Erdbeben in Norditalien: 5000 Menschen obdachlos

Ein schwerer Erdstoß hat am Sonntag in der Region Emilia Romagna Tausende Menschen obdachlos gemacht. Experten befürchten weitere starke Nachbeben.

Durch das Erdbeben haben 5000 Menschen kein festes Dach mehr über dem Kopf.
Durch das Erdbeben haben 5000 Menschen kein festes Dach mehr über dem Kopf.
Durch das Erdbeben haben 5000 Menschen kein festes Dach mehr über dem Kopf. – (c) AP (Luca Bruno)

Nach dem schweren Erdbeben mit der Stärke 6,0 in der Nacht auf Sonntag in Norditalien mit sieben Toten und über 50 Verletzten ist die Zahl der Obdachlosen auf 5.000 gestiegen. Das berichtete der Präsident der vom Erdbeben betroffenen Region Emilia Romagna, Vasco Errani. Die meisten Menschen wurden in Notunterkünften, die vom Zivilschutz organisiert wurden, untergebracht. Hotels in der Stadt Modena stellten Zimmer für Obdachlose zur Verfügung. "Das Rettungssystem hat funktioniert", versicherte Italiens Zivilschutzchef Franco Gabrielli am Montag.

Heftige Niederschläge in der Region Emilia Romagna erschwerten die Arbeit der Einsatzkräfte, die die Stabilität der vom Erdbeben betroffenen Gebäude überprüfen mussten. Der Zivilschutz stellte in Sporthallen und Schulen insgesamt tausende Schlafplätze zur Verfügung. Freiwillige aus ganz Italien und Helfer des Zivilschutzes trafen in der Region ein, um Hilfe zu leisten.

Der italienische Premier Mario Monti wird am Montagabend in der vom Erdbeben betroffenen Gegend erwartet. Er soll die Obdachlosen und die Leiter des Zivilschutzes treffen, berichteten italienische Medien. Monti plante für Dienstag eine Ministerratsitzung, bei der der Notstand ausgerufen werden soll. So können Gelder für den Wiederaufbau locker gemacht werden. Wegen der Einsparungen infolge der Schuldenkrise sei jedoch mit wenig Hilfe seitens des Staates zu rechnen, hieß es in italienischen Medien.

"Gefahr ist nicht vorbei"

Experten rechnen außerdem mit weiteren Erdstößen. "Die Gefahr ist nicht vorbei. Man muss mit weiteren starken Nachbeben rechnen", warnte der italienische Seismologe Warner Mazzocchi. Schon in der Nacht auf Montag hat es wieder heftige Nachbeben gegeben. Die schwersten Erdstöße erreichten dabei eine Stärke von 3,7, bisher wurden etwa 100 Nachbeben registriert.

Bereits im Jänner gab es im Raum zwischen Parma und Reggio Emilia Beben, die eine Stärke von 5,4 auf der Richterskala erreicht hatten. Dabei zählten die Provinzen Ferrara und Modena laut Experten nicht zu den stark gefährdeten Regionen in Italien.

 

Beben gefährdet 5000 Jobs

Die vom Erdbeben betroffenen Gemeinden rechnen mit Schäden in Millionenhöhe. Hunderte Gebäude und Fabrikanlagen wurden zerstört. Das Erdbeben hat eine der wirtschaftlich vitalsten Regionen des Landes hart getroffen. In den Provinzen Ferrara, Modena und Bologna konzentriert sich ein Großteil der italienischen Lebensmittelproduktion. Mit 200 Millionen Euro bezifferte der italienische Landwirtschaftsverband Coldiretti die Schäden des Erdbebens allein im Agrar- und Lebensmittelbereich. Lager- und Treibhäuser, Ställe und Fabriken wurden beschädigt. Nutztiere seien in eingestürzten Ställen verendet, klagte der Verband. Wegen des Erdbebens seien 5000 Jobs in der Landwirtschaft und Industrie gefährdet, warnte der Gewerkschaftsverband CGIL.

Arbeiter von Trümmern erschlagen

Vom Beben besonders betroffen waren die Provinzen Modena, Ferrara, Bologna und Mantua. Mindestens vier Arbeiter starben in den Trümmern ihrer Betriebe. Eine Seniorin wurde in ihrer Wohnung von Teilen einer herunterfallenden Decke erschlagen. Sie wäre im Juni 103 Jahre alt geworden.

Eine 86-Jährige erlitt einen Schlaganfall. Eine 37-jährige Deutsche, die sich aus beruflichen Gründen in der Nähe von Bologna aufhielt, bekam Medienberichten zufolge nach dem Erdbeben Atemprobleme und starb.


Wo die Adriatische Platte abtaucht

Das schwere Erdbeben in Norditalien hat sich dort ereignet, wo die Adriatische Platte beginnt, unter das Tyrrhenische Meer abzutauchen. Die Platte steht dort unter großem Druck. Sie staut Richtung Südwesten den Apennin auf - so wie nach Norden die Alpen.

"Normalerweise ereignen sich Erdbeben im Apennin - so wie zum Beispiel in L'Aquila. Diesmal war es an der Vorfront. Das kommt sehr selten vor, nur alle paar hundert Jahre", sagte Seismologe Wolfgang Lenhardt von der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG). Im Raum L'Aquila hatte sich zuletzt im April 2009 ein schweres Erdbeben ereignet. Durch die Erdstöße, die eine Stärke von mehr als 6,0 erreichten, starben über 300 Menschen. Im Mai 1984 gab es dort nach einem Beben der Stärke 5,2 drei Tote und so wie vor zwei Jahren Zehntausende Obdachlose.

Kulturdenkmäler schwer beschädigt

Das Erdbeben hat auch viele Kilometer vom Epizentrum entfernt Denkmäler, kulturhistorisch bedeutende Bauten und Kunstwerke schwer in Mitleidenschaft gezogen. Nach Angaben von Kulturminister Lorenzo Ornaghi machen die Schäden Dutzende Millionen Euro aus. Experten des Ressorts sind dabei, das genaue Ausmaß festzustellen. Besonders betroffen sind Kirchen und Schlösser in den Provinzen Modena, Bologna und Ferrara.

"Rund um das Epizentrum ist kein einziges Monument unbeschädigt geblieben", sagte Carla Di Francesco, Direktorin des Denkmalschutzes der Region Emilia Romagna. Nun müssten die Kunstwerke in Sicherheit gebracht werden, die sich in beschädigten Kirchen befinden. In Ferrara, einst Sitz der Herrscherfamilie Este, wurde der "Löwenturm" des Stadtschlosses schwer beschädigt. Auch das Museum Boldini und die Kirche San Carlo wurden in Mitleidenschaft gezogen.

Erhebliche Schäden hat das Erdbeben auch in der aus dem 11. Jahrhundert stammenden Basilika Santa Maria in Vado angerichtet. Der Palazzo Diamanti, in dem seit Jahren Kunstausstellungen stattfinden, wurde aus Sicherheitsgründen gesperrt. Der Bürgermeister von Ferrara, Tiziano Tagliani, sprach von erheblichen Zerstörungen. "Wir haben die komplette Liste der beschädigten Palazzi noch nicht aufstellen können", sagte Tagliani.

(Ag./red.)

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