„Ja“ zur Ehescheidung auf Malta

Als letztes EU-Land erlaubt der Inselstaat die Scheidung. Eheleute müssen aber vier Jahre getrennt gelebt haben, um ihren Bund lösen zu dürfen. Das überwiegend katholische Land ist in dieser Frage gespalten.

(c) APA (FREMDENVERKEHRSAMT MALTA)

Valletta/Wien. Als sich Mark, ein Bankangestellter in Valletta, von seiner australischen Frau trennen wollte, ging er einen für maltesische Verhältnisse durchaus üblichen Weg: Das Paar, das sich schon lange auseinandergelebt hatte, flog nach Australien und ließ sich in der Heimat der Frau offiziell scheiden. Zurück in Malta reichte Mark die Dokumente ein – und galt nach einem langwierigen Verfahren auch auf seiner Heimatinsel als geschiedener Mann.

Solch verschlungene Pfade müssen Maltesen, die sich von ihrem Ehepartner scheiden lassen wollen, in Zukunft nicht mehr einschlagen: Rechtzeitig vor der Sommerpause stimmte das Parlament in der Hauptstadt Valletta dafür, dass zivile Ehen künftig geschieden werden dürfen. Die Parlamentarier beugen sich damit dem Willen der Inselbevölkerung: Im Mai hatte sich die Mehrheit der Maltesen in einem Referendum für eine Gesetzesänderung entschieden. Damit ist Malta das letzte Land innerhalb der EU, das die Ehescheidung erlaubt. Weltweit ist diese nur noch auf den Philippinen und im Vatikanstaat verboten.

 

Ehe als Fundament der Gesellschaft

Dass Premier Lawrence Gonzi mit Nein stimmte, zeigt, wie gespalten das überwiegend katholische Malta in dieser Frage ist: „Die Abstimmung war eine Gewissensentscheidung, und mein Gewissen erlaubt mir nicht, für etwas zu stimmen, an das ich nicht glaube“, sagte Gonzi. Dem Wählerwillen wolle er nun aber nicht im Wege stehen.

Der Einführung der Scheidung ab Anfang Oktober war eine lange und emotionale Debatte vorangegangen: Vor allem die auf Malta starke katholische Kirche hatte sich vehement dagegen ausgesprochen. Die Mehrheit der Maltesen sehen eine stabile Ehe auch weiterhin als Fundament einer gesunden Gesellschaft. Immerhin bekennen sich 95 Prozent der 410.000 Maltesen zum römisch-katholischen Glauben.

Die Tatsache, dass Paare ihre für lebenslang gedachte Partnerschaft bisher offiziell kaum auflösen konnten, heißt aber nicht, dass alle auf Malta geschlossenen Ehen auch ein Leben lang hielten. Die rigiden Gesetze hätten zu einer Patchwork-Gesellschaft geführt, meinen die Scheidungsbefürworter. Zerrüttete Paare leben getrennt voneinander, sind längst neue Partnerschaften eingegangen und haben Kinder, ohne vorher klare Verhältnisse geschaffen zu haben.

Bisher gab es auf Malta zwar die Möglichkeit, eine offizielle Trennung zu erreichen, eine Wiederverheiratung sah diese aber nicht vor. Nach dem Abschluss eines Mediationsverfahrens und der Einschaltung eines Anwalts zur Klärung der Finanzen konnten sich Paare als „getrennt“ bezeichnen (2009 gab es 519 solcher Fälle). Erneut heiraten durften sie aber nicht.

Die Möglichkeit einer Wiederverheiratung konnte bisher nur durch ein Annullierungsverfahren durch die katholische Kirche (2009: 167 Annullierungen) erreicht werden. Oder eben durch die Variante, die der Banker Mark wählte: eine Scheidung im Ausland, die dann in Malta anerkannt wird. (2009: 31 Fälle). Eine rasche Angelegenheit wird eine Scheidung auf Malta trotzdem nicht: Erst wenn Eheleute vier Jahre getrennt gelebt haben, kann der Bund gelöst werden. Mit einem Ansturm auf die Ämter ist zu rechnen.

Lexikon

Als letztes EU-Land hat Malta die Ehescheidung legalisiert. Nur noch auf den Philippinen und im Vatikan ist dies verboten. Europaweiter Scheidungsspitzenreiter ist die Ukraine mit 5,3 Scheidungen auf 1000 Einwohner, dicht gefolgt von Russland mit fünf. Österreich liegt mit 2,36 Ehescheidungen auf 1000 Einwohner im oberen Mittelfeld. Am wenigsten trennen sich Paare in Bosnien-Herzegowina sowie in weiteren ex-jugoslawischen Staaten wie Mazedonien oder Montenegro. Auch in Italien lässt man sich selten scheiden (0,9 Scheidungen/1000 EW).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.07.2011)

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