy. Als Mann geboren, hat sich die 59-Jährige in den 1980er-Jahren einer Geschlechtsumwandlung unterzogen. Ihre Transsexualität ist in den türkischen Medien selten ein Thema, selbst Ersoy äußert sich kaum dazu. Ihre Alben verkaufen sich seit Jahrzehnten sehr gut.

Nur vor drei Jahren, als das türkische Militär in den Nordirak einmarschierte, um die kurdische PKK zu zerschlagen, sorgte Ersoy für einen Eklat: Sie würde ihren Sohn nicht zum Militär – also in den Tod – schicken. Als die Behörden sie (erfolglos) verklagten, zerbrach sich der Boulevard den Kopf: Würde sie in ein Frauen- oder Männergefängnis kommen?

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.06.2011)

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