Holland: Kinderschänder missbrauchte Buben drei Jahrzehnte lang

Die Bewohner eines niederländischen Dorfes waren informiert. Der Mann wurde aber niemals angezeigt. Alle schauten weg. Dreißig Jahre lang konnte ein Kinderschänder unbehelligt Minderjährige sexuell missbrauchen.

(c) Clemens Fabry

Den haag. Alle wussten es. Keiner unternahm etwas. Dreißig Jahre lang konnte in dem niederländischen Dorf Westkapelle ein Kinderschänder unbehelligt Minderjährige sexuell missbrauchen. Seine Opfer waren vor allem Knaben im Alter zwischen zwölf und 17 Jahren. An mindestens 100 Buben soll sich der heute 60-jährige Joost W. in den letzten drei Jahrzehnten vergangen haben.

Was die niederländische Öffentlichkeit schockiert: Weder seine Frau noch die 2700 Einwohner von Westkapelle in der südniederländischen Provinz Zeeland schritten ein, um die sexuellen Umtriebe des Kinderschänders zu beenden. Alle schauten weg und ließen dem Kinderschänder freie Bahn.

Erst jetzt hatten zwei nunmehr 30-jährige Männer, die von Joost W. im Alter von 15 Jahren sexuell missbraucht worden waren, den Mut, den Mann anzuzeigen. Die Polizei verhaftete ihn. Der mutmaßliche Täter ist geständig.

 

Immer die gleiche Methode

Der Mann ging indes immer nach der gleichen Methode vor: In der örtlichen Kneipe oder an der Pommesbude suchte er Kontakt zu männlichen Jugendlichen. Er zahlte ihnen ein Cola oder eine Portion Pommes, lud sie zu einer Partie Billard und dann meist zu sich nach Hause ein, wo er sich an ihnen verging. Der Neffe des pädophilen Mannes, Jan Boumes, berichtet in der Zeitung „Telegraaf“: „Ich habe ihn mehrfach auf sein Verhalten angesprochen. Aber er hat das immer ignoriert.“ Auf die Idee, zur Polizei zu gehen, kam sein Neffe offenbar nicht.

Auch andere Bewohner von Westkapelle regelten die Sache mit Joost W. lieber persönlich: „Wenn es Gerüchte gab, dann ging der Vater eben zu Joost und sagte: ,Lass deine Finger von meinem Sohn oder ich dreh dir den Hals um‘. Und Jost ließ den Jungen in Ruhe.“

 

Nur Strafe auf Bewährung

Dabei hätten schon vor 20 Jahren die Alarmglocken schrillen müssen. Damals wurde Joost W. zu einer zweimonatigen Haftstrafe auf Bewährung wegen sexuellen Missbrauchs von Minderjährigen verurteilt. Die Strafe musste er nie absitzen. Er konnte sich daher in Westkapelle und Umgebung weiterhin seine Opfer suchen.

Eines dieser Opfer berichtete im niederländischen Fernsehen: „Ich erinnere mich noch gut. Joop gab mir 50 Gulden (25 Euro). Das war viel Geld für mich damals. Ich war gerade 14 Jahre alt. Dann sind wir zu ihm nach Hause gegangen. Dort ist es dann passiert.“

Seine Frau, die als Krankenschwester in einem Krankenhaus in Vlissingen arbeitet und aufgrund ihrer unterschiedlichen Schichtdienste häufig nicht zu Hause ist, soll angeblich versucht haben, ihren Mann von seiner Vorliebe für minderjährige Jungs zu kurieren. Vergeblich. Auch sie ging nicht zur Polizei, um ihren pädophilen Partner anzuzeigen.

 

Auch die Kirche wusste Bescheid

Sogar der örtliche Kirchenrat der orthodox-calvinistischen „Gereformeerde Gemeente“ wusste von den sexuellen Umtrieben des Joost W. mit minderjährigen Knaben. Die streng gläubigen Calvinisten schlossen Joost W. deswegen sogar aus ihrer Gemeinde aus. Sie erlaubten ihm aber, weiterhin jeden Sonntag in die Kirche zu kommen. Auch sie zeigten den Mann nicht an. Schlimmer noch: Sie forderten ein Schuldbekenntnis von Joost W., das dieser öffentlich in der Kirche ablegen sollte. Wenn er das täte, dann könne er wieder Mitglied der Gemeinde werden.

Doch das tat Joost W. nicht. Er vergriff sich weiterhin an minderjährigen Knaben und das ganze Dorf ließ ihn gewähren. 30 Jahre lang.

Auf einen Blick

Ein Pädophilie-Skandal schockiert die niederländische Öffentlichkeit: Im Dorf Westkapelle missbrauchte ein Bewohner offenbar drei Jahrzehnte lang Buben. Dorfbewohner und Kirchengemeinde wussten von Joost W.s Umtrieben – sie schauten weg bzw. „regelten“ die Angelegenheit untereinander. Zur Anzeige brachten den Fall nun zwei Männer, die Joost W. vor 15 Jahren missbrauchte.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.03.2012)

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