Caracas: Die gefährlichste Stadt Südamerikas

Venezuelas Hauptstadt versinkt immer tiefer im Verbrechen. Nun häufen sich „Express-Entführungen“ von ausländischen Botschaftsmitarbeitern.

(c) AP (Rodrigo Abd)

Caracas/Buenos Aires. La Nueva Florida ist eines der elegantesten Viertel der venezolanischen Hauptstadt Caracas. In Hanglage unterhalb des Monte Avila, um den Caracas Golf Club herum lebt Venezuelas High Society in Villen, deren Architektur teilweise Hollywood-Filmen nachempfunden ist. In dieser Gegend, in der auch die meisten Botschafter residieren, sehen die Gartenzäune aus wie anderswo Außenmauern von Hochsicherheitsgefängnissen, zivile Wachtrupps patrouillieren mit furchterregenden Hunden. Und doch passieren ständig Verbrechen.

Mexikos Botschafter Carlos Pujalte und seine Frau Paloma Ojeda hatten gerade einen Empfang verlassen, als ihr 3er-BMW am Sonntagabend von vier schwer bewaffneten Männern gestoppt wurde. Fünf Stunden später wurde das Paar in einem Elendsviertel im Westen der Stadt freigelassen, beide bleiben unverletzt. Das Auto konnte zuvor eine sofort alarmierte Sondereinheit aus Nationalgarde, Geheimdienst und Kripo in einem anderen Slum unweit des Villenviertels sicherstellen. Dass die Diplomaten Lösegeld zahlen mussten, wird vermutet, eine Bestätigung dafür wollten weder die mexikanischen noch die venezolanischen Behörden geben, um nicht noch weitere kriminelle Übergriffe auf Diplomaten auszulösen.

Und jedesmal fließt Lösegeld

Es gab derer schon mehr als genug. Das jüngste Verbrechen war bereits der siebte Fall innerhalb von 18 Monaten. Im November entführten Gangster vor einem Hotel nahe der Plaza Venezuela den chilenischen Konsul Juan Carlos Fernández, der Stunden später mit einer Schussverletzung in der Leistengegend auf dem Mittelstreifen einer Stadtautobahn gefunden wurde. Der Diplomat musste mehrere Tage im Krankenhaus verbringen. Auch hier floss offenbar Lösegeld. Er sei Opfer eines „secuestro express“ geworden, gab später Chiles Botschaft bekannt, einer „Express-Entführung“.

Zuvor wurde der Militärattaché Boliviens auf der Straße abgefangen. Die Gangster gingen mit ihm in seine Residenz und stahlen dort alle Wertsachen. Der Sohn des vietnamesischen Botschafters fiel Entführern in die Hände, als er abends von einer Party heimkam, zwei Stunden war er verschwunden. Im Mai 2011 wurde ein weiterer Angestellter der mexikanischen Botschaft daheim ausgeraubt, die Täter packten ihre Beute in den Jeep Cherokee des Diplomaten und brausten davon. Ein Auto des gleichen Typs büßte einen Monat darauf auch eine Angehörige der britischen Botschaft ein. Ende 2010 wurde die Residenz des griechischen Botschafters überfallen. Und keines dieser Verbrechen konnte aufgeklärt werden.

Zusätzliche Streife abgeschafft

Mehrfach schon haben sich die diplomatischen Vertretungen beim Außenministerium beklagt, allerdings ohne Erfolg. Bis April 2011 war eine 400 Mann starke Einheit der Stadtpolizei für den Schutz der Botschaften zuständig. Doch diese Brigade wurde aufgelöst, nachdem die Behörden eine neue nationale Polizei geschaffen hatten.

Diese sollte die Antwort der bolivarianischen Republik auf die ständig steigenden Kriminalitätsraten sein. Tatsächlich hatten zuvor städtische und staatliche Sicherheitskräfte einander eher behindert als geholfen. Doch in dem reichen Bezirk Chacao, zu dem auch das Botschaftsviertel gehört, vermissen viele Bürger die abgeschaffte städtische Polizei, die in ihrem goldenen Grätzel tätig war.

Im Vorjahr dachte Venezuelas Außenministerium wohl über die Einrichtung einer Sondereinheit für den Schutz der Diplomaten nach, verwarf die Pläne dann aber aus Kostengründen. Nun müssen die Diplomaten ohne jegliche Immunität dieselbe Angst haben wie auch die anderen Einwohner der Sieben-Millionen-Metropole.
Jeden Montag listen die Zeitungen die Verbrechensstatistiken des Wochenendes auf: Zwischen 40 bis 70 Mordopfer gibt es in Caracas zwischen Freitag und Sonntagnacht. Lange versuchte die Regierung, dieses Thema totzuschweigen. Damit ist nun Schluss.

Auf einen Blick

In Venezuela wurden im Jahr 2011 mehr als 14.000 Menschen ermordet (48 Tote auf 100.000 Einwohner) – das ist der höchste Wert Südamerikas. So lautet zumindest die offizielle Statistik des venezolanischen Innenministeriums. Das von mehreren Universitäten des Landes betriebene „Observatorio Venezolano de Violencia“ kam aber für 2011 auf 19.336 Morde (67 Tote auf 100.000 Einwohner).

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