Ukraine: Die „Sozialwaisen“ von Charkiw

Im Abseits der Fußball-Europameisterschaft. In der herausgeputzten Austragungsstadt Charkiw sind viele Eltern zu arm oder alkoholkrank, um sich um ihre Kinder zu kümmern.

(c) Caritas Wien/ Schwertner

Nicht mehr Lenin mit seinem wehenden Mantel und dem bestimmt – auf ein unbestimmtes Ziel – weisenden rechten Arm ist die Attraktion auf dem weitläufigen Freiheitsplatz der ostukrainischen Metropole Charkiw. Das Fünfsternehotel Charkiw Palace macht seit Kurzem dem Revolutionär ernste Konkurrenz. Es eröffnet im Februar und ist ein blauschwarzer Glasklotz, der die umliegenden Gebäude im konstruktivistischen Stil herausfordert. Und die Geldbörse: Für eine Übernachtung zahlt ein Gast etwa so viel, wie ein Ukrainer im Monat durchschnittlich verdient. Um die 200 Euro, und das ist die preisgünstigste Kategorie.

Für drei Vorrundenspiele der Fußballeuropameisterschaft im Juni hat Charkiw sich herausgeputzt, hat die Wohnblocks entlang des Flughafenboulevards in grellen Farben gestrichen, die Löcher in den Straßen mit Asphalt gefüllt, das Stadion rundumerneuert und teure Hotels errichtet, so wie das Palace des Oligarchen Alexander Jaroslawskij, dem neben einer Handvoll Unternehmen auch der hiesige Fußballklub „Metallist“ gehört und ohne den Charkiw wohl nur die zweitgrößte Stadt der Ukraine wäre, nicht aber Euro-Austragungsort.

Der Schein der Lichter aus dem Zentrum reicht nicht bis zu Swetas Häuschen. Am Rande der Stadt, hinter dem Plattenbauviertel Saltowka liegt ihr einstöckiges Haus im Dunkel, versteckt hinter einem hohen Eisentor. Wenn sie in die Stadt fahren will, auf die Einkaufsstraße Sumskaja oder zu Lenin auf den Freiheitsplatz, dann ist das eine lange Reise, zuerst mit dem Bus und dann mit der U-Bahn.

In Swetas kurzem Leben sind viele ungeplante Dinge passiert. Die 28-Jährige mit dem glatten rotbraunen Haar hat die Schule abgebrochen, drei Kinder geboren, ihre Partner haben sich aus dem Staub gemacht, ein eigenes Einkommen hat sie nicht, sie lebt von Zuwendungen. „Arbeit? Wozu? Ich muss mich von früh bis spät um die Kinder kümmern“, sagt sie. Nun leben sie zu viert in einem Zimmer, in dem die Betten kaum Platz für andere Möbel lassen. „Warm wird es hier“, sagt Sweta und deutet auf eine Elektroheizung. Warm hätten es auch die Kinder, meint sie und deutet auf die Jacken der Kleinen, sogar Fernseher und DVD-Player finden sich im beengten Durcheinander. Nicht aber ein Tisch, wo der zehnjährige Kostja und seine beiden jüngeren Schwestern ihre Schulaufgabe machen oder einfach nur zeichnen könnten.

 

Kinder lernen für die Zukunft

Neunstöckige grau-weiße Plattenbauten, dazwischen Kinderspielplätze, Supermärkte und kleine Imbissbuden. Die U-Bahn-Station trägt den Namen „Helden der Arbeit“. 600.000 Menschen leben im Charkiwer Viertel Saltowka; 1,5 Millionen Einwohner hat die Stadt. Erbaut wurde es für Arbeiter. Durch das Viertel wehe der „Atem der Sowjetunion“, sagt Andrej Andrienko in ironischem Ton. Er ist Leiter des „Sozialen Hilfsdienstes“, einer privaten gemeinnützigen Organisation, die unter anderem von der Caritas Österreich unterstützt wird. Andrienkos Sozialorganisation kümmert sich vor allem um Sozialwaisen. Das sind Kinder, die Eltern haben – allerdings solche, die sich nicht oder nur eingeschränkt um ihren Nachwuchs kümmern. So wie Kostja und seine Schwestern. 75Prozent der offiziell 4890 Waisenkinder im Charkiwer Gebiet sind Sozialwaisen, nur ein Viertel hat tatsächlich keine leiblichen Eltern mehr.

Das Saltowkaer Kinderkreativzentrum des Sozialen Hilfsdienstes bietet für Kinder aus der Umgebung am Nachmittag Kurse an. Hier zeichnen sie, haben Computer- und Englischunterricht. Hier sollen sie sich jene Fertigkeiten aneignen, die ihnen zu Hause nicht mitgegeben werden. „Damit sie etwas anderes kennenlernen als die Enge des elterlichen Heims“, sagt Andrienko. Der zehnjährige Kostja ist ein eifriger Zeichner. Sein Lieblingsmotiv: Schiffe.

Auf einen Blick

Vernachlässigte Kinder lernen im Charkiwer Kinderkreativzentrum in Kursen wichtige Fertigkeiten für ihr weiteres Leben. Die Caritas Austria unterstützt in der Ukraine 30 Projekte mit einem Projektwert von 1,5 Mio. Euro. „Endlich in Sicherheit“ heißt ihre aktuelle Kinderkampagne: www.caritas.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.01.2012)

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